Natürlich! Für uns sind die Stimmbänder zum Singen da und nicht zum Sprechen. Man spricht auch in einer ganz anderen Tonlage als man singt.

Wie haben Sie in diesen Phasen des Schweigens mit Ihrer Familie kommuniziert?

Ich habe alles auf einer kleinen Tafel aufgeschrieben. Wenngleich meine Schrift leider nicht immer zu entziffern war. Aber Schweigen hat auch seine schönen Seiten. Ich finde es wunderschön, der Stille zuzuhören.

Dass Sie es geschafft haben, fünf Jahrzehnte auf absolutem Weltklasseniveau zu singen, ist wohl ein Zeichen dafür, dass Sie sehr sorgsam mit Ihrer Stimme umgegangen sind?

Natürlich habe ich sie auch überfordert. Ich wollte immer Sopran sein. Ich liebe es, im Leben Hürden zu überwinden.

War "Fidelio" beispielsweise solch eine Hürde?

Ja, auch die Ariadne in "Ariadne auf Naxos" und die Färbersfrau in "Die Frau ohne Schatten". Diese Rollen sind für Sopran geschrieben, aber ich wollte sie trotzdem ausprobieren und singen. Wenn ich es dann geschafft hatte, allerdings merkte, dass es meiner Stimme wehtat, habe ich wieder damit aufgehört und mich einer anderen Aufgabe zugewandt.

Welche Charaktere reizten Sie auf der Bühne am meisten?

Die suchenden Charaktere. Ich bin generell ein suchender Mensch.

Da dürfte die Kundry in "Parsifal" auf Ihrer Linie gelegen sein?

Natürlich! Sie ist auch ein Charakter, der sich im Laufe eines Werkes verändert. Schillernde Persönlichkeiten habe ich auf der Bühne immer gerne verkörpert, vielleicht, weil ich im Leben ganz normal bin.

Der Titel Ihrer Autobiografie
" . . . und ich wäre so gern Primadonna gewesen", ist also eher ironisch gemeint.

Selbstverständlich.

Sie wollten tatsächlich nie eine Primadonna sein?

Nein, sicher nicht! Außerdem bin ich Mezzosopran. Mezzosoprane stehen mit beiden Füßen am Boden. Manchmal habe ich den Eindruck, je höher die Stimme, desto verrückter werden die Leute! Der Buchtitel ergab sich nur deshalb, weil ich einmal mit Elisabeth Schwarzkopf in Mailand im "Rosenkavalier" gesungen habe und im letzten Akt bekam sie ein Spotlight, was auch in Ordnung ist, aber es blieb den ganzen Akt wie selbstverständlich bei ihr, und da dachte ich mir: "Ich wäre so gerne Primadonna!"

Apropos Primadonna: War Maria Callas tatsächlich eine Primadonna par excellence?

Sie war die einzige Primadonna, die es in den letzten hundert Jahren gab. Sie verkörperte alles, was dazugehört. Es heißt ja, will man Primadonna sein, muss man in einem Jahr mindestens sieben Erfolge und sieben Skandale aufweisen. Das hat sie gemacht. Sie hatte die Skandale und die Riesenerfolge.

Konnten Sie trotzdem gut mit ihr zusammenarbeiten?

Als wir gemeinsam Aufnahmen für "Norma" machten, war sie sehr liebenswürdig. Eine Primadonna zu verkörpern, hat ja nicht unbedingt etwas mit dem Menschen an sich zu tun.

Sie sind in eine sehr musikalische Familie hineingeboren und konnten bereits im Alter von vier Jahren die Arie der Königin der Nacht auswendig singen . . .

Das war für mich ganz normal. Meine Mutter war Altistin und mein Vater Operndirektor, Regisseur und Sänger. Als Kind war es für mich völlig selbstverständlich, in der Loge zu sitzen und Opern zu hören.

Sie bezeichnen Karl Böhm, der Sie 1955 an die Staatsoper engagierte, als Ihren Wiener Mentor und spirituellen Vater. Wie darf man sich diese Verbindung vorstellen?

1954 war ich für ein Jahr in Hannover engagiert. Karl Böhm wollte mich als Nachfolgerin von Elisabeth Höngen an die Wiener Staatsoper holen. Ich war allerdings der Ansicht, dass ich für diese Aufgabe noch zu jung wäre und lehnte ab. Wenig später dirigierte Böhm in Frankfurt und es kam zu einem persönlichen Treffen. Ich wiederholte meine Bedenken, woraufhin sich Karl Böhm nach meinem Geburtsdatum erkundigte. Wie sich herausstellte, wurde ich am selben Tag geboren wie sein Sohn Karlheinz. Dies war die erste kleine Verbindung, die sich in weiterer Folge vertiefte.

Im Rahmen Ihrer Karriere waren Sie 40 Jahre Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und haben überdies an den weltweit führenden Opernhäusern gesungen. Mit welchen Dirigenten haben Sie am liebsten gearbeitet?

Mit Böhm, Karajan und Bernstein. Ich hatte das Glück, mit den herrlichsten Dirigenten zu singen.

Sie sagten einmal: "Karajan macht Musik, Bernstein ist Musik." Wie ist dies zu verstehen?

Karajan war der geniale Interpret, Bernstein der kreative Mensch, das Genie. Karajan legte größten Wert auf schöne Phrasierung und Wohlklang. Er konnte immer ganz genau abschätzen, ob ein Sänger gut bei Stimme war oder nicht. Via Orchester atmete er förmlich mit dem Sänger mit. Umgekehrt erwartete er auch von uns Sängern, dass wir uns auf den Klang, der aus dem Orchestergraben aufsteigt, einstimmen. Im "Lied von der Erde" gibt es beispielsweise eine Stelle, an der ein Cello ohne Orchesterbegleitung erklingt. Und in genau dieser Tonhöhe musste ich zu singen beginnen. Karajan sagte zu mir, ich sollte den Klang von diesem Cello exakt imitieren, damit das eine Linie wird. Das sind so Kleinigkeiten - eigentlich "Großigkeiten", die einen guten Dirigenten auszeichnen.

Und Leonard Bernstein?