Im Oktober 1935 mussten Sie aufgrund der immer größer und bedrohlicher werdenden antisemitischen Anfeindungen Deutschland verlassen und nach Palästina emigrierten. Wie schafften Sie es, in Palästina Fuß zu fassen?

Zunächst absolvierte ich eine Ausbildung zur Säuglingsschwester und arbeitete unter anderem im Hadassah Hospital in Jerusalem. Als meine Eltern und meine beiden jüngeren Schwestern 1939 ebenfalls nach Palästina emigrierten, eröffnete mein Vater in Jerusalem ein Kinderschuhgeschäft, in dem ich dann mitarbeitete.

Neben der Arbeit im Schuhgeschäft begannen Sie 1940 ein Musikstudium am Konservato- rium. Wie ließen sich Arbeit und Studium verbinden?

Von acht Uhr Früh bis sieben Uhr abends habe ich Schuhe verkauft und von 19 Uhr bis 22 Uhr am Konservatorium Musik studiert. Danach musste ich das notwendige Quantum für mein Studium lernen.

Dieses Arbeitspensum hielten Sie fünf Jahre lang durch?

Man ist doch dazu geschaffen, dass man acht Stunden schläft und 16 Stunden zur Verfügung hat, um zu arbeiten.

In dieser Zeit kam es allerdings zu einer Lebenskrise, auch zu Differenzen und Auffassungsunterschieden mit Ihrem Vater. Die Belastung ging so weit, dass Sie - wie Sie durchblicken ließen - daran beinahe innerlich zerbrochen wären.

In dieser Zeit gab es viele Dinge, die ich seelisch verarbeiten musste, auch tiefgehende Gefühle, die ein junger Mensch eben in seinen Entwicklungsjahren durchlebt. Das Resultat war eine menschliche Krise. Aber ich habe sie überstanden und sie hat mich eigentlich viel stärker gemacht. Ich bedauere nicht, dass ich diese Krise hatte. Alles, was ich erlebt habe, hat mich in einer Weise geformt.

Während Ihre Eltern und Ihre beiden Schwestern 1945 in die USA emigrierten, sind Sie nach Europa zurückgekehrt, zunächst nach Zürich, wo Sie bei Ria Ginster Liedgesang studierten. In Zürich kam es auch zu dieser schicksalshaften Begegnung mit Franz Salmhofer, dem damaligen Wiener Staatsoperndirektor. In der Folge wurden Sie am 26. Jänner 1947 zum Vorsingen nach Wien eingeladen und hatten am 3. Februar Ihr Debüt als Aida. Sie lernten diese Partie in nur fünf Tagen. Ist es tatsächlich so, dass Sie zuvor noch nie auf einer Opernbühne gestanden waren?

Ja, es waren meine ersten Bühnenschritte.

Es ist doch sehr ungewöhnlich, als erste Partie sofort eine Hauptrolle zu singen.

Das hat sich durch Zufall ergeben, weil es kurzfristig zu einer Absage kam und Direktor Salmhofer in fünf Tagen die Aida neu zu besetzen hatte. Es gab keine Proben, ich konnte kein Wort Italienisch, aber in fünf Tagen hatte ich die Partie gelernt . . .

. . . und es war auf Anhieb ein großer Erfolg. Am 4. Februar 1947 unterzeichneten Sie einen Vertrag als Solistin an der Wiener Staatsoper. Das Kunststück, eine Partie in kürzester Zeit zu erlernen, haben Sie im Laufe Ihrer Karriere des Öfteren zuwege gebracht. Wie schafft man das?

Ich kann mich sehr gut konzen-trieren und habe ein fotografisches Gedächtnis. Ich lese den Auszug zwei, drei Mal und behalte den Text sozusagen "abfotografiert" im Gehirn. In meinen ersten vier Jahren an der Wiener Staatsoper nahm ich an keiner einzigen szenischen Probe teil und sang in keiner Neuinszenierung. Immer bin ich in alles hineingesprungen. Erst mit Menottis "Konsul" im Jahre 1951 gab man an der Staatsoper die erste Neuinszenierung unter meiner Mitwirkung mit Szenen- und Orchesterproben.

Wien war ab 1947 das Zentrum Ihres künstlerischen Schaffens, gleichzeitig für Sie aber auch eine fremde Stadt - wie wurden Sie aufgenommen?

Um ganz ehrlich zu sein: Als man gehört hat, dass eine Jüdin aus Palästina die Aida singen wird, hat sich der vierte Rang, der ja bei jeder Vorstellung ausschlaggebend ist, ob eine Aufführung ein Erfolg ist oder nicht, vorgenommen, mich auszupfeifen. Als ich allerdings meine erste Arie gesungen hatte, sind diese Menschen, wie sie später selber zugeben mussten, in die Knie gegangen, haben auf das Auspfeifen vergessen und mich sehr beklatscht.

Sie konnten die Menschen, die Ihnen vorab nicht wohlgesonnen waren, also mit Leistung überzeugen.

Das musste ich. Viele Menschen hatten ja eine ganz falsche Vorstellung und kannten die Juden sozusagen nur aus dem "Stürmer" (antisemitische Wochenzeitung, Anm.). Demzufolge war der Jude klein, hässlich, mies, bucklig, hatte eine doppelt so große Nase und hat gestunken. Als ich auftrat, gut gewachsen und genau das gegenteilige Bild dieser Vorurteile verkörpernd, hatte ich einen Teil bereits gewonnen gehabt. Als ich dann außerdem noch gut gesungen habe, war dies offensichtlich doch überzeugend, dass es Juden gibt, die sich dank ihres Könnens durchzusetzen vermögen.

Würden Sie sagen, dass die Aida die entscheidende Rolle in Ihrer Karriere war?

Ja, ich habe die Aida 160 Mal in drei Sprachen - auf Deutsch, Italienisch und Englisch - an vielen Opernhäusern der Welt gesungen. Aber die Rolle, die ich am liebsten und die ich hundert Mal gesungen habe, war die Marschallin im "Rosenkavalier".

Sehr nahe dürfte Ihnen auch die Figur der Magda Sorel in Menottis Oper "Der Konsul" gewesen sein.

Ja, das war sicherlich die Rolle, mit der ich mich am meisten identifizierte. Das Bedrohliche des Emigrantenschicksals, die Abhängigkeit von Behörden und Konsulaten habe ich selbst erlebt. Ich konnte mich in diese Figur wirklich hundertprozentig hineinversetzen.