"Wiener Zeitung": Herr Bohrer, Sie schreiben in dem Prolog Ihres neuen Buches, "Das Erscheinen des Dionysos", dass die wesentliche Eigenschaft des Gottes im plötzlichen Ereignischarakter seines Auftretens bestehe. Wie begründen Sie diese These, die dem Dionysos eine singuläre Rolle zuweist?

Karl Heinz Bohrer: In meinem Buch geht es um den Erscheinungsmodus des Gottes Dionysos. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er plötzlicherscheint, plötzlich auftaucht, wie es das griechische Wort "epháne" ausdrückt. Wenn in traditionell geführten Diskussionen der Begriff "Epiphanie" auftauchte, setzte man ihn mit einem Definitionsmerkmal gleich, das auch anderen griechischen Göttern zukommt. Diesen allgemeinen Begriff der Epiphanie habe ich in meinem Buch nicht intendiert. Gemeint ist vielmehr die spezifische Sonderstellung des Dionysos durch seine vage Erscheinungsform, die einen Unsicherheitsfaktor aufweist: das Brisante, Gefährliche, Interessante, das sich im Exzess, in der Trunkenheit oder im Wahnsinn manifestiert; das alles wird durch das Wort Ereignis angezeigt. Das Erscheinen des Dionysos birgt eine Ereignisqualität, die über das Identitätszeichen des Göttlichen weit hinausgeht. Sie findet sich in relevanten frühgriechischen literarischen Texten, wie etwa in den Homerischen Hymnen, in einigen Chorliedern des Sophokles und in der Tragödie "Die Bakchen" von Euripides. Da werden die Worte "er erschien" nicht anderen strahlenden Göttern wie etwa Apollo zugewiesen, sondern nur dem Dionysos. Auch über seine ganz spezifische Form des Aussehens wird viel geredet. Bereits in den Homerischen Hymnen wird von dem schwarz gelockten, hübschen Aussehen des jungen Mannes gesprochen, was später Euripides in seiner Tragödie "Die Bakchen" übernommen hat. Das effeminierte Aussehen des Dionysos spielt eine enorme Rolle; in einer ganz anderen Weise als Apollons Glänzen oder Aphrodites erotischer Schein.

Karl Heinz Bohrer wurde 1932 geboren, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Köln und Göttingen und nahm eine Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache am Deutschen Zentrum in Stockholm auf. Von 1968 bis 1974 war Bohrer Literaturkritiker und verantwortlicher Redakteur des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", danach arbeitete er als Korrespondent dieser Zeitung in London. 1978 habilitierte er sich an der Universität Bielefeld mit einer Studie über die "Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk". 1982 übernahm Bohrer den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Ästhetik an der Universität Bielefeld. Von 1984 bis 2011 fungierte er als Herausgeber der Kulturzeitschrift "Merkur", in der er sich als streitbarer Publizist erwies, der die vorherrschende intellektuelle Provinzialität in Deutschland anprangerte. Seit 2003 lehrt Bohrer als Visiting Professor an der Stanford University; er lebt in London. - © Jürgen Bauer
Karl Heinz Bohrer wurde 1932 geboren, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Köln und Göttingen und nahm eine Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache am Deutschen Zentrum in Stockholm auf. Von 1968 bis 1974 war Bohrer Literaturkritiker und verantwortlicher Redakteur des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", danach arbeitete er als Korrespondent dieser Zeitung in London. 1978 habilitierte er sich an der Universität Bielefeld mit einer Studie über die "Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk". 1982 übernahm Bohrer den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Ästhetik an der Universität Bielefeld. Von 1984 bis 2011 fungierte er als Herausgeber der Kulturzeitschrift "Merkur", in der er sich als streitbarer Publizist erwies, der die vorherrschende intellektuelle Provinzialität in Deutschland anprangerte. Seit 2003 lehrt Bohrer als Visiting Professor an der Stanford University; er lebt in London. - © Jürgen Bauer

Für Sie ist der Ereignischarakter ein wesentliches Element in der antiken griechischen Kulturgeschichte. Gibt es dazu biografische Bezüge?

