Bei Brecht hat sich in meinem Leben mehrmals ein Kreis geschlossen. "Der Kaukasische Kreidekreis" war das erste Theaterstück, das ich in der Schule gelesen habe, auch die erste Schulaufführung, bei der ich mitgewirkt habe. Dann durfte ich den "Kreidekreis" hier am Burgtheater spielen und habe meinen Mann kennengelernt. Jetzt - 20 Jahre später - stehen wir wieder bei einem Brecht-Stück gemeinsam auf der Bühne und haben morgens den gleichen Weg zu den Proben. Damals war es auch Herbst und demnächst wird drüben am Rathausplatz beim Weihnachtsmarkt unser 21. Herzbaum erleuchtet sein. Das ist, wenn es nicht so kalt wäre, wie ein zweiter Frühling!

Standen Sie und Ihr Mann tatsächlich all die Jahre nicht gemeinsam auf der Bühne?

Abgesehen von "Spatz und Engel" mussten wir hier am Burgtheater 20 Jahre darauf warten. Es ist fast ein bisschen sentimental. Dirk steht wieder mit Helm und Gummimantel auf der Bühne und ich denke mir: Mein Gott, da liegen 20 Jahre dazwischen, das ist nicht zu fassen!

In Ihrer Autobiographie "Das Schnitzel ist umbesetzt!" gewähren Sie einen offenherzigen Einblick in Ihr Leben. Interessant fand ich unter anderem die Tatsache, dass Sie just während Ihrer ersten Schwangerschaft wieder zu der Freude zurückfanden, die Sie früher für das Theaterspielen empfanden. Was war geschehen, dass diese Freude eine Zeit lang von Angstzuständen überlagert war?

Der Erfolgsdruck und die Erwartungshaltungen wurden immer größer. Ich hatte plötzlich nicht mehr das Gefühl, ins Theater zu dürfen, sondern ins Theater zu müssen. Ich hatte völlig vergessen, wie ich mich gefreut habe, als ich bei der ersten Hauptprobe meines Lebens endlich den Leuten zeigen durfte, was wir wochenlang erarbeitet haben. Diese Freude war verschwunden und es wurde alles ein bisschen verkrampft. Aber als ich wusste, dass ich ein Kind erwarte, hat sich dieser Zustand aufgelöst. Die Verantwortung für ein anderes Wesen brachte wieder die Freude fürs Theaterspielen mit sich. Der Mutterinstinkt hat dem Theaterinstinkt wieder eine Bedeutung gegeben.

Auch ein anderes Beispiel aus Ihrem Leben zeigt, wie sich von einem Moment zum anderen alles zum Guten wenden kann. 1986, also zu Beginn Ihrer Karriere, feierten Sie in Bremen in der Rolle der Edith Piaf große Erfolge. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie damals aus Sorge um Ihre Stimme auf dem besten Weg waren, von Kortisonspritzen abhängig zu werden. Dann kam ein neuer Theaterarzt, der sich weigerte, Ihnen diese Spritze zu verabreichen. Und siehe da: Plötzlich ging es auch ohne Kortison.

Diese Dinge gehören zu der Entwicklung eines Schauspielers dazu. Sich bis zur Selbstaufgabe mit einer Rolle zu identifizieren hat viel mit Neugierde und jugendlichem Leichtsinn zu tun. Mit der Zeit findet man dann seine Methoden und Rituale, um mit gewissen Situationen umzugehen. Ich vergleiche das gerne mit einem Sportler, der im Wissen um seine Grenzen seine Kräfte einzuteilen weiß und wohl dosierte Trainingseinheiten absolviert. Aber auch das muss man eben erst einmal lernen.

Apropos Lernen bzw. Schnelllernen: Sie haben in der Theaterszene den Ruf als Parade-Einspringerin. Einmal sprangen Sie beispielsweise für Gusti Wolf im Stück "Harold and Maude" ein und studierten die Rolle der Maude am Vorabend der Vorstellung ein. Wie schaffen Sie das? Haben Sie da eine bestimmte Methodik, Texte derart schnell zu lernen?

Mittlerweile merke ich natürlich schon ein bisschen die Reife, es ist mir schon mehr zugeflogen, als es jetzt der Fall ist. Aber ich lerne immer noch wahnsinnig leicht, das habe ich einfach mitgekriegt. Auf diese Weise spare ich viel Zeit, die ich für anderes nutzen kann.

Beispielsweise für das Regiefach, in das Sie in letzter Zeit immer öfter wechseln. Was ist Ihr Credo, wenn Sie Regieführen?

Ich beschäftige mich sehr stark mit dem Ensemblegedanken. Auch hier gibt es Analogien zum Orgelspiel, zur Musikalität. Für mich ist Sprache eigentlich eine große Musik. Regieführen sehe ich als Mischung zwischen Dirigieren und Interpretieren. Bilder für diesen Weg zu geben und Teil dieses Orchesters zu sein, fasziniert mich sehr.

Sie spielen Klavier und Orgel, sind ausgebildete Mezzosopranistin - liegt Ihnen die Musik näher als das gesprochene Wort?

Im nächsten Leben singe ich nur noch! Nein, Sprache an sich interessiert mich natürlich. Deshalb habe ich mich als junge Schauspielerin auch entschieden, nicht Musical zu machen, sondern in die Menschenschicksale einzutauchen. Sprache als höchste musikalische Form zu sehen, finde ich interessant. Aus diesem Grund fasziniert mich auch die Musikalität von Bernhard- und Jelinek-Texten mit all diesen Sprachspielereien und fugenartigen Zusammensetzungen.

Auf der Bühne verkörpern Sie die unterschiedlichsten Charaktere. Was liegt Ihnen persönlich mehr: Komödie oder Tragödie?

Ich glaube, mein Weg ist eher jener von der Komödiantin zur Tragödin. Aber für mich gehören Komödie und Tragödie zusammen. Wie die lachende und weinende Maske, die miteinander verbunden sind. Eine wirkliche Komödiantin schleppt immer die Tragödin mit sich herum und umgekehrt. Aber unabhängig davon, welchen Charakter man zu verkörpern hat: Es ist immer ein Vergnügen eine Figur zu ergründen und in sich zu finden.

Claus Peymann, der Sie 1991 nach Wien ans Burgtheater holte, war von Ihrem Mut angetan. Sehen Sie sich selbst auch als mutigen Menschen?

Mutige Menschen sind ängstliche Menschen. Wenn ich mich nicht fürchte, brauche ich auch keinen Mut. Ein mutiger Mensch ist jemand, der seine Angst nicht zeigt, sich etwas traut und somit seine Angst überwindet.

Gab es eine bestimmte Begebenheit, dass Peymann von Ihnen diesen Eindruck gewann?