- © M. Hetzmannseder
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"Wiener Zeitung": Herr Palla, Sie werden gerne als Chronist des Unbemerkten und als Enzyklopädist des entlegenen Wissens bezeichnet. Welche Anziehungskraft üben unbekannte Phänomene und seltene historische Ereignisse auf Sie aus?

Rudi Palla: Nun gut, diese Beurteilungen zu meiner Person sind im Laufe der Zeit entstanden, allerdings entsprechen sie nicht ganz meiner Einschätzung. Ich habe mich in den letzten Jahren für kultur- und wissenschaftshistorische Themen interessiert, aber das Randständige hat sich oft einfach ergeben. Das sind Sachen, die ich so nicht gewusst habe. Das ist ja das Interessante an der Auswahl eines Sujets, wenn man glaubt, den Leser damit überraschen zu können.

Palla im Gespräch mit "W.Z."-Redakteur Rella. - © M. Hetzmannseder
Palla im Gespräch mit "W.Z."-Redakteur Rella. - © M. Hetzmannseder

Eine Überraschung ist auch Ihr Buch über das Forschungsschiff "Valdivia". Darin behandeln Sie die Geschichte der ersten deutschen Tiefseeexpedition 1898. Wie sind Sie darauf gekommen, diesen Forschern bei ihrer Suche nach seltenen Korallen und Tintenfischen nachzuspüren?

Das Meer als solches hat mich immer schon interessiert. Ich liebe das Meer, ich liebe die Erscheinungsformen des Meeres - und natürlich das große Geheimnis "Tiefsee". Das Interesse für das Meer hat in mir Hans Hass durch seine Filme im Roten Meer geweckt. Da sind wir als Buben mit glühenden Köpfen im Kino gesessen, diese Begegnungen mit Haifischen waren einmalig. "Valdivia" selbst hat eigentlich mit einem anderen Buch, der "Weltreise seiner Majestät Corvette Saida", begonnen. Die Geschichte dieses Buches ist, dass der Verleger Christian Brandstätter mir Fotos von einer Weltreise eines k.u.k. Kriegsschiffes namens "Saida" gezeigt und mich gefragt hat, ob mich das interessiert. Man wusste damals eigentlich nur, dass das Schiff "Saida" geheißen hat, aber auf welcher Reise diese phantastischen Fotos entstanden sind, wusste man nicht. Also habe ich mich schlau gemacht und herausgefunden, welche Reise das war.

- © M. Hetzmannseder
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Bei den Recherchen zu diesem Buch bin ich dann auf die erste große Tiefseeexpedition der Engländer mit dem Schiff "Challenger" gestoßen. Und von der "Challenger" war es dann nicht mehr weit bis zur "Valdivia", 26 Jahre später, die noch einmal einen Meilenstein in der modernen Meereskunde darstellt. Das war geschichtlich sehr interessant, weil der Gedanke an eine Expedition zu jenem Zeitpunkt aufkam, als Deutschland unter Kaiser Wilhelm und Admiral Tirpitz das größte Flottenprogramm seiner Geschichte aufgestellt hatte.

Was haben die Deutschen eigentlich unter Wasser gesucht? Ging es ihnen um Wissenschaft oder um weltpolitische Geltung?

Das Schiff "Valdivia" 1898/99, dem Palla sein jüngstes Buch (r.) gewidmet hat. - © wikim./creative commons
Das Schiff "Valdivia" 1898/99, dem Palla sein jüngstes Buch (r.) gewidmet hat. - © wikim./creative commons

Natürlich um beides. Der Slogan von Kaiser Wilhelm lautete ja: "Unsere Macht liegt am Wasser", daher auch dieses Flottenprogramm. Zwar sind diese Schiffe zum großen Teil realisiert worden, etwa die Panzerkreuzer, aber sie waren im Ersten Weltkrieg überhaupt nicht kriegsentscheidend. Das Machtstreben der Deutschen - vor allem gegenüber England - war also das eine, aber auch die Wissenschaft wurde in dieser Zeit sehr gefördert, also im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Denn man hat zu diesem Zeitpunkt über die Tiefsee nicht viel gewusst: etwa, bis in welche Tiefen Leben existiert. Da hat es Mitte des 19. Jahrhunderts die "Abyssus"-Theorie von Edward Forbes gegeben, die besagte, dass es unter 550 Metern kein Leben mehr gebe. Die Frage war daher: Gibt es Leben in 2000 oder 3000 Metern Tiefe? Wie ernährt sich dieses Leben? Die Planktonforschung steckte damals auch noch in den Kinderschuhen. Es waren also viele offene Fragen zu klären. Zwar haben die Deutschen und auch die Österreicher schon vorher kleine meeresbiologische Unternehmungen durchgeführt, aber nicht in diesem großen Stil - und vor allem nicht mit dieser wesentlich verbesserten technischen Ausrüstung.

Gibt es mit Blick auf diese Expedition eigentlich Parallelen zur österreichischen Polarexpedition nach Franz-Josefs-Land? Immerhin haben Sie über diese Polarfahrt einst eine Filmdokumentation gedreht.

Nun, die Polarforschung war immer schon sehr personenbezogen. Nehmen wir Graf Wilczek, der ja der Mentor der k.u.k. Expedition war, oder Julius Payer, ein Pionier des Alpinismus: Er hat etliche Erstbesteigungen in den Dolomiten gemacht und war ein hervorragender Bergsteiger. Aber die Beweggründe, in die Arktis zu fahren, waren doch andere - was ist schon das Franz-Josefs-Land!?

Offensichtlich ging es den Österreichern nicht um Weltgeltung. Darum ging es ihnen nicht, das war bei den Deutschen anders. Mit Westafrika und Ostafrika haben sie riesige Kolonien gehabt.

Das beschreiben sie auch in mehreren Exkursen im "Valdivia"-Buch. Im Epilog kritisieren Sie die hohe Belastung der Weltmeere durch Klimawandel, Überfischung und Verschmutzung. Glauben Sie, dass Sie mit Ihrer Arbeit einen Gesinnungswandel erreichen?

Nein, das glaube ich nicht. Aber ich meine, die Menschen müssen doch zur Kenntnis nehmen, dass das, was da passiert, unumkehrbar ist. Der Klimawandel findet statt, jeden Tag. Wir sehen es an den Unwettern. Ich denke, das ist viel zu wenig im Bewusstsein der Menschen verankert, wenn Sie etwa schauen, wie die Kreuzfahrtindustrie boomt: Da hat man voriges Jahr neun neue Schiffe in Dienst gestellt - und die gehören zu den großen Dreckschleudern im Meer.