Seit 1990 schreiben Sie regelmäßig Dramolette für den "Standard", die inhaltlich zumeist aktuelle Bezüge zur österreichischen Kultur- und Tagespolitik aufweisen. Warum legen Sie großen Wert auf eine Abgrenzung zwischen Dramolett und politischer Glosse?

"Ich wollte ein Buch schreiben, dessen Handlung anders verläuft, als man erwarten würde, ein bisschen unangenehm . . ." Antonio Fian im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. - © Foto: Robert Wimmer
"Ich wollte ein Buch schreiben, dessen Handlung anders verläuft, als man erwarten würde, ein bisschen unangenehm . . ." Antonio Fian im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. - © Foto: Robert Wimmer

Der Theaterwissenschafter Klemens Gruber hat als Charakteristikum meiner Dramolette bezeichnet, dass sie nicht nacherzählbar sind. Das Dramolett muss man selbst lesen. Ich denke, das beschreibt den Unterschied recht gut.

Das Dramolett spitzt sich also nicht auf eine nacherzählbare Pointe zu?

Es kann nicht wie ein Witz oder eine Pointe erzählt werden, sondern lebt nur als ganzes Gebilde.

Wie wichtig ist die Aktualität?

Aktualität spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn die Dramolette nur für den Tag geschrieben wären, würde ich nicht Wert darauf legen, dass sie auch als Bücher erscheinen. Und wenn konkrete Personen vorkommen, wie beispielsweise Claus Peymann, dann interessiert mich nicht Peymann als Person, sondern die Figur, die er darstellt: also die Figur eines Direktors eines bedeutenden österreichischen Staatstheaters.

Mitunter gibt es auch scharfe Polemiken, beispielsweise gegen André Heller oder Robert Menasse. Reagieren die Betroffenen auf Ihre Texte?

Die meisten nehmen das sehr gelassen, das sind ja lauter intelligente Menschen. Und die wenigen, oft auch ein wenig untergriffigen Reaktionen nehme wiederum ich gelassen.

Würden Sie die Wirklichkeit oder eher die Fantasie als zündenden Gedanken für Ihre Texte bezeichnen?

Das ist verschieden. Manche Dramolette klingen, als wären Sie im Wirtshaus mitgehört und sind frei erfunden. Bei anderen verhält es sich so, wie Karl Kraus im Vorwort zu den "Letzten Tage der Menschheit" schreibt: "Die grellsten Erfindungen sind Zitate".

Sehen Sie sich in der Tradition von Karl Kraus?

Natürlich. Nestroy, Kraus, auch Qualtinger und Bernhard kann man nicht ignorieren, wenn man in Österreich Satire schreibt. "Die letzten Tage der Menschheit" sind ein Meilenstein.

"Die letzten Tage der Menschheit" könnte man als Abfolge von Minidramen betrachten, die durch den historischen Bogen des Ersten Weltkriegs zusammengehalten werden. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Ihre Dramolette ebenfalls in einen größeren Zusammenhang zu stellen?

Es ist ein alter Wunsch von mir, dass, wenn ich einmal gestorben sein werde, meine Dramolette gesammelt unter dem Titel "Bilder des Friedens" erscheinen. Ich hoffe, der Frieden hält so lange.

Von Ihnen stammt das Zitat: "Ohne Zorn gibt es keine Satire". Was reizt Sie an der Widerrede?

Es gibt einfach Unangemessenheiten, über die ich mich aufrege und denen ich etwas entgegnen möchte. Ganz schlimm war es in den 1990er Jahren mit dem viel zitierten "Naziland Österreich". Da wurde maßlos übertrieben. Ich denke beispielsweise an die Aussage von Gerhard Roth, dass mehr als 50 Prozent der Österreicher verkappte Nazis sind. Derlei Aussagen waren in Mode. Es hat mich geärgert, wie viele österreichische Autoren auf diesen Zug aufgesprungen sind. Dieser jüngst auch wiederholte Sager von Robert Menasse, Österreich müsste sich heute wieder an Deutschland anschließen, diesmal allerdings aus antifaschistischen Gründen, ist meiner Ansicht nach eine Ungeheuerlichkeit. Ich denke auch, dass Bernhard - ohne dass man ihm das zum Vorwurf machen könnte - eine gewisse Mitschuld an den EU-Sanktionen gegen Österreich im Jahr 2000 hatte.

Inwiefern ist diese Mitschuld Ihrer Ansicht nach zu verstehen?

Bernhard ist in Frankreich sehr bekannt, wird viel gelesen und oft aufgeführt. Mein Eindruck ist, dass die Bernhard-Werke in Frankreich falsch interpretiert wurden und offensichtlich nicht als Satire, sondern als reales Bild von Österreich aufgefasst wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich "Le Monde" für eine hervorragend recherchierte Zeitung. Aber was da damals über Österreich verbreitet wurde, war mieseste Propaganda, unterste Schublade.

Eine Sonderstellung in Ihren satirischen Betrachtungen nimmt wohl auch das Land Kärnten ein?

Kärnten war meine Kindheit und Jugend. Ein wunderbares Land. Und war es nicht ein großartiges Schauspiel, wie die Kärntner innerhalb eines Wahltags von den Trotteln der Nation zu Vorzeigedemokraten geworden sind? So schnell kann das gehen!

Sie sind in Spittal an der Drau aufgewachsen und haben Volkswirtschaft studiert. War das ein Berufswunsch?

Nein. Ich wollte schon als Mittelschüler Schriftsteller werden. Und wenn man das will, ist auch klar, dass man sicher nicht Germanistik studieren wird. Nach der Matura habe ich dann in Wien ein Jahr die Handelsakademie besucht, weil meine Eltern ein Geschäft hatten, das ich eigentlich hätte weiterführen sollen. Das einzig halbwegs interessante Fach in der Handelsakademie war Volkswirtschaft, also habe ich diesen Studienzweig gewählt. 1980, nach Erhalt meines ersten Literaturstipendiums, habe ich das Studium abgebrochen, um freiberuflich zu schreiben.

Vier Jahre zuvor gründeten Sie bereits die Literaturzeitschrift "Fettfleck".

Das war eine interessante Konstellation. Mein Vater hatte für seinen Betrieb eine Kleinoffset-Druckmaschine, die wir für die Literaturzeitschrift benutzen durften. Mein Vater und ich hatten politisch sehr, sehr verschiedene Ansichten, aber wir haben beide gern gedruckt. So wurde der "Fettfleck" die Basis für einen historischen Kompromiss zwischen meinem Vater und mir.