"Ich bin ein großer Verfechter der Handzeichnung, weil ein Computer selbst ja nicht kreativ sein kann": Gustav Peichl im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. - © Foto: Robert Wimmer
"Ich bin ein großer Verfechter der Handzeichnung, weil ein Computer selbst ja nicht kreativ sein kann": Gustav Peichl im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. - © Foto: Robert Wimmer

Das ist das Stichwort zu Ihrer zweiten großen Begabung: der Karikaturzeichnung. Ihre erste politische Karikatur unter Ihrem Pseudonym "Ironimus" erschien 1949 im "Kurier".

Damals war Besatzungszeit und der "Kurier" war eine amerikanische Zeitung. 1949 war ein junger Amerikaner Chefredakteur, dem meine Zeichnungen von russischen Soldaten gut gefielen. Ich wohnte damals im 2. Bezirk, also in der Russenzone, und musste mir ein Pseudonym einfallen lassen, weil die sowjetische Besatzungsmacht keinen Spaß verstand, wenn man Witze über Russen machte. Da ich ein begeisterter Lateinschüler war, habe ich in der Sekunde "Ironimus" erfunden. Damals ging ich allerdings davon aus, dass ich dieses Pseu-donym nur für die Dauer der Besatzungszeit behalten würde. Jetzt ist mir dieser Name lebenslang geblieben.

Seit 1954 wurden Ihre Karikaturen regelmäßig in der "Presse" sowie in der "Süddeutschen Zeitung" und der Schweizer "Weltwoche" veröffentlicht. Sie gelten als Chronist der Zweiten Republik und haben nicht weniger als elf Bundeskanzler erlebt - von Figl bis Faymann. Welche österreichischen Politiker haben Sie am liebsten karikiert?

Julius Raab, Leopold Figl, Bruno Kreisky und Fred Sinowatz.

Weil diese Politiker markante Gesichter hatten?

Zum einen deshalb, zum anderen, weil sie Persönlichkeiten ersten Ranges waren. In Bezug auf Kreisky prägte ich einmal den Spruch: Wenn es die politische Karikatur nicht gäbe, für Bruno Kreisky müsste man sie erfinden. Gibt es für Sie Grenzen, wie weit man mit einer Karikatur gehen darf?

Ich kenne keine Grenzen. Ich pflege die politische Karikatur mit Humor und nicht mit Bösartigkeit. Manfred Deix ist ein großartiger Zeichner und sehr gebildeter Mann, aber seine Zeichnungen sind ungustiös. Das liegt mir nicht, daher ist bei mir auch nicht die Gefahr gegeben, dass ich jemanden richtig beleidige. Ich kann auch hart mit den Leuten umgehen, aber mein Anliegen ist, nie gemein und vulgär zu sein.

Gibt es Parallelen zwischen Architektur und Karikatur?

In beiden Bereichen ist es wichtig, Dinge auf einen einfachen Nenner zu bringen. Wenn der Leser die Zeitung aufschlägt, muss für ihn auf den ersten Blick ersichtlich sein, was eine Karikatur zum Ausdruck bringen will. Dasselbe gilt für die Architektur: Ich bin ein Anhänger der sparsamen Grundrisse, das muss funktionieren und darf nicht aufwändig sein oder repräsentativ. Eine weitere Parallele ist die rasche Entscheidungsgabe und Exaktheit in der Ausführung. Wenn man als Architekt an einem Wettbewerb teilnimmt, muss man die Kernthematik rasch erfassen. Was ist das Wichtigste? Was sollte man vermeiden? Dem gedanklich nachzuspüren ist dem Architekten und dem Karikaturisten zueigen.

Wieviel Heiterkeit verträgt Ihrer Ansicht nach die Architektur?

Ich bin von Grund auf ein heiterer Mensch. Ich lache gerne und versuche andere zum Lachen zu bringen. Das Karikaturmuseum Krems, aber auch viele andere meiner Bauten haben etwas Humorvolles.

Beispielsweise die drei Hütchen am Dach der Bundeskunsthalle in Bonn. Apropos Deutschland: Wie kam es, dass Sie in Deutschland mehr Bauprojekte realisiert haben als in Österreich?

Weil ich diese Wettbewerbe gewonnen habe. Helmut Kohl zählte auch zu jenen Menschen, die ich nicht nur als Bauherr sehr geschätzt habe. Von intelligenten Menschen habe ich in meinem Leben viel gelernt. Wobei ich bei Bekannten oder Freunden immer die Widerrede mehr geschätzt habe, als wenn mir jemand schmeicheln wollte. Lobeshymnen haben mich aus dem einfachen Grund nicht so sehr interessiert, weil man ja nie wissen kann, ob diese ernst gemeint sind. Bei Kritik weiß man immer, dass sie ernst gemeint ist.

In dieser Hinsicht dürften Sie bei Thomas Bernhard an der richtigen Adresse gewesen sein!

Ja, er wohnte in Sievering und wir gingen oft spazieren. Er hat Architekten gehasst und es hat ihm gefallen, wie wir debattiert haben. Ein toller Mann! Auch mit Qualtinger und Hrdlicka gab es herrliche Diskussionen. Mit Hrdlicka war ich schon an der Akademie, er war Schachmeister und Kommunist und ungeheuer gebildet. Nach der Ungarnkrise ist er aus der Partei ausgetreten, aber er war Zeit seines Lebens ein politisch denkender Mensch. Auch Hundertwasser schätzte ich sehr.

Als Architekt oder als Maler?

Als Mensch!

Von 1973 bis 1998 leiteten Sie die Meisterschule für Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ersetzen heutzutage Computerprogramme das Zeichentalent?

Eben nicht! Ich bin ein großer Verfechter der Handzeichnung, weil der Computer selbst ja nicht kreativ sein kann. Der Computer ist ein wichtiges Werkzeug, das ich auch nicht verteufeln möchte, aber Computerprogramme entsprechen letztlich der Größe des Geistes desjenigen, der sie programmiert hat.

Mit anderen Worten: Architekturstudenten müssen nach wie vor zeichnen können?

Bei mir jedenfalls! Die Akademie hat nun auch eine Stiftung für die Architekturzeichnung ins Leben gerufen, im Zuge derer ich als Namensgeber fungiere. Der Gustav-Peichl-Preis für Architekturzeichnung wird heuer erstmals vergeben.

Das Gustav Peichl-Archiv in der Akademie der Künste in Berlin hat vor kurzem den Bildband "Die Zeichnung ist die Sprache des Architekten" herausgebracht. In diesem Buch finden sich Skizzen zu allen 23 Bauprojekten, die Sie in Deutschland realisiert haben. Nahezu jede dieser Zeichnungen hat auch eine humorvolle Note.

Wenn ich etwas zeichne, ist das immer der Peichl. Da können schon manchmal die Ebenen verschwimmen. Auf ein leeres Blatt Papier den ersten Strich zu setzen, ist immer ein Abenteuer. Skizzieren ist abenteuerliches Nachdenken auf dem Papier. Die Skizze nimmt mir nicht die Freiheit, später, im Entwurfprozess, zu ändern oder auch einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Für mich findet ein Entwurfprozess zunächst im Kopf statt. Ich stelle mir viele formale Möglichkeiten einer Gestaltgebung und Funktionserfüllung bildlich vor und versuche, diese Vorstellung kurz gefasst und einfach zu Papier zu bringen.