"Das Problematische an den Zeitverhältnissen ist eine überwältigende Beschleunigungstendenz, eine Tendenz, die Welt zu dynamisieren", sagt Hartmut Rosa. - © Jürgen Bauer
"Das Problematische an den Zeitverhältnissen ist eine überwältigende Beschleunigungstendenz, eine Tendenz, die Welt zu dynamisieren", sagt Hartmut Rosa. - © Jürgen Bauer

"Wiener Zeitung": "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung" - so lautet, kurz gefasst, die Kernthese Ihres neuen Buches, "Resonanz - Soziologie einer Weltbeziehung". Auf über achthundert Seiten bereiten Sie mit Ihrer Untersuchung der in die Krise geratenen Resonanzverhältnisse zunächst den Boden für eine profunde Gesellschaftskritik, um - davon ausgehend - Konturen einer Soziologie eines "guten Lebens" aufzuzeigen. Dieses "buen vivir", nach dem sich so viele sehnen, scheint in den widersprüchlichen Verhältnissen der Moderne immer schwieriger erreichbar zu sein. Worin sehen Sie die Grundprobleme, die unsere moderne Gesellschaft kennzeichnen und unter denen immer mehr Menschen leiden?

Hartmut Rosa: Ich bin auf die Resonanz-Theorie durch die Analyse der Zeitverhältnisse gestoßen. Meine These in den Beschleunigungsstudien war, dass unser Zeitverhältnis gestört ist, dass wir ein Problem haben mit der Art des In-der-Zeit-Seins. Probleme im Zeitverhältnis sind meines Erachtens auch Probleme im Weltverhältnis. Das Problematische an den Zeitverhältnissen ist eine überwältigende Beschleunigungstendenz, eine Tendenz, die Welt zu dynamisieren, die Fristen, Zeithorizonte und Interaktionszeiträume zu verkürzen.

Hartmut Rosa wurde 1965 geboren und ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, steht dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt als Direktor vor und ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift "Time & Society". - © Jürgen Bauer
Hartmut Rosa wurde 1965 geboren und ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, steht dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt als Direktor vor und ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift "Time & Society". - © Jürgen Bauer

Die durchschnittliche Dauer, in der wir uns mit einem Menschen beschäftigen, mit einer Idee, oder in der wir uns an einem Ort aufhalten, hat sich in den letzten 200 Jahren extrem verkürzt. Das ändert die Art und Weise, wie wir mit der Welt in Beziehung treten. Ich wollte weg von der Idee, dass die richtige Beziehung durch Langsamkeit gekennzeichnet ist. Wenn man etwas Falsches um 180 Grad dreht, hat man noch nichts Richtiges. Deshalb wollte ich nochmal grundsätzlich über die Form, die Probleme und die Qualitäten unserer Weltbeziehungen nachdenken.

Sie sprechen davon, dass unsere moderne Gesellschaft von einem Resonanzverlust gekennzeichnet ist, und dass diese Variante der Entfremdung zugleich die Grundlage für die großen multiplen Krisen unserer Zeit bildet. Woran denken Sie da konkret?

Man muss sich dazu die Beziehungs- und Bezugsformen anschauen. Die ökologische Krise ist ein Indikator für ein gestörtes Naturverhältnis. Die Art und Weise, wie wir mit der nichtmenschlichen Umwelt, mit Pflanzen, Tieren und der Ökosphäre interagieren, erscheint problematisch. Das Problem liegt in der Verdinglichung, in einer rein instrumentellen Nutzbarmachung, die auf Effizienzsteigerung aus ist. Wir können uns auch andere Bezugsformen ansehen, wie etwa die Politik: Die Demokratie ist eine Form von Beziehung der Bürgerinnen und Bürger untereinander und zum Gemeinwesen. Was wir als Demokratiekrise beobachten können, ist politische Entfremdung und zeigt ein Problem in den sozialen Beziehungen an. Aber wir haben auch zu uns selbst eine Beziehung, zum Körper, zu unseren Gefühlen und zu unserer Seele. Beispielsweise kann man an den steigenden Burn-out-Raten ablesen, wie problematisch das Selbstverhältnis für viele schon geworden ist. Meine Diagnose lautet: Offensichtlich sind die Weltbeziehungen der modernen Menschen prekär geworden.

Der Kapitalismus folgt zum Selbsterhalt, wie Sie schreiben, dem Gesetz des Wachstums und der Ausdehnung. Auf der individuellen Ebene zeigt sich das in der Fixierung auf unsere Ressourcenausstattung und Möglichkeitserweiterung. Kurz: Wir arbeiten, leisten und handeln, um noch mehr Ressourcen zu haben. Wir tun das, weil wir uns davon mehr Leben versprechen. Sie sagen aber: Das untergräbt das gute Leben. Wie denn?

Die Konzentration auf Ressourcenausstattung hat zunächst einmal einen leicht angebbaren Grund. Wir können nämlich nicht mehr genau sagen, was ein gutes gelingendes Leben ist, aber wir gehen davon aus, dass es dazu besser ist, mehr Ressourcen zu haben als weniger. So definiert der einflussreiche amerikanische Sozialphilosoph John Rawls die Grundgüter. Er sagt, dass es eine Reihe von Gütern gibt, von denen es besser ist, mehr zu haben als weniger, egal, was wir damit machen. Dazu gehören Einkommen, Vermögen, Bildung, Beziehung, Gesundheit, Anerkennung usw.

Eigentlich sind die Ressourcen nur Mittel, mit deren Hilfe man ein gutes Leben führen könnte. Jetzt kann man flächendeckend beobachten, wie Menschen darauf ausgerichtet sind, diese Ressourcen zu vermehren: ein bisschen reicher zu werden, das kulturelle Kapital, also die Fähigkeiten und Kenntnisse zu vermehren, die Beziehungen, die Gesundheit, die Fitness und das Aussehen so-
wieso . . . Ich glaube, das ist kein Indikator für gutes Leben. Wenn man sich selbst fragt, wann mein Leben gelingt, wird man feststellen, dass es nicht unbedingt an der Ressourcenausstattung hängt.

Woran würden Sie gutes Leben messen?

Es gibt ja die Glücksforschung, die die Menschen nach der Zufriedenheit mit ihrem Leben fragt. Weil aber diese Frage schwer zu beantworten ist, antworten viele mit Blick auf ihre Ressourcenlage: "Ja, ich kann ganz zufrieden sein. Ich habe einen Job, ein kleines Häuschen, habe eine Familie, bin anerkannt. . ." Eigentlich meinen sie: Eigentlich müsste ich zufrieden sein, aber es sagt überhaupt nichts darüber aus, ob sie dabei eine gelungene Weltbeziehung haben. Ob unser Leben gelingt, kann man eher daran ablesen, wie oft wir lachen, oder auch wie oft wir weinen, denn Weinen ist eine Verflüssigung unseres Weltverhältnisses, wie auch Tanzen und Singen - das sind Indikatoren für Lebendigkeit. Jeder weiß, was damit gemeint ist, wenn man sagt: Da leuchteten ihre Augen. Das Aufleuchten der Augen ist meiner Ansicht ein Indikator für einen gelingenden Resonanzmoment. Eigentlich müssten wir unsere Lebensqualität daran messen, wie oft unsere Augen zum Leuchten kommen. Das wäre vielleicht physikalisch sogar machbar, so einen Indikator für leuchtende Augen zu entwickeln (schmunzelt) - und dann würden wir feststellen: Ressourcen sind wichtig dafür, aber immer mehr Ressourcen zu haben macht unser Leben nicht besser.