Was hat Sie an der Arbeit mit Bienen am meisten überrascht?

Moosbeckhofer: Mich haben gewisse Sachzwänge und Notwendigkeiten überrascht, in die man gerät, sobald man sich Bienen zulegt. Ich war zuerst einmal damit konfrontiert, dass ich kein Fahrzeug hatte. Meine ersten Bienen habe ich mit Taxi, Zug und Postbus von Wien zu ihrem Aufstellungsplatz in der Steiermark transportiert. Dort hat mich mein Vater mit dem Moped abgeholt und wir haben sie der Reihe nach auf den Berg geschafft. Eigentlich wollte ich aus Liebe zur Natur nie ein Auto, aber irgendwann kommt man zu dem Punkt, an dem man entscheidet, dass man eines braucht. Eine andere, berührende Erkenntnis war jene, dass einem, wenn man einen Bienenstock öffnet, ein körperwarmes Gefühl entgegenströmt, und das, obwohl die Biene ein kaltblütiges Insekt ist. Das Bienenvolk in seiner Gesamtheit ist gewissermaßen ein warmblütiges Wesen - und insofern ist es uns schon sehr nahe.

Kopetzky: Für mich war es ein spannender Übergang, die Bienen nicht nur als stechende Insekten, sondern einfach als Lebewesen zu sehen, die einmal schauen, was passiert, wenn man sich ihnen nähert, und die nicht grundsätzlich aggressiv sind. Faszinierend ist auch die Tatsache, dass man Bienen von einer Honigwabe oder als Schwarm fast wassergleich in einen Eimer schütten kann. Aber selbst wenn man Bienen mit der bloßen Hand streicheln kann, sollte man im Hinterkopf behalten, dass sie wehrhafte Tiere sind und die Schutzausrüstung immer dabeihaben. Als Imker kann ich - vor allem im Stadtbereich - nicht einfach davonlaufen, wenn die Situation kritisch wird; schließlich bin ich für die Bienen verantwortlich.

Was wünschen Sie sich als Fürsprecher der Bienen?

Moosbeckhofer: Ich wünsche mir ein positiv-gelassenes Verhalten gegenüber der Biene. Wenn man den Bienen etwas Gutes tun möchte, sollte man darauf achten, von Frühling bis Herbst etwas Blühendes in seinem Garten zu haben, und durchaus auch ein paar Wildflächen, die nicht so perfekt sind. Gerade für die Wildbienen sind dickstengelige Pflanzen wie die Königskerze oder der Ampfer wichtig, weil sich die Weibchen dort ihre Nisthöhlen machen. Wenn jeder nur einen kurzgeschorenen Rasen möchte, haben es die Bienen schwer, aber auch hier gilt Flexibilität. Wenn ich kleine Kinder habe, die viel barfuß laufen, ist ein Kulturrasen sicher besser als eine Naturwiese mit Weißklee, den die Bienen sehr anziehend finden. Die Spritzungen gegen Blattläuse, die Hobbygärtner oft gerne durchführen, sind schädlich für die Bienen; auch da wünsche ich mir einen bedachtsameren Umgang.

Was wünschen Sie sich für die Stadtimker?

Kopetzky: Mehr Gelassenheit im Umgang mit der Biene und mehr Unterstützung bei zentralen Aufstellungsflächen in der Stadt. Ich glaube, dass die Stadt in Zukunft auch landwirtschaftlich wieder eine Bedeutung erlangen muss. In der Kaiserzeit war die Bienenhaltung für Wien sehr wichtig. Wien ist durch die vielen Parks, Kleingärten und begrünten Balkone ein begnadetes Bienengebiet mit langwährenden Futterquellen, und die Biene ist wahrscheinlich eines der geeignetsten Nutz-Haustiere, die man im städtischen Bereich halten kann.

Zu den Personen

Rudolf Moosbeckhofer hat Zoologie und Botanik an der Universität Wien studiert und leitet die Abteilung Bienenkunde und Bienenschutz der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit). Seine Forschungsschwerpunkte sind Bienengesundheit, Varroamilbenbekämpfung und die Untersuchung von Bienen- und Völkerverlusten hinsichtlich möglicher Ursachen im Projekt "Zukunft Biene" (Krankheitserreger, Parasiten, Rückstände von Pestiziden).

www.ages.at/themen/umwelt/bienen

Matthias Kopetzky ist Nebenerwerbs-Stadtimker in Wien und hat die "Bee-Coop" gegründet, eine gemeinnützige Vereinigung mit Biozertifizierung, die die Bienenhaltung in der Stadt fördert, gemeinsame Standplätze und Gerätenutzung anbietet und neue Imker bei ihrem Hobby berät und betreut.

www.bee-coop.at

Wissenswertes

Das Bienenvolk besteht aus Königin, Arbeiterinnen und den männlichen Drohnen. Die Bienenkönigin beginnt im Frühjahr mit der Eiablage, bei günstigen Bedingungen kann sie bis zu 2000 Eier am Tag legen. Aus den Eiern entwickeln sich Bienenmaden, die von den Ammenbienen gepflegt und gefüttert werden. Für die endgültige Metamorphose zur Jungbiene wird die Wabenzelle mit der Bienenmade mit einem Wachsdeckel verschlossen. Aus befruchteten Eiern schlüpfen nach 21 Tagen Arbeiterinnen, aus unbefruchteten nach 24 Tagen Drohnen. Die frisch geschlüpften Arbeiterinnen durchlaufen eine Reihe von Aufgaben: Sie reinigen die Zellen, pflegen die Königin, ernähren und wärmen die Brut, erzeugen Wachs, bauen Waben, bewachen und verteidigen das Flugloch und sammeln Nektar, Honigtau, Pollen, Wasser und Kittharz (Propolis). Durch ihren intensiven Arbeitseinsatz leben diese Sommerbienen im Durchschnitt nur 6 Wochen.

Mit April/Mai beginnt der natürliche Schwarmtrieb des Bienenvolkes, d. h. die Arbeiterinnen bauen Weiselzellen, wenn die Königin Eier hineinlegt, werden diese während ihrer ganzen Entwicklung mit Gelée royale gefüttert und neue Königinnen entstehen. Noch bevor diese nach 16 Tagen schlüpfen, schwärmt die alte Königin mit einem Teil der Bienen aus und sucht sich eine neue Bleibe. Von den verbliebenen Bienen können mit den neuen Königinnen noch mehrere Nachschwärme abgehen, bzw. sucht die erste geschlüpfte Königin die anderen, sticht sie tot und übernimmt das Volk. Die Jungkönigin absolviert mehrere Hochzeitsflüge und wird dabei in der Luft von mehreren Drohnen begattet. Nach einigen Tagen beginnt sie Eier zu legen. Danach verlässt sie den Stock nicht mehr, außer das Volk schwärmt im nächsten Jahr erneut. Die Drohnen sterben nach dem Begattungsakt ab, da ein Teil ihres Geschlechtsorganes in der Königin verbleibt (Begattungszeichen). Die restlichen Drohnen werden ab August von den Arbeiterinnen aus dem Stock geworfen (Drohnenschlacht).