"Wiener Zeitung": Was ist das Wesen des Terrors, dem wir uns derzeit gegenübersehen?

Rudolf Burger: Ich finde, man kann dem Ganzen nur noch mit einem ironischen Bewusstsein gegenübertreten. "War on Terror" - es gibt keine dümmere Formulierung. Der Terror ist kein politischer Gegner, dem wir gegenüberstehen, um ihn zu besiegen: Terror ist ein Kampfmittel, ein politisches Druckmittel gegen die Bevölkerung, wie er etwa während der Französischen Revolution zur Anwendung gelangte. Im späten 19. Jahrhundert war Terror ein normales Mittel radikaler und anarchistischer Bewegungen: Allein in einem Jahr, schreibt Albert Camus in "Der Mensch in der Revolte, habe es in Europa mehr als tausend Terroranschläge gegeben - und in den USA fünfhundert. Die "Schlacht um Algier" 1957 wurde von der einen Seite, der algerischen Befreiungsfront FLN, ausschließlich mit Terrormitteln ausgetragen und von der anderen Seite, der französischen Armee, ausschließlich mit Foltermethoden.

Allerdings hatten wir doch insgeheim gehofft, wir hätten uns seit diesen Zeiten weiterentwickelt.

Mag sein, aber um bei Frankreich zu bleiben: Man wird Kolonien nicht so einfach los, deshalb sind ja gerade jene Länder von solchen Anschlägen besonders betroffen, die einst über Kolonien verfügten. Und es sind in der Regel auch diese Staaten, die sich in der ersten Reihe an diversen militärischen Interventionen im Nahen Osten und Afrika beteiligen. Alle drei Attentäter von Paris hatten algerische Wurzeln.

Kann man tatsächlich so einfach eine direkte Linie vom Algerienkrieg ziehen, der 1962 mit der Unabhängigkeit des Landes endete, hin zu den Anschlägen auf ein Satiremagazin im Herzen von Paris?

Das weiß ich nicht, das müssten Sie die Attentäter fragen. Aber was ich weiß, ist, dass nicht einfach eine Seite das Ende des Kriegs verkünden kann. Dazu braucht es schon beide Seiten. Und es ging auch nach dem Algerienkrieg weiter. Lateinamerikanische Diktaturen haben ihre Foltermethoden direkt aus französischen Lehrbüchern übernommen. Deshalb kann ich die jetzt überall ausgebrochene Sentimentalität nicht nachvollziehen, für mich ist das weit jenseits der Grenze zum Kitsch und zum Infotainment.

Tatsache bleibt aber, dass wir der in solchen Anschlägen zum Ausdruck kommenden Zurückweisung hilflos gegenüberstehen. Schließlich ist der Westen überzeugt, mit seinem Modell einer liberalen, säkularen Demokratie in der bestmöglichen aller Gesellschaftsformen zu leben und eigentlich für alle anderen ein Vorbild zu sein.

Wir übersehen dabei nur, dass für viele Menschen in vielen Weltgegenden die Kriege der Vergangenheit nie aufgehört haben. Im Nahen und Mittleren Osten mag es vielleicht Kampfpausen und Unterbrechungen dieses Kampfes gegeben haben. 1919, als der Westen den Ersten Weltkrieg gerade beendet hatte, ist der Krieg in dieser Region erst so richtig losgegangen - und er dauert, allenfalls von kurzen Pausen unterbrochen, bis heute an. Natürlich sehen wir, in Europa zumal, unsere eigene Lebensweise, unsere eigenen Werte und säkulare Moral als wünschenswert an. Ich bin auch überzeugt, dass dies viele Individuen aus anderen Weltgegenden genau so sehen. Wollte man eine Hierarchie von Kulturen aufstellen, muss man sich ja nur die Richtung der Migrationsströme anschauen: Es emigrieren ja keine Massen in den Nahen Osten, sondern nur ein paar verrückte Jugendliche; vielmehr ist es so, dass die Menschen von dort zu uns nach Europa kommen. Was für Individuen stimmt, gilt aber nicht für Kulturen und ihre Ideologien. Der viel gescholtene US-Politologe Samuel Huntington hat gemeint: "What is Universalism for the West, is Imperialism for the Rest". Für diese Menschen ist der Krieg nicht zu Ende.

Müssen wir tatsächlich von einem Krieg reden?

Ja, natürlich. Die US-Amerikaner tun es auf jeden Fall mit ihrem "War on Terror". Die USA sind, jedenfalls soviel ich weiß, offiziell im Kriegszustand, allerdings ist der neue Kriegsfall sehr diffus und von geringer Intensität. Die Kriege zwischen staatlichen Formationen haben stark abgenommen, stattdessen haben Kriege unterhalb dieser Schwelle stark zugenommen, sie machen aber auch an Grenzen nicht mehr Halt.

Die politische Theologie des Westens beruht - mit einigen revolutionären Brüchen - auf jüdisch--christlichen Wurzeln und Denktraditionen. Müssen wir unsere westlichen Werte neu begründen, um sie für Menschen aus anderen Kulturkreisen zugänglicher zu machen?

Das ist eine reine Selbstbeschreibung. Die Medien und Politiker sprechen heute wie selbstverständlich davon, als ob es solche jüdisch-christliche Werte jemals gegeben hätte. Und die katholische Kirche wird als Träger der europäischen Aufklärung dargestellt. Dabei hat sie abweichende Meinungen über Jahrhundert manchmal geduldet, sehr oft verfolgt und vertrieben und mitunter auch umgebracht. Ich kann die Verklärung von Heiligen Schriften, egal ob Thora, Bibel oder Koran, als "Bücher der Liebe" nicht nachvollziehen. In Frankreich gab es 1572 die Bartholomäusnacht, als Katholiken im ganzen Land Protestanten massakrierten. Der ganze moderne säkulare Staat hat sich herausgebildet zur Verhinderung des konfessionellen Bürgerkriegs, und das hat mindestens eineinhalb Jahrhunderte gedauert. Die Aufklärung ihrerseits hat sich gegen die katholische Kirche nicht in einem friedlichen Dialog durchgesetzt, sondern mit Hilfe von Feuer und Schwert sowie der Guillotine. Die Kirche hat wiederum alle Ketzer, solange sie die Macht dazu hatte, blutig verfolgt. Von Dialog kann nirgendwo die Rede sein. Angesichts dieser Debatte muss man Ernst Jünger zitieren, der gesagt hat: "Wo die Dummheit Grade erreicht, die unverständlich werden und das Gespräch ausschließen, wächst ihre Bedeutung als Phänomen - zoologisch und dämonologisch."