"Wiener Zeitung": Mr. Jarvis, eines vorweg: Das Interview soll auf Wunsch der Redaktion nicht zu "nerdig" werden. Begreifen Sie sich als Nerd, sind Sie also ein Computerfreak?

Jeff Jarvis: Ich programmiere nicht, also bin ich kein richtiger Nerd. Aber ich wäre gerne einer, es wäre eine Ehre, ein Nerd zu sein, denn sie entwickeln die Zukunft. Ich war aber immer jener Typ im Newsroom, der sich mit Computern auskennt. Meine Karriere als Journalist begann in den 1970er Jahren bei der "Chicago Tribune", damals kamen die ersten Computer auf. Ich arbeitete in der Nacht, wenn in Chicago Verbrechen begangen werden. Ich musste also dasitzen und warten, bis etwas passiert, habe mich gelangweilt, und begonnen, mit Computern herumzuspielen. Ich war der Einzige im Newsroom, der keine Angst vor Computern hatte, im Gegenteil, ich hatte Spaß, und das hat meinen Weg zur Technologie geebnet. 1981 habe ich mir den ersten tragbaren Computer gekauft, einen Osborne 1, für damals 2300 Dollar, und er war mein ganzer Stolz. Ich wurde schnell süchtig nach Computern, und als in den frühen 1980er Jahren Modems aufkamen, habe ich mir sofort eines gekauft. Das Web hat alles geändert.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September sind Sie zum Blogger geworden. Wie kam es dazu?

"Privatsphäre ist eine relative neue Erfindung": Jeff Jarvis bei einem Vortrag. - © John Smock
"Privatsphäre ist eine relative neue Erfindung": Jeff Jarvis bei einem Vortrag. - © John Smock

Ich muss zugeben, als ich zuerst von Blogs gehört habe, wusste ich nicht, warum so viel Aufhebens darum gemacht wurde. Nachdem ich 9/11 überlebt habe - ich war in der letzten U-Bahn am Weg zum Word Trade Center -, hatte ich das Gefühl, etwas zu erzählen zu haben. Ich wollte zuerst nur für einige Wochen bloggen, aber es wurde schnell zum Lebensinhalt. Ich habe vom Bloggen unglaublich viel gelernt, und ich habe nach wie vor keine Erklärung dafür, warum Blogs in Europa nie jene Bedeutung erlangten wie in den USA.

Was haben Sie als Journalist vom Bloggen gelernt?

Es hat mein Verständnis von Medien auf den Kopf gestellt. Heute hat jeder die Macht, eine Konversation zu starten. Die Aufgabe der Medien ist nun einmal, Konversation zu initiieren, und nicht ein Produkt zu erschaffen. Nachrichten haben kein Beginn und kein Ende mehr, diese Idee ist veraltet, sie stammt aus der Gutenberg-Ära. Aber in den frühen Tagen haben wir noch geglaubt, wir können das, was wir in den Printmedien publizieren, ins Digitale übertragen. Blogging hat mir gezeigt, dass Journalismus eine Dienstleistung ist, ein Service. Es geht darum, herauszufinden, was die Ziele und Bedürfnisse der Menschen sind, und wie wir sie dabei unterstützen können, diese zu erreichen. Deshalb habe ich auch hier an der City University of New York ( CUNY) das Masterstudium "Sozialer Journalismus" gestartet.

Warum brauchen Medienhäuser eigene "soziale Journalisten"?

In einem ersten Schritt haben Verlagshäuser soziale Medien vor allem zur Selbstvermarktung verwendet, also zur Verbreitung der eigenen Inhalte im Internet. Doch wir müssen einen Schritt weitergehen, mit den Lesern in Verbindung treten, ihnen zuhören, auf ihre Bedürfnisse eingehen. Wir müssen ihre Ziele in Erfahrung bringen und Erfolge messen. In einem dritten Schritt wollen wir etwas entwickeln. Wir wollen neu definieren, was Journalismus ist. Nehmen wir als Beispiel junge Mütter in Wien. Als Zeitung in Wien muss man sich überlegen, welche Services diese Frauen brauchen, und welche Dienstleistungen wir ihnen anbieten können? Das kann viel mehr sein als ein serviceorientierter Artikel, man kann ihnen mit Apps oder Foren helfen, sich mit anderen Müttern zu vernetzen. Dort können sie einander Tipps geben, Informationen zu Kinderärzten und anderen Einrichtungen bekommen. Zielgerichteter Journalismus ist die Zukunft.

Sie beraten Medien wie den "Guardian". Was wird von der neuen Generation junger Journalisten verlangt?

Wenn man als junger Journalist etwas von Technologie, Datenjournalismus und Produktentwicklung versteht, ist man doppelt so wertvoll. Das höre ich auch von den Verlagshäusern. Sie müssen Communities zuhören und für diese Produkte entwickeln, mit diesen dann experimentieren und austesten, was funktioniert und was nicht. Das war der Grundgedanke, warum wir an der CUNY das Studium "Enterpreneural Journalism" gegründet haben.

Journalisten sollen in kleinen cross-funktionalen Teams mit Designern, Grafikern, Marketing- und Datenexperten zusammenarbeiten. Teamwork muss in jedem Journalismusstudium eine wichtigere Rolle spielen. Wir entwickeln uns weg vom Spezialistentum. Außerdem empfehle ich Facebook und Google, Journalisten zu engagieren. Sie müssen keine Newsrooms werden, sie sollen nicht mit Medien in Konkurrenz treten, aber es braucht mehr Verständnis auf beiden Seiten.

Viele befürchten, dass der Printjournalismus sterben wird. Als der "Independent" angekündigt hat, er werde nur noch online erscheinen, haben Sie gejubelt. Wäre es nicht schade, wenn etwa die "Wiener Zeitung" - die älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt - nicht mehr in ihrer gedruckten Form erscheint?