"Wiener Zeitung": Frau Offerhaus, Sie waren in den 1960er Jahren mit dem berühmten "Magnum"-Fotografen Elliott Erwitt unterwegs. Zu Ihren eindrücklichsten Begegnungen zählt wohl jene mit John F. Kennedy 1962 im Weißen Haus?

Okky Offerhaus: Ja, wir hatten damals den Auftrag, für "Newsweek" ein Titelbild von ihm zu machen. Im Vorraum warteten eine Menge Journalisten und Fotografen - so auch ich. Elliott war schon im Oval Office, um die Fotos zu schießen. Weil er aber mit den Bildern nicht zufrieden war - die Ausstrahlung des Präsidenten passte ihm nicht -, sagte Kennedys Pressemann Pierre Salinger zu Elliott, er solle seinen Assistenten reinholen. So wurde ich hereingerufen. Der Präsident saß hinter seinem Schreibtisch, und als er mich sah, stand er überrascht auf und kam sofort lächelnd auf mich zu. Er hatte nicht mit einer Frau gerechnet! Er war sehr freundlich und locker, fast ein wenig schüchtern, was mich sehr für ihn eingenommen hat. Und dann hat er sich plötzlich viel Zeit für uns genommen. Später erfuhr ich, dass schon der Hubschrauber gewartet hatte, um ihn ins Wochenende zu fliegen.

Okky Offerhaus im Gespräch mit Christoph Rella. - © Carina Walter
Okky Offerhaus im Gespräch mit Christoph Rella. - © Carina Walter


Sie haben also den Zeitplan des Präsidenten etwas durcheinandergewirbelt?

Ja, aber das wusste ich nicht (lacht).

Worüber haben Sie denn mit ihm gesprochen?

Er fragte mich, wie ich heiße und woher ich komme. Und als ich sagte, dass ich aus Brasilien komme, ist der Pressereferent eingestiegen und hat mich plötzlich gefragt, ob ich nicht das Präsidententeam beim nächsten offiziellen Besuch Kennedys in Rio begleiten wollte. Ich habe abgelehnt, aber es wäre ohnehin nicht dazu gekommen, weil er vorher erschossen wurde . . .

Wie haben Sie diese Nachricht damals aufgenommen?

Das war schrecklich! Ich lebte schon in New York und stand während der Schweigeminute auf der 5th Avenue. Die Autos, die Busse, die Menschen - alles stand still. Ich habe mich auf die Straße gehockt und nur geheult. Als ich dann später mit meinem Hund im Park spazieren ging, liefen die Leute noch immer heulend umher. Das war rührend zu sehen. Er war ja doch ein Hoffnungsträger.

War nicht auch der damalige brasilianische Präsident João Goulart so ein Hoffnungsträger?

Naja, das waren zwei Extreme. João Goulart haben wir auch für ein Titelbild interviewt. Allerdings hatte er furchtbar schlechte Laune, saß irgendwie hingefläzt in einem Sessel und war auch nicht sehr elegant angezogen. Ich weiß schon, warum er schlechte Laune hatte, weil ihn ein Journalist zuvor wegen seiner kommunistischen Tendenzen ausgefragt hatte. Das fand er nicht so komisch. Für die Linke war er sicher ein Hoffnungsträger, das stimmt schon, aber Ausstrahlung hatte er überhaupt keine.

Und der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow?

Den haben wir mit seiner Frau in der sowjetischen Botschaft in Prag erlebt. Eigentlich sind wir ja illegal in die Botschaft gekommen. Wir hatten von Chruschtschows Besuch erfahren und versucht, eine offizielle Einladung zu bekommen, aber da kam nur ein "Njet". Und da hat Elliott gesagt: "Weißt du was, wir ziehen uns schön an und gehen einfach hin." Das haben wir gemacht, kein Mensch hat irgendwas gefragt. Wenn ein hoher Besuch kam, dann standen dort die Gäste Spalier - und dann kam Chruschtschow mit seiner Frau. Das war wirklich ein Ehepaar vom Lande, ganz schlicht angezogen, als kämen sie gerade von der Kartoffelernte. Wenn die auf der Straße gewesen wären, man hätte sie nicht erkannt. Das Publikum hat geklatscht und sie selber auch - mit einem freundlichen Lächeln, so als würden sie gar nicht wissen, wie sie da hergekommen sind.

Also ein ziemlicher Unterschied zu John F. Kennedy?

Ein Riesenunterschied! Die Chruschtschows waren im sozialistischen Einheitsgrau gekleidet, sahen genau gleich aus. Übrigens gab es dort auch ein Buffet und in der Mitte stand eine große Schale mit Orangen und Zitronen. Und die Gäste stürzten sich auf diese Orangen, weil die so selten waren. Elliott und ich nahmen den Kaviar und den Wodka - das war köstlich, löffelweise haben wir das gegessen. Niemand hat uns beachtet. Und die anderen haben sich die Taschen mit Früchten vollgestopft (lacht).

Waren Sie auch in Prag, als die Sowjets 1968 den Prager Frühling niederschlugen?

Ich war damals mit meinem Mann Peter zufällig in Prag und als wir in die Stadt einfuhren, wurden wir von Panzern begrüßt. Mein Mann dachte noch, das sei ein Manöver der tschechoslowakischen Armee. In der Stadt herrschte gespenstische Ruhe, die Autos standen still und wir dachten: Oje, da stimmt etwas nicht. Wir wurden dann von einem jungen Mann in eine Seitengasse gerufen - und schon rollte auf einmal ein brennender Panzer an uns vorbei. Da wussten wir, dass das keine Manöver sein konnten. Das war der Einmarsch der Sowjets! Wir sind dann ins Hotel und waren dort zwei Tage lang mehr oder weniger eingesperrt. Wenn wir aus dem Fenster sahen, waren Kanonen auf uns gerichtet.

Fotografiert haben Sie trotzdem?

Ja, das habe ich. Da waren zum Beispiel Tschechen, die Russisch konnten und die armen jungen Russen, die in ihren Panzern saßen, furchtbar beschimpft haben. Später haben wir mit Offizieren gesprochen und gemerkt, dass die gar nicht wussten, was sie da machten. Sie waren falsch informiert worden und meinten, sie seien gerufen worden, weil das Land gefährdet war und sie die Bevölkerung schützen sollten. Aber das war nicht wahr.