"Der Gesamtressourcenverbrauch pro Kopf ist viel zu hoch, vor allem bei Mobilität und Ernährung": Christine Ax im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Heike Hausensteiner. - © Foto: Nurith Wagner-Strauss
"Der Gesamtressourcenverbrauch pro Kopf ist viel zu hoch, vor allem bei Mobilität und Ernährung": Christine Ax im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Heike Hausensteiner. - © Foto: Nurith Wagner-Strauss

In Ihrem Buch erwähnen Sie das Beispiel eines Sportschuhs um einhundert Euro, von denen nur 40 Cent Arbeitskosten sind.. Und wohin geht der Rest? In die Bürokratie, in Mieten, Werbung, Zertifizierung - wir haben einen Riesenapparat geschaffen, der nichts mit Wohlstand zu tun hat, aber mitfinanziert werden muss. Das gilt auch für andere Branchen. Meine These ist: Wir müssen vor allem für die Fehler und Trägheit der Politik wachsen, die keine echten Reformen schultern möchte. Die Wirtschaft muss wachsen, weil die Staaten hoch verschuldet sind und Versprechungen gemacht haben, die nur mit Wachstum einzuhalten sind, etwa im Bereich der Pensionen. Das zweite sind die Finanzmärkte. Die Zinslast erzeugt einen ungeheuren Druck auf die Unternehmen und uns alle, die das erwirtschaften müssen. Das ist aus dem Ruder gelaufen!

Sie gelten als Anhängerin des Handwerks. Wollen Sie das Handwerk retten?

Ich muss das Handwerk nicht retten (lacht). Das Handwerk rettet sich immer wieder selbst und erfindet sich permanent neu. Es ist ein immaterielles Kulturgut, das nur verschwindet, wenn es nicht weitergegeben wird. Für die ganze Kreativwirtschaft spielt unser aktives kulturelles Vermögen eine große Rolle. Ein paar Handwerksbereiche haben’s wirklich schwer. Wenn man Maturanten nach ihrem Berufswunsch befragt, nennen sehr viele kreative Berufe. Das Problem ist: Die Menschen, die diesen Weg dann gehen, können oft nur schwer davon leben. Das ist schade, denn ihre Arbeit ist meist nachhaltiger als andere.

Sie plädieren für das Grundeinkommen.

Menschen, die einen handwerklichen oder künstlerischen Beruf wie Designerin, Fotografin oder Journalistin ergreifen, haben es heute besonders schwer, weil ihre Produkte arbeitsintensiv sind. Und es erfordert viel Können. Das zu tun, was man wirklich liebt, ist aber ein ziemlich sicherer Weg zum Glück. Das kann man von Konsum nicht behaupten. Mein Wunsch und meine Empfehlung sind daher: Gebt Menschen die Möglichkeit und den Raum, die Fähigkeiten zu leben, die sie wirklich befriedigen. Das ist befriedigender als Konsum. Und wir können uns dabei ständig weiterentwickeln. Da wir ohnehin Arbeit umverteilen müssen, scheint mir das Grundeinkommen der Weg zu sein, der uns allen ermöglicht, den Weg zu gehen, der uns gut tut. Das kann je nach Lebensphase durchaus variieren. Manchmal und für manche steht das Geld im Vordergrund. Zu anderen Zeiten oder für andere die Familie, die Kunst, das gemeinschaftliche Engagement oder die Weiterbildung.

Kann man beziffern, wie viel Menschen brauchen, um im Leben glücklich zu sein, und ab welchem Betrag das wieder kippt?

Das ist eine sehr spannende Frage. Wir wissen aus weltweit vergleichenden Studien, dass es ein Existenzminimum gibt. Das sind ungefähr 15.000 Dollar jährlich. Da, wo die Menschen darunter leben müssen, sind diese strukturell unglücklicher. Aber die, die darüber liegen, sind deshalb nicht glücklicher. Ganz entscheidend für die Zufriedenheit ist das Umfeld, das hat auch etwas mit Teilhabe an der Gesellschaft und Kultur zu tun, mit Akzeptanz und Anerkennung. Deshalb spielt die Frage der Gleichheit eine so große Rolle in den Wachstumsdebatten. Die Gesundheitskosten steigen, wenn es Ungerechtigkeit, Ungleichheit und große soziale Unterschiede gibt. Das macht Menschen krank. Die Quellen des Glücks sind nicht Geld, sondern Freundschaft, Liebe, Kinder, Tätigkeiten, die uns Freude bereiten, weil wir uns entfalten dürfen.

