Heute gibt es ein Revival autoritärer Erziehung, Bücher wie "Lob der Disziplin" von Bernhard Bueb werden Bestseller. Wieso?

Die Eltern denken, klare Ansagen machen es einfacher. Aber das ist ein Trugschluss. Wir können mit Menschen - und vor allem mit kleinen Menschen - nur gut umgehen, wenn wir tiefe Beziehungen unterhalten. Stärke in der Kindererziehung heißt nicht Macht, sondern Beziehungsstärke. Die wichtigen Fragen lauten: Was ist gut für das Kind? Was ist gut für mich als Mutter oder Vater? Was ist gut für unsere Beziehung? Man kann auch Nein sagen, aber man sollte Konflikte würdig und achtsam austragen. Das ist etwas ganz anderes, als wenn ich sage: "Ich bin der Stärkere und ich setze mich jetzt durch."

Für viele Eltern von Kleinkindern sind die schlaflosen Nächte traumatisch - dementsprechend boomt die Ratgeber-Literatur. Müssen Kinder Schlafen wirklich erst lernen?

Schlafen nach den Ansagen der Erwachsenen müssen Kinder tatsächlich erst lernen. Kinder können schon wie Kinder schlafen. Das Gemeine ist, dass bei müden Kindern das Bindungssystem aktiviert wird. Es gibt ein unsichtbares Gummiband, das die Kinder zu den Eltern treibt, wenn sie müde werden. Früher war es für Kinder überlebenswichtig, während des Schlafs in der Nähe der Eltern zu sein. Techniken des "Alleine-Schreien-Lassens" arbeiten gegen die Natur des Kindes und bürden ihm letztendlich eine schwere Last auf.

Besonders die in den USA populär gewordene Ferber-Methode ist umstritten (nach dem Kinderarzt Richard Ferber). Den Eltern wird geraten, das Baby oder Kleinkind alleine schreien zu lassen, bis es einschläft.

Es gibt die Vorstellung, man dürfe den kindlichen Bedürfnissen nicht immer nachgeben, weil das Kind sonst nicht groß werden kann. Diesen Zahn will ich den Eltern ziehen. Beim Schlafen geht es nicht um Erziehung, sondern darum, dass sich das Kind entspannen kann. Das kennen wir Erwachsene doch auch. Wenn wir es gewohnt sind, mit unserem Partner oder unserer Partnerin einzuschlafen, fehlt uns etwas, wenn die nicht da sind. So geht es Kindern auch. Aber die schöpfen die Sicherheit nicht aus sich selber, sondern aus mächtigen, starken Bezugspersonen, die sie beschützen.

Ein weiteres Stressthema ist in vielen Familien das Essen - ein typisches "First World Problem"?

Es ist evolutionär normal, dass Kinder ab einem gewissen Alter skeptisch sind und erst einmal genau die Erwachsenen beobachten, was die so essen. Einmal reicht nicht, da sehen sie ja noch nicht, ob das Gemüse giftig ist oder nicht. Aber wenn das Ganze pädagogisiert wird und die Eltern auf sie einreden, wie lebensnotwendig Vitamine sind, dann merkt sich das kleine Kind nicht die Fakten, sondern dass Brokkoli irgendwie schwer problematisch zu sein scheint. Es denkt sich: "Wenn die Oma schon so gestresst ist wegen dem Zeug, dann lass ich lieber die Finger davon."

Die Zahl dicker und übergewichtiger Kinder hat enorm zugenommen. Kein Problem?

Ich sage ja nicht, dass man Kinder in ihrer grenzenlosen Weisheit sich selbst überlassen soll. Die Kinder sind aus der Menschheitsgeschichte in eine moderne Welt übersiedelt. Früher war Honig die einzige hockkonzentrierte Süße und dafür sind unsere Vorfahren meilenweit gelaufen und mussten auf Bäume klettern. Es gibt ein Sprichwort: Ich heirate dich nur, wenn du mir Honig bringst. Ihn zu finden war lebensgefährlich. Heute biegen sich die Regale vor süßem Sondermüll. Natürlich müssen wir als Eltern darauf achten, dass sich die Kinder nicht an Süßem überessen. Sie würden sich wahrscheinlich nur von Süßem ernähren, wenn sie könnten.

Hilft der Blick auf die Menschheitsgeschichte auch dabei, pubertäre Anwandlungen besser zu verstehen?

Jugendliche waren schon in der Frühzeit sehr wichtige Klan-Mitglieder, die erstaunlich viel selbst schaffen und tolle Lehrer für kleinere Kinder sein konnten. Aber in unserer Zeit liegt ihr Potential brach, sie sind in der Schule quasi weiterhin im Wartesaal des Arbeitsmarkts und scharren mit den Hufen. Für ein Kind, das gute Ideen hat und Autonomie und Wirksamkeit einfordert, ist das Gift. Unsere Gesellschaft bietet Jugendlichen nicht genügend Entwicklungsräume. Die Reaktion ist, dass sie sich entfremden und komisch werden. Oft rächt sich in der Pubertät auch eine autoritäre Erziehung, bei der keine gute Beziehung zum Kind aufgebaut wurde. Da dürfen sich die Eltern nicht wundern.

Heute ist oft die Rede von "Helikopter-Eltern", die ihr Kind vor allen vermeintlichen Gefahren bewahren wollen . . .

Das Interessante ist, dass der Begriff von Pädagogen eingeführt wurde, die eigentlich selbst einer absoluten Helikopter-Organisation vorstehen: der Schule. Dort wird von den Kindern erwartet, dass sie ein Programm abarbeiten, das andere ihnen vorgeben - für mich das absolute Helikopter-Ding! Kinder sind tagtäglich damit beschäftigt, Fragen zu beantworten, die sie nie gestellt haben. Und gerade diese Pädagogen kommen jetzt mit dem Vorwurf an die Eltern. Da muss ich sagen: Fangt mal lieber bei euch selber an!

Zu viel Zuwendung ist also nicht das Problem?

Genau. Probleme entstehen, wenn es mit der Beziehung zu den Kindern nicht klappt, weil die Eltern selbst gestresst sind und keine Unterstützung haben. Das sind die echten Bürden, über die wir reden sollten, denn die werden schnell mehr. Prekäre Milieus, denen es am Nötigsten fehlt, das sind unsere echten Probleme, über die wir dringend reden müssen.