- © Walter Hämmerle
© Walter Hämmerle

"Wiener Zeitung": Herr Burger, gibt es noch ein Wir, eine kollektive österreichische Identität?

Rudolf Burger: Ich glaube schon, und falls gerade doch nicht, konstituiert sich eine solche Identität ständig neu.

Die Frage kommt deshalb, weil gerade alle über die Spaltung des Landes reden - und meinen, durch Österreich laufe ein tiefer Graben - politisch und soziokulturell - zwischen Stadt und Land, Modernisierungsgewinnern und ihren Verlierern, den Offenen und denen, die sich lieber abschotten würden.

Eine Sammlung meiner philosophischen Aufsätze habe ich den "bildungsfernen Schichten" gewidmet, "den Modernisierungsverlierern und all jenen, denen die ‚Goldene Adele‘ am Arsch vorbei geht". Ich fühle mich mit den sogenannten Modernisierungsverlieren sehr solidarisch, nicht zuletzt deshalb, weil ich diesen Begriff für ungeheuerlich verachtend halte. Es existiert die von Ihnen beschriebene Spaltung von Mentalität und Weltsicht, aber Wir-Gefühle werden sich immer wieder einstellen, wenngleich in anderen Grenzen und anderer Fassung. Der Mensch ist ein zoon politikon.

"Spaltungen hat es immer gegeben, und das Bedürfnis, sich anderen überlegen zu fühlen, ist quasi ubiquitär." (Burger) - © Andreas Urban
"Spaltungen hat es immer gegeben, und das Bedürfnis, sich anderen überlegen zu fühlen, ist quasi ubiquitär." (Burger) - © Andreas Urban

Österreich war eigentlich immer gespalten, erst zwischen den Religionen, dann den Nationen, und schließlich, nach 1918, zwischen Sozialdemokratie, Christdemokraten und Deutschnationalen. Und nach 1945 war das keineswegs vorbei, sondern lediglich durch die Sozialpartnerschaft und die große Koalition abgemildert. Auch die Verachtung für den jeweils anderen ist keineswegs eine neue Erfindung.

Ja, diese Spaltungen hat es immer gegeben, und das Bedürfnis, sich anderen überlegen zu fühlen, ist quasi ubiquitär. Es ändern sich nur die Ausformungen, denn wenn Egalität in einem Bereich hergestellt wird, taucht Ungleichheit in einem anderen auf. Wenn Sie den Adel oder akademische Titel abschaffen, dann gibt es eben das Geld als Unterscheidungsmerkmal - und nur noch das Geld. Dann konzentriert sich alles auf das Ökonomische und den Lebensstil. Doch das ist alles nicht wirklich neu.

Was ist dann neu?

Neu weiß ich nicht, aber auf jeden Fall interessanter finde ich, dass diejenigen, die sich früher einmal als Vertreter derjenigen empfanden, die heute als Modernisierungsverlierer bezeichnet werden, überhaupt nicht mehr existieren. Die Sozialdemokratie spricht nur noch von Aufstieg - doch wo steigen diese Menschen hin? Aufstieg ist ja strikt relativ, und wenn alle aufsteigen, etwa zu Akademikern werden, dann wird eben zwangsläufig innerhalb der Akademiker differenziert. Und gleichzeitig werden natürlich die geringeren Titel entwertet.

Ich verstehe, auf was Sie hinauswollen, aber was, wenn nicht das Versprechen‚ wir holen euch aus eurer elenden Situation heraus und bringen euch nach oben, sollte denn dann die politische Botschaft einer Sozialdemokratie sein?

Das Schiefe an der Situation liegt in der moralischen Entwertung von Berufen, die in der Realität wesentlich komplexer und anspruchsvoller sind, aber sozial als minderwertig gegenüber einem akademischen 0-8-15-Titel abqualifiziert werden Das ideale Bildungsziel ist offensichtlich der "Master of Business Administra-tion". Ich bin überzeugt, dass der Beruf eines guten Herrenschneiders eine wesentlich anspruchsvollere Ausbildung verlangt als es ein "Master of Business Adminis-tration" von der akademischen Stange darstellt.

Warum ist das so?

Nehmen Sie diesen Donald Trump: Der Herr ist geradezu die algebraische Negation der politischen Correctness. Trump macht ganz gezielt alles, was gegen die Tabus der moralischen Sittenwächter verstößt. Und darin liegt offensichtlich ein ungeheures Befreiungsventil für die sogenannten Modernisierungsverlierer und bildungsfernen Schichten. (Wobei deren sprachliches Gegenbild ja die bildungsnahen Schichten sind, womit diese Damen und Herren der Bildung bloß nahestehen.) Wie dünn das Eis ist, auf dem die sogenannten bildungsnahen Schichten wandeln, zeigt sich in der Ankündigung von Chris-
tian Kern, dem neuen Bundeskanzler, einen neuen "New Deal" machen zu wollen. Weiß er denn, was er damit sagt?

Kern spielt hier auf die Politik des demokratischen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zwischen 1933 und 1938 an. Mit diversen Großprojekten und Sozialreformen suchte er nach Antworten auf die Massenarbeitslosigkeit in den USA als Folge der Weltwirtschaftskrise seit den späten 1920ern.

Ja, allerdings wurde der New Deal sowohl von zeitgenössischen US-amerikanischen wie auch europäischen - und insbesondere deutschen und italienischen - Kommentatoren als in seinen Grundzügen faschistisches Wirtschaftsprogramm gelobt. Nur zur Verdeutlichung: Ich rede allein vom Wirtschaftsprogramm; in Deutschland haben 1933 die Verhaftungen begonnen, davon kann in den USA natürlich keine Rede sein. Wirtschaftspolitisch aber sind die Parallelen tatsächlich erstaunlich: die Machtkonzentration bei der Exekutive, die Konzentration auf wenige Großprojekte - in Deutschland der Autobahnbau, in Italien die Trockenlegung und Besiedlung der Pontinischen Sümpfe, in den USA die Energieprojekte der Tennessee Valley Authority. Was all diese Projekte gemeinsam hatten, war ein militanter Anti-Liberalismus, was nach dem Börsencrash von 1929 allerdings eine verständliche Reaktion war. Und eine wirkliche Senkung der US-Arbeitslosenzahlen brachte erst der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.