"Wiener Zeitung": Frau Gavalda, in Ihrem neuen Buch geht es unter anderem um Eselstouren in den französischen Cevennen, die seit einigen Jahren gerade bei Familien mit Kindern sehr beliebt sind. Haben Sie das selbst ausprobiert?

Anna Gavalda: Ehrlich gesagt, nein, ich stelle es mir jedoch sehr lustig vor: all diese hippen Großstädter aus Paris, Berlin oder Wien, die zum Teil noch nie in ihrem Leben einen Esel gesehen haben und zudem häufig keinerlei Erfahrung im Umgang mit Tieren besitzen. Wenn man bedenkt, was für Charakterköpfe Esel sind, müssen sich bei diesen Touren sehr schöne Szenen abspielen.

Sie selbst besitzen sogar einen Esel namens Bourriquet. Hätte es nicht auch ein Hund oder eine Katze als Haustier getan?

Hören Sie, ich lebe auf einem Bauernhof, ich besitze also jede Menge Haustiere, darunter auch Hunde und Katzen, ebenso wie ein Lama, damit Bourriquet nicht so allein ist! Aber offenbar kennen Sie sich mit Eseln nicht aus, sonst würden Sie diese Frage nicht stellen.

Da haben Sie nicht ganz Unrecht. Aber verraten Sie mir doch bitte, was Sie an Ihrem Esel so schätzen.

Ein Esel bedeutet Entspannung pur! Bei Müdigkeit und Stress ist es allein schon sehr beruhigend, die sanftmütigen Augen dieses Tieres zu betrachten. Glauben Sie mir: Ein Esel ist besser als jedes Anti-Depressivum, er heilt alle Krankheiten dieser Welt.

Nun sind gerade Esel vieldeutige Tiere, denen philosophisch betrachtet noch immer das Klischee des eigensinnigen Stehenbleibers anhaftet. Gibt es in dieser Hinsicht Parallelen zwischen Ihnen und dem Esel?

(lacht) Zwischen mir und dem Esel?! Nun, wenn Sie mich so fragen: Ein statisches Element verbindet uns durchaus. Denn ich würde mich selbst als ebenfalls sehr ruhig bezeichnen. Für mich hat diese Form des Stehenbleibens allerdings sehr positive Aspekte. Ich verbringe jedes Jahr die Sommermonate auf dem Land, in einer Region, die zu den am dünnsten besiedelten in ganz Frankreich zählt. Und in dieser Zeit reise ich auch nicht. Gelassenheit auszustrahlen ist meiner Ansicht nach das Beste, was man den Menschen in seiner Umgebung bieten kann. In dieser Hinsicht habe ich also durchaus eine eselähnliche Haltung. Auch für mich spielt sich das Leben sehr stark im Inneren ab. Kennen Sie das Buch "Stoner" von John Williams?

In Deutschland war dieses Buch, das von den kleinen und großen Niederlagen des Universitätsprofessors William Stoner erzählt, sogar ein Bestseller. Sie haben "Stoner" doch aus dem Englischen ins Französische übersetzt.

Ja, und dieses wundervolle Buch handelt letztlich von der Bedeutsamkeit des Innenlebens und dessen Überlegenheit über das äußere Leben.

Welche Rolle spielt der Zweifel in dieser für Sie so wichtigen Innenwelt? Denn das Zaudern ist ebenfalls ein Zug, den wir mit Eseln verbinden.

Oh, der Zweifel beansprucht leider Gottes sehr viel Platz in meinem Leben . . .

Leiden Sie darunter?

Ja und nein. Gerade zwischen zwei Büchern lastet die Erwartungshaltung meiner Leser auf mir, die endlich ein neues Buch von mir lesen wollen, und in diesen Momenten verspüre ich durchaus Angst vor dem Scheitern. Andererseits sind moderne, halbwegs kultivierte und aufgeklärte Menschen - so wie Sie und ich - in der Regel häufig voller Zweifel, und zwar ab dem Moment, in dem wir beginnen nachzudenken. Meiner Ansicht nach ist es genau dieser Zweifel, der die Menschen interessant macht. Die Menschen, die wir nicht mögen und nicht gern um uns herum haben, sind diejenigen, denen das Zweifeln fremd ist.

Sie sprechen von denjenigen, die sich gern im Recht fühlen?

Exakt! Ich unterscheide zwischen den Menschen, die auf die Welt kommen und glauben, bereits alles zu wissen, und denjenigen, die von Beginn an zweifeln. Zweifeln heißt nichts anderes als nachdenken.

Aber das vom Zweifel infizierte Denken gilt als Grübeln, und das ist heutzutage verpönt.

Ach, da bin ich wie ein Esel: Ich pfeife auf den Ruf des Zweifelns, des Grübelns und vor allem auf das, was die anderen davon halten könnten! Gerade in Zeiten der Globalisierung ist es in meinen Augen enorm wichtig, den Menschen Platz einzuräumen, die nicht wie alle anderen ticken.

Inwiefern gilt das für Sie selbst?

Nun ja, in mancher Hinsicht unterscheide ich mich schon sehr von den allermeisten Menschen in meiner Umgebung. Ich höre beispielsweise kaum Radio und habe zudem noch nie in meinem Leben einen Fernseher besessen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich mit Menschen sehr schnell ins Gespräch komme - über sie selbst und das, was sie bewegt. Ich habe beispielsweise oft Gäste, mit denen ich gerne Zeit in meiner Küche verbringe. Wenn Sie so wollen, sind das meine ganz persönlichen TV-Serien, nur eben live und ganz real.

Intensiven Kontakt pflegen Sie auch zu Ihren Lesern. Schütten Ihnen diese Menschen tatsächlich gleich beim ersten Treffen ihr Herz aus?

Oh ja! Sie erzählen mir zum Teil sogar sehr private Dinge. Aber ich interessiere mich auch für sie: Ich frage sie, ob es ihnen gut geht, wie sie sich mit ihren Kindern verstehen, ob sie an Gott glauben oder Angst vor dem Tod haben. Wir tauschen uns also über Dinge aus, die zutiefst menschlich sind. Meine Bücher sind offenbar für viele Menschen Begleiter in schwierigen Lebensphasen. Daher betrachten sie mich als eine Art Freundin, selbst wenn sie mir das erste Mal begegnen.