Wiener Zeitung: Herr Weibel, in ihrer Biographie liest man "Geburtsort Odessa". Das klingt auch in Zeiten der Globalisierung exotisch.

Peter Weibel: Das klingt sogar mythisch. Viele Leute glauben, das sei eine Fälschung. Ich bin froh über diesen Geburtsort. Er ist ein Beleg dafür, dass die Intellektuellen Europas schon immer ein Produkt der Migration waren. Ich sage sogar, dass Europa seine Geburt einer Migration verdankt, denn Aeneas hat mit seinem Vater auf dem Rücken Troja verlassen und dann Rom gegründet. Migration ist das wesentliche Element der europäischen Konstitution.

Peter Weibel in seinem Karlsruher Büro im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Oliver Bentz. Foto: Bentz
Peter Weibel in seinem Karlsruher Büro im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Oliver Bentz. Foto: Bentz

Meine Familie kam unter Katharina der Großen nach Russland, die Deutsche einst aus wirtschaftlichen Gründen aufforderte, ihr Land zu besiedeln. Heute noch leben Nachfahren dieser Siedler in Alma Ata oder am Baikalsee. Im 20. Jahrhundert hat man dann Familien dazu gezwungen, in die Ukraine umzusiedeln. Meine Mutter hat in Odessa als Kellnerin gearbeitet und während des Zweiten Weltkrieges meinen Vater, einen deutschen Offizier, kennen gelernt, der ein Österreich-Ungar war. Als die deutsche Niederlage absehbar war, entschloss sie sich zur Flucht und landete nach einer abenteuerlichen Odyssee in einem Lager in Ried im Innkreis.

Sie sind dann in einem Heim in Oberösterreich aufgewachsen?

Als ich drei Jahre alt war, ließ sich mein Vater scheiden. Für meine Mutter begann eine harte Zeit. Sie arbeitete sich in einem Landgasthaus von der Stiegenputzerin zur Kellnerin hoch - und konnte nicht kellnern und sich gleichzeitig um Kinder kümmern. So war ich ab meinem sechsten Lebensjahr in Heimen in Oberösterreich. Nach der Matura bin ich dann gleich in meine "ersehnte Stadt Paris".

Ein Lebenslauf wie Ihrer muss nicht unbedingt zur Kunst führen.

Milieutheorien behaupten, das Milieu, in dem man aufwächst, bestimme die Entwicklung. In meinem subproletarischen Milieu interessierte sich niemand für Kunst. Bei mir war es von Beginn an eine persönliche Neigung. Ich habe mir mit fünf Jahren das Lesen beigebracht. Ich war immer von der Informationsarmut meiner Umgebung bedrückt. Mein Gehirn war ein Schwamm, der verzweifelt nach Nahrung suchte.

Peter Weibel. Foto: Bentz
Peter Weibel. Foto: Bentz

In der Internatszeit sah ich dann, dass Bildung etwas einbringen kann. Da habe ich viele Preisausschreiben gewonnen, bei denen man Werbereime verfassen sollte. Ich habe gleich zwanzig Sprüche eingeschickt, unter den Namen meiner Mitschüler. Wir haben alle Preise abgeräumt.

Mit dreizehn gewann ich so auch ein Jahresabo der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ich saß dann mit meiner eigenen FAZ beim Frühstück. Das hat mich bei den Heimlehrern nicht beliebt gemacht, aber ich genoss es. Es brachte mir auch einen Bildungsfortschritt. Ich las die Buchbesprechungen - die interessanten Bücher habe ich dann in Bibliotheken bestellt. Als Autodidakt eignete ich mir so eine große Bildung an - ohne Anleitung, aus eigenem Antrieb. Den Pfad meiner Bildung haben Künstler und Dichter gelegt - aber ich bin ihn selbst gegangen und habe mir dabei einen Qualitätsbegriff entwickelt.

Sie studierten in Paris, gingen nach Wien und waren zusammen mit Oswald Wiener, Otto Muehl, Günter Brus und Valie Export an der sogenannten "Uni-Ferkelei" im Juni 68 in der Wiener Universität beteiligt. Was denken Sie, wenn Sie nach über vierzig Jahren auf diese Zeit zurückschauen?

Ich bin immer noch erstaunt, wie der Staat damals überreagiert hat. Welche Angst sich dahinter verborgen haben muss, dass man wegen einer so kleinen Gruppe so einen medialen Aufstand gemacht hat. Das waren ja zehn Österreicher gegen sieben Millionen.

Dass dieser Uni-Auftritt Furore gemacht hat, als einzig gebliebenes Ereignis von 1968 in Österreich, zeigt für mich, auf welch morschen Stützen die Gesellschaft damals gestanden haben muss. Die Gesellschaft selber muss das gewusst und Angst gehabt haben, dass sie rasch einbrechen könnte. Sonst hätte sie nicht diese panische Reaktion gezeigt, vor diesem kleinen Häuflein. Das zeigt aber - und das ist der Ernst dahinter - , dass unser damaliger Angriff das System in fürchterliche Aufregung versetzte. Unsere Attacken galten neben dem Staat, der Gesellschaft und der Religion auch der Kunst.

Wir waren ja Anti-Kunst. Dass die Aktionisten später zur Malerei zurückkehrten, also zur Kunst, war für mich ein Widerspruch. Das zeigt im Nachhinein, dass Oswald Wiener und ich die schärfsten antikünstlerischen Agenten der Bewegung waren. Die Inhalte der Aktionen, der ursprüngliche Elan, der uns antrieb - nicht die Art und Weise und die Umstände - gefallen mir noch heute. Die Attacken gegen die Kunst, das Bildungssystem, die Finanzpolitik - ich hielt ja eine Rede gegen den Finanzminister - sind noch heute aktuell.

Seit zehn Jahren leiten Sie das "Zentrum für Kunst und Medientechnologie" (ZKM) in Karlsruhe, das eine Mischung aus vielfältigem Experimentierfeld und traditionellem Museum ist. Können Sie die Aufgaben Ihres Hauses beschreiben?

Das "Zentrum für Kunst- und Medientechnologie" in Karlsruhe. Foto: Bentz
Das "Zentrum für Kunst- und Medientechnologie" in Karlsruhe. Foto: Bentz

Ich bin sehr froh, dieses Haus leiten zu können, weil sich meine eigenen vielfältigen Interessen in seiner Struktur spiegeln. Wir heißen "Zentrum für Kunst und Medientechnologie", nicht Museum. Wir sind zwar ein Museum, machen Ausstellungen und sammeln - ermöglichen aber darüber hinaus lebenden Künstlern auch die Produktion ihrer Werke im Medienbereich.