Charakteristisch für Ihr architektonisches Schaffen ist auch die Integration von Schifffahrtssymbolen. Woher rührt diese Faszination?

Schiffe sind deswegen so beispielhaft, weil sie die sparsamsten Bauwerke sind, die es gibt. Die berühmten Schiffsbauer mussten auf kleinstem Raum eine gute funktionale Architektur bewerkstelligen. Der beste Grundriss ist jener eines Schiffes. Das habe nicht nur ich übernommen, sondern auch die russischen Kons-truktivisten in den 1920er, 1930er Jahren und zuvor natürlich Otto Wagner.

Sie gelten als kritischer Beobachter der Architekturszene.

Ich trau’ mir etwas zu sagen. Was in Wien beispielsweise zu den fürchterlichsten Bauten zählt, ist das Projekt Wien-Mitte. Völlig maßstablos und unpassend! Dasselbe gilt für das schreckliche Bauvorhaben am Heumarkt. Der Eislaufplatz wurde vertraglich gesichert, aber nebenan wird ein Hochhaus gebaut, das alles kaputt macht. Zu den schlechtesten städtebaulichen Entscheidungen zählt auch, dass in den 1960er Jahren die Bebauung der Dachlandschaften freigegeben wurde. Graz, Salzburg und Wien waren Städte mit großartigen Dachlandschaften. Aber jene in Wien ist heute weitgehend zerstört. Es geht um Gewinnmaximierung: ein Grundstück kaufen, bebauen, ausnützen. Diese Entwicklung betrifft auch Grinzing. Als ich 1962 hierher gezogen bin, waren am Dorfplatz 14 Heurige. Heute gibt es zwei, alles andere sind nun Luxusbauten, die sehr teuer an Russen verkauft werden oder an Botschaften. Mit der Umwidmung von Grundstücken wird irrsinnig viel Geld gemacht.

Was sind Ihrer Ansicht nach die architektonischen Highlights von Wien?

Die Bauten von Adolf Loos, Josef Hoffmann und Otto Wagner.

Wenn Sie heute Ihre Bauwerke betrachten, sind Sie zufrieden damit?

Zufrieden bin ich nie. Ich mache etwas fertig und denke mir: Da könnte man noch etwas verbessern! Aber ich bin stolz auf das, was ich in der Architektur erreicht habe.

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, jahrelang Kulturredakteurin bei der "Wiener Zeitung", lebt nun als freie Journalistin, Autorin und Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur "Lineaart" in Wien.