Er war nicht nur Dirigent, sondern auch Komponist, Pianist und Autor. Darüber hinaus war er ein hervorragender Lehrer und hochgebildeter Mann. Bernstein war mein Paradiesvogel. Paradiesvögel fehlen heute, eine Callas ebenfalls. Wir sind alle so bürgerlich geworden, schrecklich!

Herbert von Karajan kannten Sie ja bereits als Kind . . .

Ja, als mein Vater Opernintendant in Aachen war, engagierte er den jungen Karajan als Generalmusikdirektor. Schon meine Mutter sang mit ihm "Fidelio", genauso wie ich es dreißig Jahre später tat. Ich hatte Glück! Ich war meistens zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe vor den richtigen Leuten gesungen. Und dann war ich auch noch gut bei Stimme - man braucht eben auch Glück! Wobei ich im Grunde genommen alles in meinem Leben meiner Mutter zu verdanken habe.

In künstlerischer Hinsicht?

In jeder Hinsicht! Meine Mutter hat mir Lebensweisheiten beigebracht. Ihre Worte begleiten mich bis zum heutigen Tag. Von ihr stammt zum Beispiel folgender Satz: "Christa, du musst wie ein trockener Badeschwamm sein, damit alle guten Einflüsse in dich einfließen können." Man darf sich nicht verschließen, man muss immer offen für Neues sein und alles in sich aufnehmen, was gut zu einem passt.

Und dieses Gespür hatten Sie?

Ich war immer dankbar, wenn ich auf Leute traf, die mir etwas vermittelten, das mich weiterbrachte. Man braucht gute Lehrer. Ich hatte meine Mutter, sie war meine einzige Gesangslehrerin. Dann gab es, wie gesagt, Böhm, Karajan und Bernstein. Ebenfalls sehr prägend war Walter Legge, der damalige Produzent von EMI London. Er war mit Elisabeth Schwarzkopf verheiratet. Dieser Mensch hat mir viel beigebracht. Einmal saßen wir mit Kollegen stundenlang beisammen und Walter Legge spielte uns Platten von alten Sängern vor, unter anderem von Lotte Lenya. Er sagte, "so wie sie Brecht-Lieder singt, musst du deine klassischen Lieder interpretieren". Man kann von allem lernen. Man muss nur offen dafür sein.

Was wiederum an die eingangs gestellte Frage anschließt, inwiefern die Beschäftigung mit Musik die eigene Person prägt. Haben Sie den Eindruck, dass die Musik Sie toleranter oder offener gemacht hat?

Das weiß ich nicht. Natürlich lernt man Toleranz durch diesen Beruf. Schließlich kommt man in viele Länder und trifft auf die unterschiedlichsten Menschen. Egal welche Hautfarbe die Sänger haben, es sind alles nette Kollegen. Und in dem Moment, wo die Musik anhebt, entsteht eine Verbindung - Musik hat eine ungeheure, völkerverbindende Kraft.