"Wiener Zeitung": Herr Zotter, ich habe einen Verdacht: Sie sind gar kein Steirer.

Josef Zotter: Wie kommen Sie jetzt auf die Idee? Ich meine, wenn in meinem Leben etwas einwandfrei gesichert ist, dann das. Ich bin ein waschechter Steirer aus Feldbach. Viel steirischer geht’s nimmer.

Ja, vielleicht, was die Geburt betrifft. Aber so wie Sie hier Ihre Schokoladenfabrik aufziehen, das Schokoladentheater, den essbaren Tiergarten, das ist ja voll amerikanisch. Schlimmer als Apple, wenn gerade das neue iPhone präsentiert wird. Alles durchgestylt, alles durchdacht. Ich war vor Kurzem mit Leuten aus den USA bei Ihnen. Und die haben gesagt: Fantastisch, perfektes Marketing, wie Steve Jobs.

Uii, das tut mir jetzt aber richtig weh. Mir wird das ja dauernd in die Schuhe geschoben, dass ich ein Marketinggenie bin. Ich war erst kürzlich bei einer Veranstaltung, da hat so ein PR-Mensch zu mir gesagt: Herr Zotter, was Sie da machen, das ist genial. Wer berät Sie da? Was für eine Agentur haben Sie denn? Ich habe aber gar keine Agentur. Und ich mache auch kein Marketing, sondern Schokolade. Das ist alles. Ich muss mein Produkt nicht besser machen als es ist, aber schlechter auch nicht. Auch mit dem essbaren Tiergarten, dem Zotter-Eis, dem Bio-Gulasch, das ich in Dosen abfüllen will, ist es so. Wenn ich Schuster wäre, würde ich auch sagen: Ich will einfach gute Schuhe machen, fertig - nicht einmal die besten. Wenn das amerikanisch ist, meinetwegen.

Lustige Kinder posieren vor Josef Zotters Schokokopf im gut besuchten "Schokoladentheater" im steirischen Bergl. Zotter Schokoladen
Lustige Kinder posieren vor Josef Zotters Schokokopf im gut besuchten "Schokoladentheater" im steirischen Bergl. Zotter Schokoladen

Trotzdem: Kreativität und Weltoffenheit saugt man in Feldbach normalerweise ja nicht gerade mit der Muttermilch auf.

Doch. Auch mein Vater war ein sehr kreativer, visionärer Mann. Meine Mutter, das stimmt, die weniger. Die war eher das Gegenteil: sehr ruhig, sehr an die Umgebung angepasst. So mehr nach dem Motto: Ja nicht beim Nachbarn über den Zaun schauen. Aber das hat mit der Gegend hier zu tun. Wir sind ja ein Grenzgebiet: Auf der einen Seite Slowenien, auf der anderen Ungarn, da sind die Leute schon etwas komisch. Deshalb wollte ich irgendwann einmal auch weg.

Weil die Oststeiermark Ihnen doch zu viel an Landidylle war?

Weil es hier so deprimierend war. Die Süd- und die Oststeiermark vor dreißig Jahren, das muss man sich so vorstellen wie die Obersteiermark heute, wo außer in den Tourismusregionen ja nichts mehr los ist. Das war hier auch so. Nur mit dem einen Unterschied: Wir waren damals wirklich hungrig, manchmal auch im ganz wörtlichen Sinn. Und aus diesem Hunger sind dann unglaubliche Erfolgsgeschichten entstanden.

Wie Ihre.

Ja, auch, aber nicht nur. Nehmen Sie die südsteirischen Winzer, den Manfred Tement zum Beispiel. Der hat ja damals seinen ganzen Wein selbst trinken müssen, weil es zu seinem Hof sowieso keine brauchbare Straße gegeben hat und ihn eh keiner gefunden hätte. Inzwischen reißt sich die ganze Welt um seinen Wein. In der Oststeiermark haben wir eben auf die Kulinarik gesetzt. Gut, ich gebe ja zu: Ohne die Thermen in der Nähe wäre das schwierig. Da hätte es den Zotter so vielleicht auch nicht gegeben. Aber schauen Sie auf den Parkplatz bei mir draußen: Es ist Montag und der ist voll. Wir haben hier im Schokoladentheater 300.000 Besucher jährlich. Wie viele Museen schaffen das? Das Ganze hat aber auch nur funktionieren können, weil ich nie Wirtschaft studiert habe. Ist ja klar: Wenn du Wirtschaft studierst, dann weißt du zu viel, was schief gehen kann. So habe ich hier aber ein Unternehmen mit 160 Mitarbeitern, von denen gut die Hälfte um die fünfzig sind. Obwohl es immer heißt, das würde sich nicht rentieren. Dabei sind das die besten Mitarbeiter. Und wir sagen, die taugen nichts. Ja sind wir denn alle nicht mehr ganz dicht!?

Das sind aber Leute, die Sie hier in einer strukturschwachen Region beschäftigen und selbst anlernen. Fünfzigjährige Lebensmitteltechniker mit Diplom könnten Sie sich wahrscheinlich nicht so leicht leisten.

Könnte ich inzwischen auch, aber ich will das gar nicht. Bloß nicht. Ich habe zwei davon, das ist mehr als genug. Ich sag denen immer: Ihr dürft nur bis daher gehen und keinen Schritt weiter. Die wissen nämlich auch zu viel. Wenn ich immer auf deren Bedenken hören würde, dann hätte ich einige meiner besten Schokoladen nicht gemacht. Und außerdem sind wir ein Handwerksbetrieb und kein Technikbetrieb. Sonst könnte ich gleich die Produktion nach Rumänien verlegen, sie optimieren und es wäre sofort um zwei Drittel billiger.

Erscheint mir irgendwie schlüssig.

Ich will das aber nicht. Wenn ich in Rumänien produzieren würde, hätten wir hier vielleicht 40 oder 60 Leute statt 160. Wenn Sie so wollen, tragen diese hundert Leute zur Ineffizienz des Betriebs bei. Aber es geht nicht, dass wir alle glauben, wir in Österreich machen nur High-Tech und die blöden Chinesen sollen brav produzieren und unser Know-how kaufen. Die sind inzwischen nämlich in der Forschung eh schon besser als wir. Deshalb glaube ich ja auch, dass uns das noch gewaltig auf den Kopf fallen wird, dass wir die Produktion immer auslagern. Wir brauchen Insourcing statt Outsourcing. Ich meine, wie krank ist das: Dinge des täglichen Bedarfs um den halben Globus fliegen zu lassen, nur weil die Produktion woanders billiger ist!?