"Wiener Zeitung": Essen Sie beide noch gerne ein Honigbrot?

"extra"-Mitarbeiterin Ingeborg Hirsch im Gespräch mit dem Stadtimker Matthias Kopetzky (Mitte) und dem Bienenfachmann und Hobbyimker Rudolf Moosbeckhofer. Foto: AGES
"extra"-Mitarbeiterin Ingeborg Hirsch im Gespräch mit dem Stadtimker Matthias Kopetzky (Mitte) und dem Bienenfachmann und Hobbyimker Rudolf Moosbeckhofer. Foto: AGES

Rudolf Moosbeckhofer: Jeden Tag zum Frühstück, am liebsten nehme ich einen Cremehonig, weil ich den ganz dick aufstreichen kann.

Matthias Kopetzky: Ich koste mich gerne durch, das interessiert mich sehr. Selbst Honige von gleichen Standorten können ganz unterschiedlich schmecken, weil die Bienenvölker oft unterschiedliche Pflanzen anfliegen.

Kann der Mensch ohne Honigbienen leben?

Moosbeckhofer: Der Mensch würde nicht verhungern, weil die meisten Grundnahrungsmittel wie Getreide, Reis oder Mais durch Selbst- oder Windbestäubung befruchtet werden. Aber viele wunderbare Lebensmittel, vor allem Obst und Gemüse, würde es ohne die Bestäubungsleistung der Biene nicht geben - oder sie wären so teuer, dass sie sich nur noch wenige Menschen leisten könnten. Nicht umsonst heißt es "Honig kann man importieren, die Bestäubung aber nicht".

In Österreich leben fast 700 Wildbienenarten und zahlreiche Hummeln, die einen Teil übernehmen könnten, aber gerade die Honigbiene ist durch ihre Volksstärke für die Bestäubung von großen blühenden Flächen prädestiniert. In verschiedenen Bienenfilmen sieht man, wie Menschen mühsam die Bestäubungsarbeit der Insekten übernehmen: fünf bis sechs Bäume schafft ein Arbeiter pro Tag, das ist bei uns für bestimmte Kulturen wie Beeren oder Kirschen undenkbar. Selbst in China gibt es Probleme, weil durch die anhaltende Landflucht bald nicht mehr genug Landarbeiter für die Bestäubungsarbeit zur Verfügung stehen werden.

Und kann die Honigbiene heute noch ohne den Menschen leben?

Biene auf einer Silphie (Silphium perfoliatum), einer mehrjährigen Bienenweidepflanze, die derzeit in Probepflanzungen auf ihre Eignung als Ersatz von Mais zur Biogasproduktion getestet wird. Foto: AGES
Biene auf einer Silphie (Silphium perfoliatum), einer mehrjährigen Bienenweidepflanze, die derzeit in Probepflanzungen auf ihre Eignung als Ersatz von Mais zur Biogasproduktion getestet wird. Foto: AGES

Moosbeckhofer: Das hängt vom Gebiet ab: In Südamerika, Asien oder Afrika können Honigbienen ohne Menschen leben, zum Teil gibt es dort noch eine ursprüngliche Art der Honigjagd. Bei uns in Mitteleuropa haben wir von der Struktur her wenig natürliche Nistmöglichkeiten für Bienen. Da gibt es hohle Bäume in großen Parks, große Alleebäume oder auch Kamine in der Stadt. Ich habe selbst einmal mit einem Rauchfangkehrer einen Schwarm aus einem leeren Rauchfang in der Währinger Straße herausgenommen, mitten in der Innenstadt. Eine hohle Röhre ist ein wunderbarer Nistplatz für Bienen; und manche Kamine haben oben noch ein Regendach darüber.

Aber selbst wenn es genügend Nistplätze für Bienen gäbe - das eigentliche Problem ist die eingeschleppte Varroamilbe, die den Bienen sehr zusetzt. Vielleicht könnten manche Schwärme überleben, speziell wenn sie mehrfach schwärmen, weil sich dann die Milbenzahl aufteilt. Aber die Mehrheit der Bienen würde in Österreich alleine nicht überleben. Honigbiene und Imker bilden heutzutage eine Einheit, das heißt, wenn ich die Bienen schützen möchte, muss ich auch - ich will jetzt nicht sagen, den Imker schützen -, aber ich muss genügend Menschen finden, die hobbymäßig oder beruflich bereit sind, Bienenzucht zu betreiben. Dann werden wir auch genug Bienen haben.

Wenn diese Rahmenbedingungen nicht gegeben sind, wird die Entwicklung eher in Richtung Vollprofessionalisierung gehen, wie etwa in den USA. Dort gibt es Großimker mit Tausenden von Bienenvölkern, die nur mehr die Kulturen anfahren, die Bienen für die Bestäubung brauchen und für die hohe Bestäubungsprämien bezahlt werden. Honig ist zum Teil nur noch ein Nebenprodukt oder wird aus logistischen Gründen gar nicht mehr geerntet. Die ganze Wildflora oder die kleinen Privatgärten würden dann auf der Strecke bleiben.

Das Ziel von "Bee-Coop" ist es, möglichst vielen Menschen in der Stadt eine hobbymäßige Bienenhaltung zu ermöglichen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Kopetzky: Ich habe zu imkern begonnen, weil ein Familienmitglied aus Alters- und Gesundheitsgründen damit aufhören musste, und wir nicht die gesamte Ausrüstung weggeben wollten. 2014 haben wir uns dann ein Bienenprojekt überlegt, weil wir gesehen haben, dass es sehr viele Leute in der Stadt gibt, die sich mit Bienen beschäftigen wollen. Allerdings ist es bei den Wohnverhältnissen in der Stadt nicht so einfach. Man braucht einen Standplatz für die Bienen, Ausrüstung, Lager- und Transportmöglichkeiten. So ist die Idee entstanden, als eine Art Imkerei mit einem gemeinsamen Konzept und gemeinsamer Gerätenutzung im städtischen Zentralraum Bienen im hobbymäßigen Umfang zu halten.

Ist es schwierig, in Wien Standplätze für Bienen zu finden, und sind Dächer eine Alternative?

Kopetzky: Es ist nicht einfach. Die große Herausforderung ist, zentrale Plätze zu finden, an denen mehrere Bienenstöcke geschützt aufgestellt werden können. Derzeit haben wir 13 Standplätze in Wien, wollen aber letztlich alle 23 Bezirke abdecken, weil wir in jedem Bezirk einen eigenen Honig produzieren möchten. Wir stehen auch auf verschiedenen Dächern, aber ich würde die Bienenhaltung in der Stadt lieber sichtbarer machen. Durch die aktuelle Bienen- und Spritzmitteldiskussion wurde auch in der breiten Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für landwirtschaftliche Produktionsbedingungen geschaffen. Es wäre interessant, diesen Prozess weiterzuführen, gerade weil Regionalität und regionale Produkte für immer mehr Menschen eine Rolle spielen.