Um auf die Arbeitsteilung zurückzukommen: Sie sind der Meinung, es ist genug Arbeit für alle da, sie gehört nur anders aufgeteilt?

Erstens muss man hinterfragen, worum es uns geht: Wollen wir primär eine bestimmte Arbeit oder brauchen wir primär ein Einkommen? Geht es den Menschen um die Tätigkeit oder um den Einkommensstatus? "Arbeit" hat viele Dimensionen. Und es gibt so viel sinnvolle Arbeit!

Unsere Produktivität, unser kulturelles Vermögen und unser hohes technologisches Niveau sind Gemeinschaftsgüter. Sie beruhen auf der Summe der Leistungen unserer Eltern, Großeltern und deren Vorgängergenerationen. Daher haben wir alle einen Anspruch auf Teilhabe daran. Dass heute ein winziger Teil der Gesellschaft einen riesigen Teil dieses "Kuchens" besitzt, schadet der Volkswirtschaft und erzeugt gefährliche Wachstumszwänge.

Was die Lebensarbeitszeit betrifft, lautet unser Vorschlag: Jeder arbeitet rund 25 Wochenstunden. Aber wir verteilen die Arbeit anders über die Lebensphasen, vor allem familiengerecht. In diesem Rahmen können wir unseren Wohlstand halten, die Lebensqualität erhöhen und das Demografieproblem lösen. Mehr ist nicht notwendig - vielleicht sogar weniger, denn wir sind mit der Automation noch nicht am Ende. Aber wir sollten die Lebensarbeitszeit verlängern und auch mit 65 Jahren oder 70 Jahren noch tätig sein. Daraus ergäben sich eine große Zahl positiver externer Effekte auf unser persönliches Wohlergehen und die Finanzierung des Sozialsystems.

"Entscheidend ist, wie wir das Zusammenspiel zwischen Stadt und Land organisieren und dezentral produzieren." Christine Ax - © Foto: Nurith Wagner-Strauss
"Entscheidend ist, wie wir das Zusammenspiel zwischen Stadt und Land organisieren und dezentral produzieren." Christine Ax - © Foto: Nurith Wagner-Strauss

Wer soll Ihre Thesen und errechneten Modelle in die Praxis umsetzen?

Unsere Aufgabe ist es, den Politikern zu sagen: Tut nicht so, als könntet Ihr mit den alten Antworten weiterarbeiten. Es gibt Alternativen, und wir sollten uns jetzt mit ihnen beschäftigen. Sagt den Wählern die Wahrheit. Lasst uns gemeinsam Strategien für den gesellschaftlichen und politischen Wandel entwickeln. Das SERI (die Denkwerkstatt "Sustainable Europe Research Institute" in Wien, Anm.) hat gemeinsam mit Experten und Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft eine ganze Reihe von "Policy Papers" geschrieben, die hier sehr konkret werden. Und mit der Initiative Wachstum im Wandel ist Österreich in diesem Diskurs ja auch sehr weit vorne in Europa.

Vertreter welcher Partei kämen für die politische Umsetzung in Frage?

Es gibt sowohl bei den Grünen und Sozialdemokraten als auch bei den Christdemokraten nachdenkliche Menschen. Das ist parteiunabhängig. Bei den deutschen Konservativen ist zum Beispiel Meinhard Miegel zu erwähnen. Unglücklicherweise sehe ich wenig Verständnis für dieses Pro-blem in den Gewerkschaften und in der Sozialdemokratie. Das liegt an ihrer Ideengeschichte und Herkunft. Die Gewerkschaften sind sehr nah dran an der Industrie und an den großen Konzernen. Weil sie in kleinen Betrieben keine Basis haben. Sie haben nichts am Hut mit Kleinbetrieben . . .