- © Dieter Mayr
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"Wiener Zeitung": Beim Juniormarathon kürzlich in Linz haben sich erschreckende Szenen abgespielt. Verbissene Eltern zerrten ihre drei- bis vierjährigen Schützlinge über die Ziellinie. Sind diese Kinder tatsächlich traumatisiert, wie es danach hieß?

Andrea Kerres: Nein, sicherlich nicht. Zweifellos mag dies eine schwierige Situation gewesen sein, nun jedoch gleich von traumatisierten Kindern zu sprechen, halte ich für stark übertrieben. Was sich an diesem Beispiel zeigt, ist, dass der Begriff "Trauma" mitunter inflationär verwendet wird.

Verliert der Begriff an Bedeutung, ähnlich wie Burnout oder Depression?

Sie haben insofern Recht, als die Diagnostik in der Alltagssprache an Schärfe verliert. Wir sind häufig voreilig mit der Diagnose Burnout bei der Hand, eine Depression hat bereits jeder, der einen schlechten Tag erwischt hat, und es kommt vor, dass Menschen das Sterben der eigenen Eltern als traumatisierend bezeichnen. In Wirklichkeit ist dies jedoch häufig eine Trauerreaktion, wie sie nach dem Verlust eines geliebten Menschen ebenso normal wie verständlich ist, aber sie zieht nicht automatisch eine Traumatisierung nach sich.

Trauma-Expertin Andrea Kerres (r.) im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer. - © Dieter Mayr (3)
Trauma-Expertin Andrea Kerres (r.) im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer. - © Dieter Mayr (3)

Es ist also ein Trugschluss, dass uns schlimme Ereignisse zwangsläufig traumatisieren?

Manchmal vergessen wir schlicht, über wie viel positive Lebenserfahrung wir bereits verfügen. Denn wir müssen ja beides im Blick haben - einerseits erleben wir schreckliche Dinge, andererseits haben wir in der Regel schon viel Gutes erfahren. So belastend die Erfahrung für die Teilnehmer dieses Kinderlaufs gewesen sein mag, ist es ebenso gut wahrscheinlich, dass diese Kinder ansonsten fürsorgliche Eltern erleben, die mit ihnen viel kuscheln und sie trösten, wenn dies erforderlich ist. Solch positive Momente können ein belastendes Ereignis aufwiegen.

Andrea Kerres: "Der Körper trägt die Last des Traumas, denn die Spannung,. die ich in einer traumatischen Situation erlebt habe, sitzt noch in meinem Körper, der nicht einfach sagen kann: Es ist vorbei." - © Dieter Mayr
Andrea Kerres: "Der Körper trägt die Last des Traumas, denn die Spannung,. die ich in einer traumatischen Situation erlebt habe, sitzt noch in meinem Körper, der nicht einfach sagen kann: Es ist vorbei." - © Dieter Mayr

Wovon hängt die Schwere eines Traumas ab?

Vom Alter des Menschen, von der Beziehungserfahrung, die man im Laufe des Lebens mit anderen macht, sowie von dem, was die Forschung als Resilienz bezeichnet, also der Fähigkeit, Krisen bewältigen zu können. Ein weiterer Faktor wäre, wie häufig man schlechte Erfahrungen verkraften musste. Handelt es sich um ein einmaliges Ereignis, spricht man von einem Monotrauma, während man bei vielen dramatischen Geschehnissen von einer Entwicklungstraumatisierung spricht. Insgesamt gilt: Je mehr belastende Situationen sich anhäufen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung.

Was sind Trauma-Auslöser?

Es sind lebensbedrohliche und zumeist plötzlich auftretende Situationen, in denen wir uns hilflos und ohnmächtig ausgeliefert fühlen. Es sind Momente von existenzieller Ohnmacht, in denen wir dem Hier und Jetzt zumindest physisch nicht entkommen können.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche bezeichnet es als ureigene Möglichkeit des Menschen, "sich vom Pflock des Augenblicks losreißen zu können". Ist es dieser Freiheitsmoment, der traumatisierten Menschen fehlt?

Ein interessanter Aspekt. In der Tat führt das Trauma dazu, dass ich in der Situation verhaftet bleibe und dadurch, dass ich weder kämpfen noch fliehen kann, vor Angst erstarre, wie der Volksmund sagt. Dieser Moment der Schutzlosigkeit wird als sogenannte "traumatische Zange" bezeichnet, da es unmöglich ist, der Situation durch reales Handeln zu entkommen. In dieser Ausweglosigkeit ist das Gehirn dazu gezwungen, seine Wahrnehmung zu verändern und auf uralte Überlebensstrategien zurückzugreifen.

Nämlich?

Das Gehirn kann die bedrohliche Erinnerung nicht als Ganzes abspeichern, sondern fragmentiert sie, unterteilt sie also in kleine Stücke. Der Kinder- und Jugendpsychiater Lutz-Ulrich Besser hat für dieses Phänomen das Bild vom zersplitterten Spiegel geprägt, dessen Einzelteile unverbunden im Gedächtnis abgelegt werden. Auf diese Weise wird das Erlebte zwar aushaltbarer, führt jedoch zugleich dazu, dass sich ein Mensch häufig nur an Bruchstücke erinnert, was für den Betroffenen bedrohlich sein kann. Das Trauma an sich ist jedoch keine Krankheit, kann aber zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Diese Symptome, zu denen u.a. Depression, Schlafstörungen, Übererregungs- und Angstzustände zählen, können sich übrigens auch bei Menschen zeigen, die mit Traumatisierten zu tun haben. In der Fachsprache nennt man das sekundäre Traumatisierung. Erinnern Sie sich an das Zugunglück von Bad Aibling zu Anfang dieses Jahres?

Sie meinen das tragische Unglück in Bayern mit mehren Toten und vielen Verletzten, bei dem zwei Personenzüge frontal zusammenstießen.

Richtig. Doch wissen Sie, was zur Tragik dieses Ereignisses noch hinzukam? Weil die Schwerverletzten nur unter erschwerten Bedingungen aus den Trümmern gerettet werden konnten, waren die Rettungskräfte überdurchschnittlich lang mit dem schweren Leid der Überlebenden konfrontiert. Neurobiologisch bedingt, d.h. aufgrund unserer Spiegelneuronen im Gehirn, geht es nicht spurlos an uns vorüber, wenn wir mit ansehen müssen, wie andere unter ihren Schmerzen leiden. Und je länger das der Fall ist, desto belastender wird es. Davon betroffen sein können so unterschiedliche Personenkreise wie etwa Feuerwehrleute oder Krankenschwestern, aber auch Ehepartner.