"Die Musik und das Instrument sollten eigentlich nur als verlängerter Arm des Körpers fungieren." Toni Stricker - © Foto: Robert Wimmer
"Die Musik und das Instrument sollten eigentlich nur als verlängerter Arm des Körpers fungieren." Toni Stricker - © Foto: Robert Wimmer

"Wiener Zeitung": Herr Stricker, mit Ihrem Namen verbindet man zuallererst die von Ihnen geprägte "Pannonische Musik", aber auch swingenden Jazz. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Sie eine "Pannonische Messe" geschrieben haben, die nicht nur zur Weihnachtszeit in Kirchen aufgeführt wird. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Messe zu schreiben?

Toni Stricker: Es war eigentlich gar nicht meine Idee. Vor rund 35 Jahren hat mich der damalige Eisenstädter Diözesanbischof Stefan Laszlo nach einem Konzert gefragt, ob ich nicht einmal eine Messe schreiben möchte. Mich hat dieser Vorschlag damals natürlich überrascht und ich meinte: Das kann man sich überlegen. Letztendlich hat es weitere 30 Jahre gedauert, bis ich mich konkret mit diesem Thema befasst habe.

Musikalisch lehnt sich die "Pannonische Messe" an die Tradition von schlichten Volksmessen - etwa im Stile Franz Schuberts - an. Sollte die Komposition in diese Richtung abzielen?

Ja, Franz Schuberts Deutsche Messe "Wohin soll ich mich wenden . . . " hatte in gewisser Weise Vorbildcharakter und sollte mit Klängen aus dem pannonischen Raum ergänzt werden. Ich wollte eine Volksmesse schreiben, die von der Kirchengemeinde gesungen werden kann. Für festliche Aufführungen habe ich ein Arrangement für gemischten Chor, Orgel und Solo-Violine geschrieben. Die Parts der Solo-Violine wollte ich gerne selbst übernehmen, um mit einer sehr erzählenden, teils improvisatorischen Spielweise einen Kontrapunkt zum eher klassisch konzipierten Chor zu setzen. Damit wollte ich meine sehr persönliche musikalische Umsetzung Pannoniens auch innerhalb dieser Messe andeuten.

Zuletzt bei einer Aufführung der "Pannonischen Messe" in Rust konnte man die Beobachtung machen, dass einige Menschen zu Tränen gerührt waren.

Musik zählt für mich nur, wenn sie berührt. Ich halte nichts vom reinen Virtuosentum. Ich bin glücklich, wenn ich vor dem Publikum stehe und spiele. Dann ist auch das eine oder andere Wehwehchen vollkommen vergessen. Das finde ich wichtig, dass man sich reinfallen lassen kann in die Musik. Und wenn man dabei Menschen berühren kann, ist das doch schön!

Der Biologe Bernd Lötsch prägte folgenden Ausspruch: "Das wichtigste Bekenntnis Toni Strickers ist das zu Harmonie und Schönheit in der Natur und in der Kunst. Ehrfurcht vor der Schöpfung". Stimmen Sie damit überein?

Das sehe ich so. Es gibt ein Wort, das schon fast in Vergessenheit geraten ist, und ich finde, das sollte für uns Menschen zumindest zeitweise wichtig sein: Demut. Ich sehe die Menschheit nicht als etwas so überragend Großartiges, dass sie sich über alles hinwegsetzen kann.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Ich bin an und für sich ein gläubiger Mensch, bin auch von Kind an so erzogen worden. Das heißt aber nicht, dass ich mit allen Dingen, die in der Kirche passieren oder vonseiten der Kirche ausgehen, einverstanden bin. Da gäbe es sehr viel zu kritisieren und ich hoffe, dass dahingehend etliches durch den neuen Papst passieren wird.

Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie viele musikalische Perioden durchlebt. Zu Beginn stand die klassische Ausbildung am Konservatorium in Wien, danach kam die Hinwendung zum Jazz.

Der Jazz war eigentlich naheliegend, weil das Kriegsende für uns eine andere Welt bedeutete. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste man hierzulande ja kaum etwas über Jazz. Mit Auftritten in amerikanischen Jazzclubs habe ich mir teilweise mein Studiengeld fürs Konservatorium verdient.

Es war in Ihren Augen also eine ganz natürliche Entwicklung, dass Sie sich als junger Mann in Jazzkreisen bewegten?

Ja, auf der anderen Seite war mir bewusst, dass ich, wenn ich Musiker werden möchte, das Instrument anständig erlernen muss. Ich habe meine klassische Ausbildung sehr ernst genommen und täglich vier Stunden geübt. Als mein Studium abgeschlossen war und nur noch das Diplom gefehlt hätte, kam mein lieber, mittlerweile leider verstorbener Freund Joe Zawinul und bot mir an, in der Jazzband Vera Auer einzusteigen, die damals nicht nur in Österreich ausgesprochen erfolgreich war. Das war natürlich ungemein reizvoll, weil neben Zawinul auch Attila Zoller und Hans Salomon in der Band spielten, allesamt hervorragende Musiker.

Kurzum: Sie haben sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen?

Ich bin in die Band eingestiegen und habe das auch mit meinem Professor am Konservatorium besprochen. Er war immer ein sehr offener Mensch und ich habe ihm viel zu verdanken. Er war nicht nur Musiker, sondern Musikant.

Dasselbe meinte einmal André Heller über Sie. Was genau ist der Unterschied zwischen einem Musiker und einem Musikanten?

Das Musikantentum muss man haben, Musiker kann man lernen.

Im Gegensatz zu Joe Zawinul kam bei Ihnen dann allerdings der Punkt, wo Sie den Entschluss fassten, nicht Ihr ganzes Leben dem Jazz zu widmen.

Joe Zawinul hat sich in seiner Art total verwirklicht, weil er immer nur auf schwarze Musik gestanden ist und fest davon überzeugt war, dass er all seine Pläne nur in Amerika realisieren kann. Was er auch getan hat. Er bekam ein Stipendium für die Berklee School in Boston und feierte nahtlos Erfolge mit Jazzgrößen wie Dinah Washington oder Cannonball Adderley. Ich wollte nie nach Amerika gehen, war immer ein bodenständiger, sehr mit Österreich verbundener Mensch. Ich wollte hier Musik machen, gründete meine eigene Formation und spielte zwischendurch unter anderen mit Johannes Fehring, Erwin Halletz, Fatty George oder mit Paul Kuhn in Berlin sowie mit Max Greger in München.