Ist das nicht auch etwas Jugendliches? Denn eigentlich haben Jugendliche gegen die Eltern wenig Chancen, sie rebellieren zwar, aber sie haben weder Macht noch Geld.

Genau, Jugendliche haben Ohnmachtsgefühle, Todessehnsucht, irrsinnig viele Ängste und dieser Kontakt mit diesen Besiegten, aber immerhin noch Helden, gibt ihnen offensichtlich emotional sehr viel.

Was glauben Sie, ist das mehr Zufall, ob man mit Widerstandskämpfern zu tun hat oder mit Altnazis?

Nein, das ist kein Zufall. Das hängt von Stadt oder Land ab, davon, wo man lebt. Am Land ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer, auf Überlebende, auf Widerstandskämpfer zu treffen - außer in Kärnten mit seinen slowenischen Traditionen. Dementsprechend haben wir auch, was den Rechtsextremismus, den Antisemitismus, den Rassismus betrifft, ein ganz starkes Stadt-Land-Gefälle. Viel Antisemitismus am Land, deutlich weniger in der Stadt, aber auch in den Schulen ist ein Gefälle dabei zu verzeichnen, welcher Stellenwert der Zeitgeschichte und der Holocaust-Memory-Arbeit zukommt.

Europaweit ist es ein Unterschied, ob man hier lebt oder in einem Land wie Frankreich oder Italien, wo der Widerstand Staatsraison ist, bis hin zur Rechten. Umberto Bossi von der Lega Nord erklärte einmal in den 90er Jahren auf die Frage, warum er mit Haider nichts zu tun haben will: "Haider ist das Kind von Nazis, wir sind die Kinder von Partisanen". Die italienischen Rechtspopulisten versuchen immer, sich auch positiv auf diesen Widerstand zu beziehen, während in Österreich - Stichwort "Vaterlandsverräter" - der Widerstand, vor allem ab 1955, herunter gemacht wird. Kaum hatte man den Staatsvertrag in der Tasche, kaum hatten die Alliierten ihr Versprechen wahr gemacht und Österreich in die Unabhängigkeit entlassen. Das war übrigens auch ein wichtiger Grund für die Gründung des DÖW, dass man es sich nicht gefallen lassen wollte, als "Vaterlandsverräter" bezeichnet zu werden, an den Rand gedrängt, vergessen und beschimpft zu werden.

Kerstin Kellermann lebt in Wien und arbeitet als freie Journalistin für Zeitungen und Zeitschriften, vor allem für das Musikmagazin "skug". Vor kurzem hat sie ein Festival zur jüdischen Musik der zweiten und dritten Generation nach der Shoah kuratiert.