"Wiener Zeitung": Ihr jüngstes Buch heißt schlicht "Der Osten". Sie selbst brechen gerade nach Tatarstan auf. Dabei haben Sie unlängst gesagt: Mit dem Osten bin ich fertig, der interessiert mich nicht mehr.

Stasiuk wird von der Weite des Ostens (hier in der Mongolei) inspiriert. - © yeowatzup/wikimedia
Stasiuk wird von der Weite des Ostens (hier in der Mongolei) inspiriert. - © yeowatzup/wikimedia

Andrzej Stasiuk: Dann haben Sie mich jetzt erwischt - bei meinen geheimen Freuden und Lustbarkeiten. Ich kann mich allerdings, ehrlich gesagt, nicht erinnern, dass ich je gesagt hätte, ich wäre mit dem Osten fertig. Aber selbst wenn ich diesen Satz tatsächlich einmal gesagt haben sollte: Mich interessieren nun mal Länder, die schwer zu verstehen sind, die uns möglicherweise noch lange Probleme bereiten werden. Russland, China, Zentralasien, das ist die Welt, die mich bewegt. Das hat nichts mit einer bewussten Wahl zu tun, die ich getroffen hätte. Das ist eher eine Frage meines Temperaments, meiner Herkunft. Es ist etwas derart Fundamentales, dass ich darauf in Wirklichkeit gar keinen Einfluss habe. Ich habe das Glück - oder das Pech -, dass mich Paris nicht interessiert, Kasan aber schon. Mich interessiert auch Venedig nicht. Ich bin zwei Mal vor Venedig im Stau gestanden, habe aber nie das Bedürfnis gehabt, mir diese Stadt genauer anzusehen.

Andrzej Stasiuk - © reserv.a-rt.de/wikimedia commons
Andrzej Stasiuk - © reserv.a-rt.de/wikimedia commons

Vom Osten hingegen, von dem können Sie nicht genug bekommen.

Der Osten, das ist für mich vor allem die Erfahrung einer metaphysischen Weite, das ist ein Erleben von Raum, das es in dieser Art nirgendwo auf der Welt gibt. Für jemanden, der wie ich aus einem kleinen Land kommt, ist das unglaublich beeindruckend. Ein anderer Punkt ist: Im Kommunismus war es für einen Polen unmöglich, nach China oder quer durch Sibirien zu reisen. Heute geht das. Ich fahre in diese Länder auch deshalb, weil ich gern verstehen würde, wie es zu der Apokalypse des Kommunismus kommen konnte. Wobei ich doch weiß: Ich werde es nie verstehen.

Wenn Sie das ohnehin wissen, wozu fahren Sie dann noch immer hin?

Weil die Wahrheit, die ich suche, eine andere ist als die objektive Wahrheit, nach der Journalisten oder Historiker suchen. Ich suche meine einmalige, persönliche, subjektive Wahrheit, und die kann ich nur im Osten finden. Das ist jetzt keine antiwestliche Haltung, nein. Aber ich bin mir meiner Zugehörigkeit zum Westen so sicher, dass ich mir diese Zugehörigkeit nicht immer wieder durch Reisen nach Italien oder Deutschland beweisen muss. Viele Polen sind nach dem Fall des Kommunismus ja in den Westen gefahren, um zu sehen, wie dieser Westen, nach dem sie so eine große Sehnsucht hatten, nun wirklich ist. Auch ich war inzwischen oft in Deutschland und in Italien, aber immer nur als eine Art literarischer Gastarbeiter, bei Lesungen, bei Buchmessen. Aus eigenem Antrieb fahre ich da nicht hin.

Hat Ihnen Deutschland nicht gefallen?

Doch, es ist sehr nett dort. Ich habe keine antideutschen Vorurteile. Auch Wien ist sehr nett, ich habe meine Tochter einmal sogar bis nach Wien chauffiert, damit sie sieht, wie die melancholische Hauptstadt des ehemaligen Kaiser-Imperiums aussieht. Auch in Rom fand ich es schön. Aber ich habe an keinem dieser Orte das Gefühl gehabt, dass ich wiederkommen müsste. Berlin, Rom, Wien - das sind Plätze, an denen meine Phantasie stillsteht. Von China, von der Mongolei, von Sibirien wird sie hingegen beflügelt. Offenbar habe ich eine sehr asiatische Phantasie. Das mag daran liegen, dass es in meiner Literatur sehr stark um Landschaften geht, weniger um Menschen, die in diesen Landschaften leben. Die sind sozusagen Beiwerk, schon auch Teil des göttlichen Schöpfungsplans, aber eben nur eine Ergänzung zu dieser endlosen Weite. Ich mag diese Weite. Ich mag auch, wie sich die Landschaft, die Architektur, die Gesichter der Menschen verändern, je weiter man nach Osten kommt.

Viele Reporter fahren in den Osten, in die Armut, in Krisengebiete, weil sie meinen, sich dort lebendiger zu fühlen als im sicheren, langweiligen, konsumgetriebenen Westen. Kennen Sie das Gefühl auch?

Also, wenn Sie nach Peking kommen, haben Sie ja nicht unbedingt das Gefühl von Armut. Das ist eher wie Manhattan, nur eines, das unaufhörlich wächst. Außerdem bin ich kein Reporter. Es mag vordergründig Ähnlichkeiten zwischen dem Beruf eines Reporters und meinem Beruf geben: Wir brauchen beide das Wegfahren, um schreiben zu können. Da hören sich die Gemeinsamkeiten aber auch auf. Ich kann mir schon vorstellen, dass Reporter das Gefühl haben, lebendiger zu sein, wenn sie in einer Krisenregion unterwegs sind. Aber nach einiger Zeit gehen sie wieder zurück nach Hause und lassen die Leute dort allein.

Mir geht es um etwas anderes. Ich habe eine sehr plastische, sehr bildhafte Art, die Welt zu sehen. Wenn also Armut schon eine Rolle für mich spielt, dann insofern, dass sich an einer kaputten, nicht so aufgeräumten Oberfläche das Licht ganz anders bricht als an einer hübschen, sauberen. Ich schaue mir das dann an und versuche zu verstehen, was dieses Erlebnis mit mir macht. Das sind meine ganz persönlichen und, wie ich hoffe, einigermaßen tiefe Erfahrungen.

Aber auch Sie gehen irgendwann nach Hause und lassen die Leute zurück.