Ihre Studenten entscheiden selbst über den Stundenplan. Wie sieht das in der Praxis aus?

In einem 12-wöchigen Schnupperkurs bieten wir tageweise Programmhinweise an, beispielsweise über Marketing, Projektmanagement oder Nachhaltigkeit. Nach diesen zwölf Wochen diskutieren wir mit den Studenten, wo sie sich eine Vertiefung wünschen, um ihre Projekte voranzutreiben. So bekommen sie einen Vorgeschmack und können abschätzen, welches Wissen benötigt wird, um die persönliche Entwicklung, aber auch die Gruppenentwicklung voranzutreiben.

Anstelle eines Abschlusszeugnisses erhält man bei Knowmads auf Wunsch eine Tätowierung. Was nehmen die Absolventen noch mit?

Wenn du nach dem Jahr weißt, dass du gut genug bist, hast du gewonnen. Das ist das Entscheidende. Mit diesem Wissen als Ausgangspunkt wirst du es überall in der Welt schaffen. Manchmal funktionert das - und manchmal auch nicht.

Sind 7000 Euro und ein Jahr nicht ein hoher Preis, um sich selbst zu finden?

Im Idealfall wäre Bildung frei, aber wir können keine Schule führen, die kostenlos ist. Wenn man uns mit anderen demokratischen Schulen vergleicht, sind wir sogar günstig. An der Fachhochschule frage ich die Studenten, ob sie ihr Studium wirklich mögen, woraufhin nicht mehr als 25 Prozent von ihnen die Hände heben. Dann sage ich zu den anderen 75 Prozent: "Ihr investiert rund 50.000 Euro und mindestens vier Jahre eures Lebens für ein Studium, das ihr eigentlich nicht so richtig machen wollt." Ist es also viel Geld oder nicht, 7000 Euro in sich selbst zu investieren, um herauszufinden, wer man ist und was man wirklich aus seinem Leben machen möchte?

Die Gebühren inkludieren ja nicht nur die Lektoren, das Gebäude und Exkursionen, sondern die Studenten bekommen auch einen Teil davon zurück, um damit selbst zu entscheiden, welche Kurse sie haben möchten. An der Uni zahlst du Studiengebühren und wirst in ein bestehendes Programm gesteckt, wo dich niemand fragt, ob es dir gefällt oder nicht.

Können die Studenten während des Studiums durch Projektarbeiten auch Geld verdienen?

Es geht bei Knowmads mehr ums Lernen als ums Verdienen, aber das eine schließt das andere natürlich nicht aus. Viele Studenten arbeiten nebenbei und versuchen ihr Wissen in die Welt zu bringen. Verschiedene Firmen beauftragen uns, Marketing- oder Nachhaltigkeitspläne zu erstellen, da sie hier einen großen Pool an unterschiedlichen Hintergründen, diversen Fähigkeiten, Wissen und Lebenserfahrungen vorfinden. Das ist für Firmen äußerst interessant. Nach drei Jahren habe ich "Knowmads Greenhouse" gegründet, einen Ausgangspunkt für Absolventen, die in die Welt des Unternehmertums hinaus wollen. Heutzutage braucht es viel Kreativität, um seinen Weg und ein Geschäftsmodell zu finden, die zu einem passen und funktionieren. Letzten Endes müssen wir auch als Knowmads mit Geld bezahlen.

Oft hört man, dass das Bildungssystem veraltet ist. Wie kann Bildung fruchtbarer gestaltet werden?

Sowohl wir als auch 175 Schulen weltweit, die ähnlich funktionieren, versuchen aufzuzeigen, dass es noch etwas anderes gibt als das existierende System, das wie eine Excel-Tabelle funktioniert. Sobald die Klassentür geschlossen ist, kann man tun, was man will, auch wenn es einen Folder gibt, der ein Programm vorschreibt. Die Studenten werden einen dafür lieben und begeistert mitmachen. Auch innerhalb des Bildungssystems gibt es Menschen, die Veränderung wollen. Das Probem dabei ist, dass Studenten in diese Excel-Tabellen gepackt werden, da viele Institute unsicher sind und dadurch die Kontrolle über alles haben.

Wäre Knowmads ein geeignetetes Universalsystem?

Es gibt uns in Amsterdam, in Hanoi, in Berlin, in Sevilla, bald auch in Italien und Argentinien. Überall herrschen unterschiedliche Bedingungen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Energien und unterschiedliche Wege, wie man an Dinge herangeht. Mein Freund Jacob Hecht hat in Israel demokratische Schulen eingeführt. Bald schon hat ihn der Bildungsminister gefragt, ob er nicht seinem Team beitreten möchte, um alle israelischen Schulen in einen demokratischen Bildungsweg umzufunktionieren. Jacob zögerte und dachte: "Damit ersetze ich ein System mit einem anderen System. Nur, ist dieses System geeignet für alle?" Viele demokratische Bildungswege wurden irgendwann reguläre Systeme, aber das ist nicht unser Ziel.

Warum gibt es heutzutage viele junge Menschen, die sich verloren fühlen und nicht wissen, was sie mit ihrem Leben tun sollen?

Der Bildungsreformer Ivan Illich hat bereits in den 1970er Jahren gesagt, dass Universitäten dich glauben lassen, dass die Welt so ist, wie sie ist - ähnlich wie bei Werbefirmen. Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was die Jugend sieht, und was ihnen präsentiert wird. Sie sehen, dass die Welt den Bach hinuntergeht und gleichzeitig werden sie im Bildungssystem in eine Seifenblase gesteckt, wo nach einem völlig weltfremden Lehrbuch unterrichtet wird. An der Uni sind 75 Prozent der Studenten tatsächlich verloren, erleben es aber nicht so. Junge Menschen, die nicht über ihr Wissen, Verlangen und Sein mächtig sind. Meiner Meinung nach sollte Bildung Studenten dazu befähigen und es ihnen ermöglichen, weiter zu gehen als bisher. Aber das passiert nicht.