Der Soziologe Hans Bertram beschreibt in "Die überforderte Generation", dass heutige Jungfamilien in viel kürzerer Zeit leisten müssen, wofür ihre Eltern mehr Zeit und Ressourcen hatten: Karriere, Kinder und Haus oder Wohnung kaufen. Die Arbeitszeit, die Eltern heute außer Haus leisten, beträgt 72 Stunden - das sind 24 Stunden mehr als noch 1965.

Klar, das bringt Beziehungen unter Druck. Mit Kindern zu leben braucht vor allem Zeit und Entspannung. Eltern sind immer mehr eingekesselt in ihre eigenen Funktionsabläufe und stehen ständig unter Lieferzwang. Das bedeutet leider auch, dass sie ihre Kinder entsprechend einteilen und erwarten, dass sie einfach "funktionieren".

Wie müssen sich die politischen Rahmenbedingungen ändern?

Wir sollten mal ehrlich sein und Strukturen schaffen, die sich an den Kindern orientieren und nicht nur an den Wirtschaftssubjekten. Ich bin der festen Meinung - und glaube das auch nachweisen zu können -, dass der Krippen- und Kita-Ausbau stark mit dem Augenmerk erfolgt ist, die Wirtschaft näher an die Mütter heranzubringen. Natürlich ist das auch im Interesse der Mütter, denn die wollen und müssen im Arbeitsprozess stehen. Ich verstehe das und kritisiere es nicht per se. Aber dabei geht es nicht mehr um die Kinder. Wenn es um die gehen würde, dann hätten wir ganz andere Bedingungen. Für die Politik ist die Hauptsache, dass möglichst beide Eltern Vollzeit arbeiten. Aber es gibt schwere Kompromisse auf der Seite des Kindes.

Kritisieren Sie generell, dass Kinder zu früh außerfamiliär betreut werden?

Nein, das ist nicht das Problem. Kinder können damit umgehen, wenn die Erziehungsarbeit von anderen Personen als den eigenen Eltern abgedeckt wird. Aber sie brauchen feinfühlige, achtsame und verlässliche Beziehungen - und die sind in vielen Einrichtungen einfach nicht gegeben. Das sind Mogelpackungen, wo die Kinder mit einem Notprogramm abgespeist werden.

Wie sind sie als Kinderarzt eigentlich dazu gekommen, sich mit der kindlichen Entwicklung zu beschäftigen?

Ich bin relativ jung Vater geworden, schon während meines Studiums, und ich fand es immer ein tolles Abenteuer, mit Kindern zu leben. Mal war ich präsenter, mal mehr mit meinem Beruf beschäftigt. Seit etwa vierzehn Jahren beschäftige ich mich wissenschaftlich mit Prävention und "Public Health", also was braucht eine Gesellschaft, damit gute Bedingungen für Kinder herrschen. Da ging es immer um Vorsorge. Voilà - damit war ich bei der kindlichen Entwicklung und der Frage: Was macht Kinder stark?