Louise Martini: Die 50er Jahre waren einfach eine tolle Zeit! Ich war sehr jung, habe aber schon viel miterleben dürfen. Ich finde es ganz wichtig, dass man den Menschen von den Fifties erzählt und dabei gleichzeitig einen Bogen zum Heute schlägt. Man braucht sich ja nur umzublicken: Auf die 50er Jahre stößt man immer wieder! Denken Sie nur an die Musik bzw. an die immer wiederkehrenden Modetrends. Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich das erste Mal nach Tarvis fuhr, um mir lindgrüne, spitze italienische Schuhe am Markt zu kaufen, die man dann leider an der Grenze verzollen musste. Im Vergleich zu den heutigen verrückten Stilettos war das natürlich unendlich harmlos. Aber man war ganz wild auf italienische Pumps, ebenso auf Nylons mit Naht und Stilferse. Denn im Grunde hatten wir damals sehr wenig, waren aber eigentlich sehr glücklich.

In einer Hörfunk-Sendung erzählten Sie, dass Ihre erste Gage im Kleinen Theater im Konzerthaus in Form von zwei Straßenbahnfahrscheinen abgegolten wurde.

Ja, rückblickend betrachtet, kann ich es gar nicht fassen, was für eine Energie ich aufbrachte. Ich musste von jeher Geld verdienen. Mein Vater, der leider sehr früh starb, kam krank aus dem Krieg zurück, wir waren ausgebombt, und ich habe ja zwei jüngere Brüder. Bereits während meiner Gymnasialzeit hatte ich eine ganze Reihe von Nebenberufen, die ich später allerdings nicht mehr ausüben konnte, weil ich auf Wunsch meiner Mutter parallel zum ersten Jahr im Reinhard-Seminar die Matura machen musste.

Sie wollten mit der Schule aufhören?

Ich wollte aufhören, aber stattdessen lief, wie gesagt, alles parallel. In meiner Familie waren eigentlich alle dagegen, dass ich einen künstlerischen Weg einschlage.

Woher kam Ihre Theaterbegeisterung?

Mit zwölf Jahren war ich das erste Mal im Burgtheater und sah "Der Bauer als Millionär". Ich war völlig hingerissen. Dann ergab sich über den Bruder einer Kollegin eine Schüleraufführung von eben diesem Raimund-Stück. Für mich war noch eine einzige Rolle frei, und zwar die einer Fee im Feenhimmel. Eine winzige Rolle, wobei der Text noch dazu nur im Chor zu sprechen war - aber immerhin! Und jetzt kommt eine Geschichte, die sich anhört, als wäre sie ein Märchen: Die Premiere fand im Theatersaal vom Hotel Post am Fleischmarkt statt. Acht oder zehn Tage vor der zweiten Aufführung brach sich die Darstellerin des Lottchens das Bein. Da ich bei allen Proben dabei war und sämtliche Rollen auswendig konnte, durfte ich für sie einspringen. Ab diesem Zeitpunkt war der Bazillus gesetzt.

Louise Martini. Foto: Robert Wimmer
Louise Martini. Foto: Robert Wimmer

Während Ihrer Zeit am Reinhard-Seminar arbeiteten Sie bereits bei verschiedenen Radio-Sendern . . .

Ja, zuerst bei der Ravag, dann beim Sender Rot-Weiß-Rot. Für jede Sendung musste ich übrigens eine schriftliche Genehmigung vom Reinhard-Seminar einholen.

Während der Ausbildung zu arbeiten war nicht erlaubt?

Nein. Es gab auch Lehrer, die mich regelmäßig vor der ganzen Klasse zurechtwiesen, was ich mir denn einbilde, an den Statuten zu rütteln. Die Ironie an der Geschichte ist: Im Studienbuch waren auch vier Semester Rundfunksprechen vorgesehen. Gelernt haben wir dort allerdings Null. Einmal pro Woche wurden wir mit einem Bus in die Ravag gekarrt, wobei uns kein Mensch auch nur annäherungsweise beibrachte, dass ein Mikrofon ein wunderbarer Partner sein kann. Man kann sagen: Das Mikrofon ist mir ein Leben lang ein Freund geblieben. Radio ist die zweite Seele in meiner Brust.

Worin liegt für Sie der spezielle Reiz des Radios?

Diese gewisse, unvergleichliche Intimität. Hier ist einzig und allein ein Mikrofon und ich erzähle ihm, stellvertretend für all die Menschen, die es hören werden, Geschichten. Nach der Ravag und dem Sender Rot-Weiß-Rot habe ich von 1968 bis 1985 für den ORF "Mittags-Martini" bzw. "Martini-Cocktail" gemacht. Diese Sendungen waren meine Kinder. Ich stellte sie ganz alleine zusammen, kaufte mir Platten und produzierte sie, wo immer ich gerade lebte. Kein Mensch mischte sich ein. Ich konnte machen, was ich wollte. Zudem gab mir diese Arbeit die Möglichkeit, eine Menge Ramsch nicht machen zu müssen.

Sie meinen, dass Sie nicht jede Rolle am Theater annehmen mussten?

Ja, ich konnte es mir frühzeitig leisten, auch Nein zu sagen.

Noch einmal zurück zu den 50er Jahren: Wie ergab sich Ihr Mitwirken beim legendären "Namenlosen Ensemble" rund um Qualtinger, Bronner, Merz, Kreisler und Wehle?

Dass ich in diese Kabarett-Truppe kam, hatte damit zu tun, dass ich im Sender Rot-Weiß-Rot gemeinsam mit Bronner und Wehle auch Kabarettistisches machte. Eines Tages fragte mich Bronner, ob ich in dem neuen Team, das er gerade zusammenstellte, mitmachen wolle. Im Nachhinein betrachtet, möchte ich diese fünf Spielzeiten im Kabarett keineswegs missen. Ich habe viel gelernt, aber es war nicht immer einfach.

Inwiefern?

Weil Kabarett damals eine reine Männerdomäne war. Wenn ich es einmal wagte, auf einer Probe eine Mini-Idee einzubringen, richtete sich die Hand des Regisseurs gleich weiter auf den nächsten Mann. Eine Frau hatte nichts zu sagen. Auch eine politische Aussage galt ja damals nichts aus dem Mund einer Frau.