"Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, welche Art von Gefühlen und Verhaltensmustern man mit Geschwistern gelernt hat", sagt Susann Sitzler im Interview. - © Lars Nickel
"Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, welche Art von Gefühlen und Verhaltensmustern man mit Geschwistern gelernt hat", sagt Susann Sitzler im Interview. - © Lars Nickel

"Wiener Zeitung":Bis dass der Tod euch scheidet - in einem romantischen Verhältnis ist das der Traum. Wie ist das bei Geschwistern, Frau Sitzler?

Susann Sitzler: Da ist es tatsächlich die Realität. Allein schon aufgrund der meistens nicht so großen Altersunterschiede ist die Geschwisterbeziehung faktisch die längste Verbindung unseres Lebens. Geschwister wird man nicht los, selbst dann nicht, wenn man es vielleicht möchte.

Das klingt nicht nach Geschwisterliebe.

Familienfeste, wie etwa zu Weihnachten, "sind klassische Schauplätze, wo ungelöste Konflikte wieder aufbrechen können . . ." (Susann Sitzler). - © Corbis
Familienfeste, wie etwa zu Weihnachten, "sind klassische Schauplätze, wo ungelöste Konflikte wieder aufbrechen können . . ." (Susann Sitzler). - © Corbis

Geschwisterliebe ist nicht naturgegeben, auch wenn wir uns das vielleicht wünschen. Nüchtern betrachtet besteht der Kern dieser Beziehung in einem Zwang, denn man bekommt Geschwister ungefragt und kann ihnen nicht entkommen. Gerade in dieser Unausweichlichkeit kann aber auch enorm viel Glück und Sicherheit stecken. Das ist aber sehr individuell. Es gibt diejenigen, die man liebt, und diejenigen, mit denen man kaum etwas zu tun hätte, wenn sie nicht zufällig der eigene Bruder oder die eigene Schwester wären. Geschwisternähe würde ich daher eher als Geschenk denn als Gesetz bezeichnen.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Ich habe mich sehr intensiv mit den Erkenntnissen und Theorien der Geschwisterforschung beschäftigt, um sie dann in Verbindung mit meinen eigenen Erfahrungen als Schwester zu bringen. Neben einer leiblichen Schwester, die zehn Jahre älter ist, habe ich zwei Stiefbrüder, mit denen ich aufgewachsen bin, und drei Halbgeschwister, die altersmäßig meine Kinder sein könnten. Ich bin in einer Patchworkkonstellation aufgewachsen, die zumindest in meiner Kindheit in den siebziger Jahren nicht der Norm entsprach.

Mit dem Thema Familie befasst man sich meistens erst dann, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Oft geht es dann um das Verhältnis zu den Eltern, das in Therapien aufgearbeitet wird.

Das ist richtig. Sehr beliebt ist ja die These: Mutti ist an allem schuld! Aber ganz im Ernst gesprochen: Fast nichts von dem, was uns in der Kindheit negativ geprägt hat, wächst sich einfach aus. Es muss meist aktiv bewältigt werden. Dabei spielt das Verhältnis zu den Eltern eine wesentliche Rolle. Seit einigen Jahren setzt sich aber in der Psychologie die Ansicht durch, dass wir dabei die Beziehung zu unseren Geschwistern unterschätzen.

Inwiefern?

Mit Geschwistern erlebt man eine prägende, enge Beziehung auf der gleichen Autoritätsstufe, während Eltern übergeordnet sind. Augenhöhe ist daher die exklusive Geschwisterperspektive. Brüder und Schwestern sind später zudem oft die einzigen Bezugspersonen, die uns wirklich seit den frühsten Jahren aus der Nähe kennen. Nach einer gemeinsamen Kindheit hat man kein Gesicht mehr voreinander zu verlieren. Insofern ist die Betriebstemperatur einer solchen Beziehung eine andere als beispielsweise zwischen Arbeitskollegen oder auch engen Freunden. Geschwister streiten oft in einer enormen Intensität. Je nachdem, wie konfliktbeladen ihre Beziehung ist, kann es darum passieren, dass man miteinander auch im Erwachsenenalter noch in diesen wütenden Kinderrollen gefangen bleibt.

Was sich beispielsweise bei Familienfesten zeigt . . .

Das ist ein klassischer Schauplatz, wo ungelöste Konflikte immer wieder aufbrechen können. Das nächste Weihnachtsfest kommt ja bald! Nicht umsonst sind die Ratgeberseiten der Frauenzeitschriften nun wieder voll mit Tipps zur Vermeidung von familiären Desastern.

Langweilig ist die liebe Familie doch nie. Gehört Stress nicht auch dazu?

Das kommt ganz darauf an, worin der Stress besteht. Reibung erzeugt Wärme, das gilt besonders in Familien. Aber oft werden wir in solchen Situationen in eine Nähe zurückgeworfen, die wir im Erwachsenenleben überwunden haben, vergleichbar etwa mit einem zu klein gewordenen Kleidungsstück. Es lohnt sich darum, einen Blick darauf zu werfen, welche Art von Gefühlen und Verhaltensmustern man mit Geschwistern gelernt hat.

Was genau lernen wir mit Geschwistern?

Wir lernen Intimität. Brüder und Schwestern, die miteinander aufwachsen, sind in ein Beziehungsgefüge eingewoben, das fast keine Privatsphäre erlaubt. Als kleine Kinder erlebt man unzählige Zornausbrüche, verschniefte Erkältungen und Entwicklungsschübe, etwa nach Kinderkrankheiten, hautnah mit. Diese Nähe zu einem anderen Menschen auszuhalten und sich zugleich äußerlich nicht distanzieren zu können, den Anderen also in allen seinen Facetten zu erleben und zu ertragen, fördert die Beziehungsfähigkeit. Letztlich lernen wir also mit Geschwistern den Kontakt zu anderen Menschen - und damit, wer wir später als Erwachsener sind. Interessant ist das auch im Hinblick auf spätere Liebesbeziehungen.

Wollen Sie damit sagen, die Geschwisterkonstellation sei eine Vorlage für eine funktionierende Liebesbeziehung?

So einfach ist es natürlich nicht. Ideale Modelle existieren nicht. Belegt ist durch die Geschwisterforschung allerdings tatsächlich, dass die Geschwisterkonstellation entscheidend dafür ist, wie wir uns in einer Beziehung mit einem Liebespartner verhalten. Bestimmte Konstellationen harmonieren nachweisbar besser als andere. Zum Beispiel, wenn sich Männer, die eine jüngere Schwester haben, mit einer Frau zusammentun, die selbst die jüngere Schwester eines Bruders ist.