Gab es auch Widerstand in Ihrer Familie?

"Die Generation der Großväter ist geschlagen worden, Das sind die gefallenen Helden. Das ist für den Rechtsextremismus ganz wichtig, das Stehenbleiben auf verlorenem Posten." Andreas Peham - © Foto: Christof Moderbacher
"Die Generation der Großväter ist geschlagen worden, Das sind die gefallenen Helden. Das ist für den Rechtsextremismus ganz wichtig, das Stehenbleiben auf verlorenem Posten." Andreas Peham - © Foto: Christof Moderbacher

Es gibt zwar mütterlicherseits Widerstands-Traditionen und Gestapo-Haft, aber auch da gab es kaum Erzählungen. Mein anderer Großvater war bis zum Schluss Kommunist. Der hat versucht, in sowjetischer Gefangenschaft befindliche österreichische Wehrmachtsoldaten umzuerziehen. Es war eine Propagandatätigkeit in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. Die Oma war viel jünger, Jahrgang 1928. Die hat den Nationalsozialismus als Jugendliche kennen gelernt und als einzige wirklich gerne und viel gesprochen. Sie erzählte vom Arbeitszwang in Rüstungsfabriken für Jugendliche, der Angst vor Bomben und den Todesmärschen von ungarischen Juden von Ost nach West Richtung Mauthausen, die sie mitgekriegt hat. Böswillig könnte man von der Kartoffel-Legende sprechen, denn es gibt in Oberösterreich oder Niederösterreich kaum ältere Leute, die nicht behaupten, dass sie unter höchster Gefahr - denn wenn die bewachende SS das gesehen hätte, hätte sie gleich geschossen - Kartoffeln zugesteckt hätten. Meine Oma hatte aber eine grundlegende Menschlichkeit und Mitgefühl: "Wenn du angesichts dieser Todesmärsche siehst, wie Leute leiden" - ihr mag ich es glauben, dass sie es wirklich gesehen und ihnen Kartoffeln zugesteckt hat.

Wie sieht die Hauptverbindung zwischen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus aus? Oder sind das für Sie völlig getrennte Themenbereiche?

Ich bin ein Anhänger der Kontinuitätsthese, wonach sehr viele der Probleme, die wir heute mit dem Rechtsextremismus haben, mit dem Fortwesen, dem Weiterleben des Nationalsozialismus zu tun haben, nicht nur mit dem Nationalsozialismus an sich, sondern auch einzelner Elemente. Es besteht eine Beziehung in diesem Sinne, dass die Nichtbearbeitung des Nationalsozialismus, seine Verdrängung, seine Tabuisierung den Rechtsextremismus begünstigt hat. Der Ausdruck "Neonazis" ist etwas irreführend, denn das waren zum Teil welche, die schon vor 1945 Nazis und nach 1945 etwas vorsichtiger waren - Stichwort Verbotsgesetz -, aber doch weiterhin Nazis blieben. Und die gaben, wie es im Milieu heißt, das Schwert oder die Flamme an die nächste Generation weiter.

Ranghöchster Neonazi war der vor ein paar Jahren verstorbene Herbert Schweiger. Sein Rang innerhalb der Neonazi-Szene leitete sich von der Tatsache ab, dass er schon in der "Leibstandarte Adolf Hitler" diente. Ich habe bei einer "Heldenehrung" in Niederösterreich mit eigenen Augen gesehen, dass zwölf- oder dreizehnjährige vor Ehrfurcht erschaudern. Jugendliche, die du normalerweise als Gruppe nicht ruhig an einem Ort halten kannst. Skinheads, die plötzlich stramm stehen, und mit großen Augen Herbert Schweiger anstarren, der am Stock kommt, und von der glorrreichen NS-Zeit erzählt. Die fast Tränen in den Augen haben.

Welche Sehnsucht nach einer bestimmten Männlichkeit, nämlich einer soldatischen Männlichkeit, sich ausdrückt in dieser Begeisterung der Jugendlichen gegenüber den alten Nazis! 2002 am Heldenplatz sah ich wieder sehr junge, ungefähr Dreizehnjährige mit dementsprechendem Gesichtsausdruck, und mit Schildern, die sie nicht selber gemacht, aber gerne getragen und hochgehalten haben, auf denen Wehrmachtssoldaten zu sehen waren und geschrieben stand: "Mein Großvater war kein Verbrecher".

Es klingt jetzt so, als ob der Rechtsextremismus eine jugendliche Tradition wäre, und mit Emotionen und Sehnsucht zu tun hätte, denn viele dieser NS-Täter waren ja ebenfalls Jugendliche, als sie in den Reichsarbeitsdienst oder in die Wehrmacht gekommen sind.

Unbedingt. Ich würde auch sagen, dass die Bindung an die "Erlebnisgeneration", wie sie im Nazi-Milieu heißt, eine ganz tiefe emotionale Bindung ist.

Worum geht es? Welches Erlebnis? Ist "das" Erlebnis - ist damit also der Tod gemeint?

Zur männlichen Adoleszenz gehört vor allem eine Phase, in der der Tod und die Zerstückelung eine große Rolle spielen! Der Körper verändert sich rasant und das Unbewusste kommt mit dieser Entwicklung nicht mit, die Psyche hinkt diesen rasanten Veränderungen hinterher und reagiert sozusagen phobisch: mit starken Ängsten vor Verstümmelung, vor dem Tod. Das sind irrationale Ängste der Adoleszenz, die mit den rasanten körperlichen Veränderungen zusammenhängen.

Man kennt sich selber nicht mehr?

Man wird sich selber fremd und darum auch diese oftmalige affektive Bindung an äußere Fremdheit. In kaum einer anderen Lebensphase sind die Menschen dem Fremden gegenüber positiv und vor allem negativ anfälliger - weil es eben auch um eine Möglichkeit der Verarbeitung der eigenen inneren Fremdheit geht.

Was die großen, feuchten Augen angesichts der Kriegsversehrten betrifft - diese Männer personalisieren auch eine Figur, die Jugendlichen sehr nahe steht: der tragische Held. Die Generation der Großväter ist geschlagen worden, nicht in der Familie, sondern im Krieg. Das sind die gefallenen Helden. Das ist für den Rechtsex-tremismus ganz wichtig, diese Pose, das Stehenbleibens auf verlorenem Posten. Diese Bereitschaft mit dem üblichen Pathos, sehenden Auges, erhobenen Hauptes in den Untergang zu gehen.