"Es gibt kein eindeutiges und auf alle Menschen zutreffendes Traumvokabular. Schließlich handelt es sich um höchst individuelle innere Entitäten." Brigitte Holzinger - © Foto: Robert Wimmer
"Es gibt kein eindeutiges und auf alle Menschen zutreffendes Traumvokabular. Schließlich handelt es sich um höchst individuelle innere Entitäten." Brigitte Holzinger - © Foto: Robert Wimmer

"Wiener Zeitung": Frau Holzinger, Sie leiten das Institut für
Bewusstseins- und Traumforschung und haben zuletzt ein Buch über Albträume veröffentlicht. Eine prinzipielle Frage vorweg: Warum träumen wir?

Brigitte Holzinger: Das ist eine Frage, die man nur aus Erfahrung beantworten kann. Eine wissenschaftliche Bestätigung gibt es noch nicht. Meine Meinung ist, dass wir im Traum sinnliche Eindrücke, die wir tagsüber bewusst oder unbewusst wahrnehmen, verarbeiten und in den bereits bestehenden Erfahrungsschatz integrieren. Ich denke, dass der Traum maßgeblich dazu beiträgt, dass wir eine innere Welt kreieren, die wir in der Folge als selbstverständlich erachten.

Was ist Ihrer Ansicht nach die Wurzel des Traumes?

Die Wurzel des Traumes würde ich im Gefühl orten. Meiner Ansicht nach sind Träume Gefühle und Gedanken, die in bewegten Bildern dargestellt werden. Mit bewegten Bildern meine ich aber nicht einen Film, sondern vielmehr eine Art Tableau von Sinneseindrücken, die sich in Bewegung befinden. Man könnte auch von Atmosphären sprechen, die eng mit unserer Existenz verknüpft sind und die für uns in irgendeiner Weise wichtig sind.

Träumt jeder Mensch, zumal sich nicht jeder an seine Träume erinnern kann?

Die Schlafforschung geht davon aus, dass wir im REM-Schlaf, also im Schlaf der schnellen Augenbewegungen, immer träumen. Wenn man Menschen aus dem REM-Schlaf weckt, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 97 Prozent, dass man Traumberichte erhält. Allerdings ist leider immer noch nicht ausreichend erforscht, ob wir nicht auch in anderen Schlafphasen träumen oder traumähnliche Vorgänge haben.

Sie haben ein Buch zum Thema "Schlafcoaching" veröffentlicht. Hier sprechen Sie davon, dass dem Schlaf eine bestimmte "Architektur" zueigen ist.

Unser Schlaf läuft in Zyklen ab, die jeweils etwa 90 Minuten dauern. Verkürzt gesagt, wechselt sich der komaähnliche Tiefschlaf mit dem REM-Schlaf ab, dazwischen kennen wir Übergangsstadien. Wenn jemand nun acht Stunden schläft, wiederholt sich dieser Zyklus pro Nacht fünf Mal, und man hat somit auch fünf REM-Schlafphasen, also fünf Zyklen, in denen man träumt.

Woran liegt es dann, dass manche Menschen so gut wie keine Erinnerung an ihre Träume haben?

Hier gibt es eine Theorie des amerikanischen Schlafforschers Allan Hobson, die meiner Ansicht nach aus heutiger Sicht zu eindimensional ist, aber als Beschreibung doch brauchbar sein kann. Hobson sagt, der Stoff, aus dem die Träume sind, steht mit dem Neurotransmitter Acetylcholin in Verbindung. Zum Erinnern brauchen wir auch Adrenalin, also Kraft und Energie, dies ist der Botenstoff des Wachwerdens oder des Wachseins. Demgegenüber ist Acetylcholin auf das parasympathische Nervensystem abgestellt, also nicht auf Leistung, sondern auf Entspannung. Dies sei auch der Grund, weshalb wir die Träume vergessen. Hobson vertritt die These, dass Träume nichts weiter als das Produkt eines zufälligen Neuronenfeuers sind - und dazu bestimmt, dass wir sie vergessen.

Ihrer Auffassung nach hat der Traum aber durchaus eine wichtige Funktion.

Der Traum tut, was er tun soll, auch wenn wir uns nicht an ihn erinnern können. Möchte man eine seelische oder innere Entwicklung beschleunigen, kann man sich bewusst dem Traum zuwenden. Traumarbeit ist in nahezu allen psychotherapeutischen Schulen ein profundes Mittel, um den facettenreichen Persönlichkeitsstrukturen eines Menschen näher zu kommen.

Welchen Ansatz der Psychotherapie vertreten Sie?

Meine psychotherapeutische Heimat ist die Gestalttherapie, manche nennen sie auch "Therapie der Gefühle". Die Gestalttherapie kennt auch den Begriff der Selbstorganisation, der Selbstheilung des Körpers. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Störendes oder unfertige Gestalten gleichsam "automatisch" vollendet werden, sodass der Organismus sich ständig verändert, wächst oder wie der Evolutionspsychologe sagen würde, sich ständig anpasst. Dies erklärt auch die Ansicht der Gestalttherapie, dass der Traum uns entwickelt, egal, ob wir ihn uns merken oder nicht.

Was hat Sie bewogen, Ihr Wirken der Schlaf- und Traumforschung zu widmen?

Begonnen hat es damit, dass ich in meiner Therapieausbildung durch den Gestalttheoretiker Paul Tholey erstmals vom sogenannten Klarträumen gehört habe. Klarträume, auch luzide Träume genannt, sind Träume, in denen man genauso bei Bewusstsein ist wie im Wachzustand, aber tatsächlich weiterträumt. Obwohl man schläft, verfügt man im Traum über Entscheidungsfreiheit. Diese Entdeckung war damals ganz neu, und die romantisch verklärte Vermutung lag nahe, dass sich über das Klarträumen viele Rätsel der Psychologie lösen ließen. In Anlehnung an Freud, der den Traum als Königsweg zum Unbewussten bezeichnete, eröffnete das Klarträumen nun die neue Perspektive, möglicherweise direkt auf das Unbewusste einwirken zu können.

Das Klarträumen war auch Thema Ihrer Dissertation.

Ich hatte das Glück, dass ich meine Dissertation in Stanford verfassen konnte, an der damals größten Klinik für Schlafforschung, die von William Dement gegründet und geleitet worden ist. Er hatte auch Interesse an Pionierthemen und so landete ich mit dem Thema Klarträume im Herzen der Schlafmedizin. Dies kam mir auch insofern entgegen, weil in der Schlafmedizin der naturwissenschaftliche Aspekt sowie der Forschergeist sehr im Vordergrund stehen. Ich verfolge die Psychotherapie wirklich mit Leib und Seele, aber in diesem Bereich gibt es auch massive Grabenkämpfe, die meiner Ansicht nach daher rühren, dass es in der Psychotherapie keinerlei Objektivitäten gibt. Ich wollte allerdings auch Grundlagenforschung betreiben und bin deshalb in die medizinische Forschung hineingewachsen.