In Ihren Filmen, aber auch als Mensch strahlen Sie Optimismus und Mut aus. Woher haben Sie selbst all die Kraft genommen, diesen doch sehr eindrucksvollen Karriereweg zu meistern?

Ich fürchte, dass ich diese Frage nicht beantworten kann, weil ich nicht in dieser Kategorie über mich nachdenke. Wenn ich höre: "Sie sind eine starke Frau", dann möchte ich am liebsten zurückfragen: "Im Vergleich zu wem?" Ich weiß es wirklich nicht. Wahrscheinlich ist es so, dass ich das Handtuch nicht werfe, dass ich durch die Liebe zu diesem Beruf auch andere Eigenschaften angenommen habe, die wichtig sind und die ich zuvor nicht in diesem Ausmaß hatte.

An welche Eigenschaften denken Sie konkret?

Im wirklichen Leben bin ich sehr ungeduldig, aber in meinem Beruf bin ich ausgesprochen geduldig, auch sehr diszipliniert, das habe ich vollkommen verinnerlicht, anders geht es ja nicht. Ich glaube, dass es mir sehr viel Kraft gibt, dass ich mit einem Künstler zusammenlebe, der innerlich sehr gefestigt ist. Michael ist wahrscheinlich der einzig wirklich souveräne Mensch in unserer Familie. Ich habe sehr früh schon Verantwortung für meine Eltern getragen, das spielt vielleicht auch eine gewisse Rolle.

Wie alt waren Sie damals?

Neunzehn Jahre, meine Mutter war Hausfrau und mein Vater in einem ungeliebten Job. Als ich am Theater war und erste Filme gedreht habe, sagte mein Vater: "Ich möchte jetzt aufhören." Das bedeutete, dass ich ab nun für meine Eltern gesorgt habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass es da einen Moment gab, wo mir dieser Zeitpunkt zu früh vorgekommen wäre oder ich das Gefühl hatte, ich würde das nicht schaffen.

Ehe Sie sich dem Schauspiel zuwandten, studierten Sie bis zu Ihrem sechzehnten Lebensjahr zehn Jahre lang an der Akademie in Wien Tanz. Haben Sie als junge Frau je ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, im musikalisch-tänzerischem Metier Fuß zu fassen?

Ich muss sagen, dass ich erst jetzt wirklich begriffen und erkannt habe, wie sehr mein Vater hier eigentlich eingewirkt hatte. Er erkannte mein Talent und meinte: "Gut, dann machen wir es aber richtig! Es gibt zwei Möglichkeiten, das Staatsopernballett oder die Akademie." Da sich das Staatsopernballett nicht mit dem Gymnasium vereinbaren ließ, studierte ich an der Akademie bei Rosalia Chladek, einer damals sehr berühmten Choreografin. Der wichtigste Mensch für mich in dieser Zeit war aber sicherlich Karla Denk-Kuna. Sie lehrte Ausdruckstanz und Jazz und ließ uns Geschichten tanzend erzählen. Das war wunderbar für mich. Bis heute entstehen in mir Bilder, sobald ich Musik höre . . .

Was gab den Ausschlag, dass Sie sich letztlich doch dem Schauspiel zuwandten und nicht dem Tanz?

Ich bin in der Pubertät ziemlich aufgegangen - oder wenn man es positiv ausdrücken möchte - sehr aufgeblüht! Sogar mit meinen fünfzehn Jahren konnte ich mir ausrechnen, dass ich niemals diese langen Glieder, diesen langen Rücken haben werde, den man als Ballerina haben sollte. Auch hier war Karla Denk-Kuna sehr wegweisend. Sie ermutigte mich, mir die Seminaristen anzusehen, die am Schlosstheater Schönbrunn für die Abschlussvorstellung des Reinhardt-Seminars probierten. Das habe ich getan und es hat mir so gut gefallen, dass ich mich nach dem nächsten Termin für die Aufnahmeprüfung erkundigt habe.

Die Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar haben Sie dann auf Anhieb geschafft und waren mit sechzehn Jahren die jüngste Seminaristin.

Auch in dieser Hinsicht hat mein Vater eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Er hat sehr an mich geglaubt. Heute weiß ich, dass hier auch seine eigene Geschichte mitgespielt hat. Im Sinne von: "Soll sie es doch probieren, was ich nicht gewagt habe . . ."

Sie sprechen die Tatsache an, dass Ihr Vater - bevor er den elterlichen Metallbetrieb übernehmen musste - am Konservato-
rium in Wien Komposition bei Max Reger studiert hatte und seine künstlerische Begabung nie entsprechend ausleben konnte.

Ja, ich kann mich zwar nicht dezidiert an solche Gespräche erinnern, aber man hat einfach gesehen, dass er ein sehr unglücklicher Mensch ist.

Andererseits erteilte Ihr Vater Ihnen als Kind Klavierunterricht.

Das hat unsere Verbindung sehr belastet. Er hatte kein Verständnis dafür, dass dieses musikalische Kind so faul ist. Und ich war furchtbar faul.

Beim Klavierüben?

Eine ausführlichere Fassung dieses Interviews ist in dem Buch "Was ich liebe, gibt mir Kraft. Bühnenstars aus Oper und Theater erzählen" (Styria premium) nachzulesen, das am 23. September erscheint und Gespräche u.a. mit Senta Berger, Christa Ludwig, Elisabeth Orth, Elfriede Ott und Erika Pluhar versammelt.

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, lebt als freie Journalistin, Autorin und Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur "Lineaart" in Wien.
Eine ausführlichere Fassung dieses Interviews ist in dem Buch "Was ich liebe, gibt mir Kraft. Bühnenstars aus Oper und Theater erzählen" (Styria premium) nachzulesen, das am 23. September erscheint und Gespräche u.a. mit Senta Berger, Christa Ludwig, Elisabeth Orth, Elfriede Ott und Erika Pluhar versammelt.
Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, lebt als freie Journalistin, Autorin und Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur "Lineaart" in Wien.

Ja, aber es gab auch weniger beschwerte Zeiten. In unserer winzigen Gemeindewohnung in Hietzing hatten wir ein Klavier. Als ich fünf, sechs Jahre alt war, habe ich meinen Vater ab und zu überreden können, dass er Lieder von Robert Stolz und Franz Lehár spielte - und ich habe dazu gesungen.

Dies war auch die Zeit, als Sie mit Ihrem Vater bei sogenannten "Bunten Abenden" auftraten. Er begleitete Sänger am Klavier und Sie sammelten erste Bühnenerfahrungen beim Tanz. Am 24. März 1948 hatten Sie Ihre erste Kritik in der "Wiener Zeitung": "Tänzerisch wie akrobatisch verblüffend, die herzige kleine große Tanzkünstlerin Senta Berger . . ."

Ich fand diese Kritik nach meines Vaters Tod in einer Schuhschachtel, in der er auch meine Kärtchen und Briefe aufgehoben hatte, die ich als Kind an ihn geschrieben hatte.

Von 1974 bis 1982 spielten Sie im Rahmen der Salzburger Festspiele an der Seite von Curd Jürgens beziehungsweise Maximi- lian Schell die Buhlschaft im "Jedermann". Weder vor noch nach Ihnen hat eine Darstellerin diese Rolle so lange verkörpert. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass dies die einzige Theaterrolle sei, die Sie zu jeder Tages- oder Nachtzeit sofort abrufbar hätten. Warum gerade dieser Text?