Meine Leidenschaft für diese Thematik des Erscheinens des Dionysos wäre undenkbar, wenn ich nicht als ein junger, mit Phantasie begabter Jüngling eine griechische Tragödie in griechischer Sprache an meiner Schule sehen hätte können. Es handelte sich um die Tragödie "Agamemnon" von Aischylos, in der mich das Erscheinen der Klytaimnestra, die eine rote Axt trug, so beeindruckte, dass es zu einem Leitmotiv meiner Phantasie geworden ist. Mich haben die antiken Tragödien viel mehr beeindruckt als die Schriften Platons. Sein salbungsvolles Eintrichtern des Schritt-für-Schritt-Gehens mit der typischen Heureka-Wendung "Siehst du, jetzt hast du es verstanden" hat mich sehr genervt.

In Ihrem Buch führen Sie aus, dass die Ereignisqualität des Plötzlichen, des Erscheinens, des Sichtbarwerdens des Dionysos nicht mit psychologischen oder moralischen Deutungsmustern zu erklären sei. Wie interpretieren sie die Zerstückelung des thebanischen Herrschers Pentheus? Dieser barbarische Akt wurde von Dionysos veranlasst, gleichsam als Racheakt dafür, dass ihn Pentheus nicht als Gott anerkannte.

Ich würde sagen, dass von der Dramaturgie her, von der internen Psychologie her, die furchtbare Zerreißung des Pentheus durch die rasenden, dem Dionysos ergebenen Mänaden ein Bestrafungsakt ist, der mit den Details der mythologischen Überlieferung übereinstimmt. Es gibt jedoch noch eine andere Bedeutung: nämlich das Faszinosum der Zerreißung, die den Charakter eines sakralen Akts annimmt, der eine überwältigende ästhetische Wirkung ausübt. Das Grauen der Zerreißung, die langsame Zerfetzung seines Körpers - die grässlichste Todesart, die man sich vorstellen kann -, beruht nicht nur auf einem physiologisch-aggressiven Effekt, sondern auf dem darüber hinausgehenden Ausdruck eines unfassbaren Ereignisses, das keine moralische oder psychologische Erklärung zulässt. Die mythologisch-referenzielle Darstellungsweise der Zerreißungsszene erfährt eine ästhetische Transformation, die die Imagination des Zuschauers in extremer Weise anregt. Daher lässt sich die These formulieren, dass es mit einer religiös verstandenen Bestrafungsaktion zu diesem Zeitpunkt der griechischen Tragödie nicht getan sein kann, sondern dass hier eine Metaphorik vorliegt, die eine ästhetische Dimension aufweist.

Sie beschreiben die ästhetische Dimension des Dionysischen in der europäischen Kulturgeschichte. Können Sie einige Formationen skizzieren?

Die singuläre Stellung des Dionysos gegenüber anderen Göttern, die in seiner Erscheinungsqualität liegt, scheint mir in der griechischen Tragödie besonders relevant zu sein. Nachdem die philologischen Grundlagen des Wortes "epháne" geklärt waren, stellte ich fest, dass die Erscheinungsqualität des Dionysischen eine zentrale Rolle in der europäischen Kulturgeschichte spielte. Das hat damit zu tun, dass das Apollinische - also jene idealistische Norm, die seit Platon den ästhetischen Diskurs bestimmte - um 1900 endgültig vom Dionysischen abgelöst wurde. Die Karriere des Dionysos begann mit den Frühromantikern wie Friedrich Schlegel, wurde von Friedrich Hölderlin und Friedrich Nietzsche weitergeführt und mündete in die avantgardistische Literatur des 20. Jahrhunderts, die mit Namen wie Virginia Woolf, Ezra Pound oder James Joyce verbunden ist.