Glaubt man der These der zunehmenden Säkularisierung, befinden sich ohnehin die Gläubigen aller Religionen auf dem Rückzug.

Ich habe da meine Zweifel, in Bezug auf den Katholizismus gibt es aber immerhin eine kontinuierliche Auseinandersetzung. Mir ist völlig bewusst, dass ich in einem Land lebe, das durchtränkt ist von einer langen katholischen Geschichte. Das beeinflusst unsere Moralvorstellungen, Ausdrucksweise, Arbeitsmoral genauso wie unser Gefühl von Ästhetik und unsere Verhaltensweisen. Um die Unterschiede festzustellen, muss man nur nach Norddeutschland reisen. Von daher sehe ich mich, ironisch gesagt, als katholischen Atheisten. Und wenn nun eine große, politisch und ideologisch mächtige Kultur, die sich um den Islam gebildet hat, relativ rasch in einer europäische Kultur eindringt, dann gibt es Brösel, das ist völlig unausweichlich.

Warum haben weder die etablierte Politik noch die Medien, und ebenso wenig die Wissenschaft die Situation richtig gedeutet?

Ich weiß es nicht. Gewiss ist aber, dass alle Genannten zur Überreaktion neigen. Die Anschläge von Paris sind langfristig natürlich eine Aufgabe der Sozial-, Wohnungs- und Arbeitsmarktpolitik, kurzfristig sind sie aber eine Angelegenheit der Polizei. Jeder Tote ist immer einer zu viel, das ist eine banale Selbstverständlichkeit. Aber dass sich nun Premierminister und Staatschef hinstellen und von sich behaupten, sie seien Charlie, ist reiner Kitsch.

Kitsch ist auch nur eine Verarbeitung von Gefühlen, die man rational nicht verarbeiten kann.

Vor allem ist Kitsch eine Verarbeitung von Gefühlen, die man gar nicht hat.

Walter Hämmerle ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Geboren 1971, studierte er Politikwissenschaft an der Universität Wien.