Viele Ihrer Ideen wären also theoretisch möglich, sind aber nicht erlaubt?

Genau wie bei den Geschlechtsumwandlungen in den 1950er und 1960er Jahren. Die Begründungen, warum diese Operationen damals nicht erlaubt wurden, sind die gleichen, die heute für Cyborgs angegeben werden: Es ist medizinisch nicht notwendig, auch wenn man sich als Cyborg fühlt und auf dieser Operationen besteht. Die Menschen würden das Spital nicht mehr ernst nehmen, wenn man mit einer Antenne im Kopf aus einem Krankenhaus herausspaziert. Und drittens: Jede Operation birgt Risiken in sich. Dennoch kann man sich heute in vielen Spitälern problemlos einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. Darum bin ich überzeugt, dass auch Cyborg-Operationen zur Normalität werden.

Wie sehen Sie die Zukunft der Menschheit?

Ich denke, dass wir uns in einem Übergangsprozess befinden und alle irgendwann Cyborgs werden. Vor 15 Jahren haben wir Technologie nur genutzt. Heute tragen wir sie bereits permanent in unseren Körpern. Die nächste Stufe kann also nur lauten, dass wir selbst zur Technologie werden. Das wird ein großer Schritt in der Evolutionsgeschichte.

Haben Sie darum die Cyborg Foundation gegründet?

Seitdem ich die Antenne trage, erhalte ich unendlich viele Nachrichten von Menschen, die auch ihre Sinne erweitern wollen. Also gründeten Moon Ribas und ich die Cyborg Foundation. Wir wollen Menschen helfen, Cyborgs zu werden, den Cyborgismus als Kunst- und Sozialbewegung bewerben und Cyborgrechte verteidigen.

Cyborgrechte?

Ja, das Recht, Cyborg zu werden, Operationen zu haben, in Reisepässen genannt und damit anerkannt zu werden.

Gerade letzteres ist beispielsweise auf Flughäfen nicht immer einfach, oder?

Elektronisches Equipment ist auf Passfotos nicht erlaubt und muss daher entfernt werden. Aber neue Körperteile und Sinneserweiterungen kann man nicht entfernen, selbst wenn man wollte. Immer noch werde ich bei Sicherheitskontrollen zur Seite genommen, inspiziert und auf Explosives getestet. Das wollen wir als Cyborg Foundation ändern.

Wie wirbt Ihre Organisation für Cyborgs?

Die Cyborg Foundation arbeitet momentan mit der Non-Profit-Organisation Hyphen Hub an einem neuen Projekt. Wir bringen Freiwillige, die Cyborgs werden wollen, für einen Monat nach New York. Wir geben ihnen eine Unterkunft und konvertieren sie in Cyborgs, damit sie ihren neuen Wahrnehmungssinn durch Kunst ausdrücken. Später machen wir mit den gesammelten Kunstwerken eine große Ausstellung.

Ihr erweiterter Sinn ist das Wahrnehmen von Farben durch Ihre Antenne. Wie geht das?

Grundsätzlich nimmt die Antenne Lichtfrequenzen vor mir wahr. Über einen Chip in meinem Schädel werden diese Lichtfrequenzen in Tonfrequenzen umgesetzt, die als Vibrationen in meinem Innenohr enden. Selbst wenn ich taub wäre, könnte ich noch Farben durch Vibrationen fühlen. Durch Internetverbindung in meinem Schädel kann ich auch Farben von externen Zuspielern empfangen. Dadurch höre ich beispielsweise die Farben eines Sonnenuntergangs in Australien in Echtzeit und stelle mir das Bild dazu vor.

Damit sind Sie den Menschen einen gewaltigen Schritt voraus.

Ich will meine Farbwahrnehmung kontinuierlich verbessern. Nachdem mein Sensor das Maximum von 360 Mikrotönen erreicht hatte, inkludierten wir Farben, die über die Kapazität des menschlichen Auges hinaus gehen.

Wie sehen Sie Farben, die wir nicht sehen können?

Durch Noten, da der Spielraum im Gehör einfach größer ist als in der Sicht. Die für das menschliche Auge visuellen Farben liegen alle innerhalb einer Oktave, aber Infrarot und Ultraviolett sprengen diese und gehen sogar noch weiter. Ich hingegen nehme viel mehr Noten wahr, sogenannte Mikrotöne. Durch Töne kann man das gesamte visuelle Spektrum akustisch aufnehmen, auch X-Wellen, Gammawellen, Radiowellen und Mikrowellen, Ich kann mich außerdem über meinen Internetzugang mit einem Satelliten verbinden und außerirdische Farben des Alls empfangen.

Welche Farben hat das All?

Abertausende ultraviolette und infrarote Farben, für die wir noch nicht einmal Namen haben.

Funktioniert Ihre Antenne auch unter Wasser?

Sie ist wasserdicht, aber nicht tauchbar. Mein Problem ist, dass ich nicht so gut mit Wasser kann. Das liegt bei uns in der Familie. Ich würde gerne schwimmen, aber genetisch funktioniert das bei mir irgendwie nicht.

Wie haben Sie sich an all diese Farb-Klänge gewöhnt?

Zu Beginn blockierte ich meinen Hörsinn, um meinen Farbwahrnehmungssinn zu gewinnen. Durch die Kopfhörer hörte ich zwar Farben, aber nichts von dem, was um mich herum passierte. Erst als ich die Farbwahrnehmung vom Hören trennte, endete die Verwirrung in meinem Kopf. Als ich die Farben durch Vibrationen an meinem Schädel zu hören begann, dauerte es gut fünf Wochen, bevor die Kopfschmerzen aufhörten. Nach rund fünf Monaten gewöhnte ich mich daran und begann sogar in Farben zu träumen. Das war der Moment, wo ich mich endgültig als Cyborg fühlte. Ich empfand meine Sinneserweiterung als neuen Körperteil.

Wie reagierte Ihr Umfeld?

Es war unglaublich peinlich, vor allem in den ersten Tagen. Einige Bekannte meinten, ich mache mich selbst zum Idioten. Das hat mich sehr getroffen. Seitdem rede ich nicht mehr mit diesen Leuten. Es vergeht kein Tag, wo nicht über mich gelacht wird. Mittlerweile bin ich aber daran gewöhnt, Ich könnte eine Sozialstudie darüber schreiben, wie Menschen reagieren, wenn jemand eine Antenne am Kopf trägt.