Was macht das Internet mit der Demokratie?

Die Demokratie hat sich über Jahrtausende entwickelt, hin zu unserer heutigen repräsentativen Form, die lange dominiert war von so kauzigen Typen wie etwa in Deutschland Franz Josef Strauß oder Herbert Wehner. (Der CSU-Mann und der SPD-ler lieferten sich im Bundestag der Siebziger Jahre heftige Wortgefechte, Anm.). Die Bundestagsdebatten waren damals das, was heute Reality-Shows im Fernsehen sind. Alle haben eingeschaltet - und es hat einfach Spaß gemacht, zuzuhören. Durch das Internet haben wir heute eine irrsinnige Transparenz. Jede Aussage wird sofort überprüft. Wenn Frau Trump eine Rede hält, weiß man fünf Minuten später, dass sie diese abgekupfert hat. Der politische Prozess ist so kleinteilig geworden, dass man jedes Detail sofort nachprüfen kann.

Was sind die Folgen?

Dadurch gerät das große Ganze aus dem Blick. Der Mut, Richtungsentscheidungen zu treffen, geht verloren. Weil an jeder Entscheidung Millionen von Daten dranhängen, die dem Politiker zum Stolperstein werden. Das bedeutet Big Data, eine unfassbare Menge an Daten und Informationen, die jederzeit abrufbar sind. Die zweite Konsequenz ist, dass sich Politiker tendenziell viel leichter aus der Konsequenz stehlen. Deshalb gibt es diese kauzigen, unbequemen Typen auch nicht mehr.

Das Internet hat Information kleingranular gemacht, und der Mensch hat noch nicht die Fähigkeit, damit umzugehen. Ein gutes Beispiel ist die Bundespräsidentenwahl. Da steht man jetzt vor einem völlig neuen Transparenzbegriff, bei dem man es sich zu leicht macht. Es hieß einfach: 70.000 eventuell nicht ganz regelkonform ausgezählte Stimmen sind mehr als die 30.000 Stimmen Differenz, also muss alles neu ausgezählt werden. Von Statistik, Signifikanzniveaus und Standardabweichungen will leider niemand etwas hören. Bei allem Respekt vor den Richtern: Da haben sie es sich zu einfach gemacht, und zudem bin ich mir sicher, dass das nicht die letzte Wahl war, die wiederholt werden muss. Und es ist doch naiv zu glauben, dass diese Fehler in den Jahrzehnten davor nie bemerkt wurden!

Es herrscht heute also ein Fetischismus der kleinteiligen Informationen, die man nicht mehr zum großen Ganzen zusammenfügt. Wir können nicht mehr mit der Flut der Daten umgehen und klammern uns deshalb an Details. Wir werden Sklaven einer Technologie, die eigentlich dazu gedacht war, uns zu unterstützen. Stattdessen müssen wir uns endlich wieder mehr um den Menschen kümmern. Es wird ja viel geredet über das Internet der Dinge. Gemeinsam mit Kollegen habe ich jetzt eine Task Force gegründet - unser Ziel: ein "Internet for People", ein Internet für Menschen.

Also ein ethischeres Internet ohne Hasspostings?

Das ist sicher ein Aspekt davon. Da entstehen einfach Postings, die in einer öffentlichen Debatte nichts zu suchen haben. Es heißt immer, wir schaffen Anonymität, damit jeder frei seine Meinung sagen kann. Was hat denn Freiheit mit Anonymität zu tun? Entweder ich habe eine Meinung - und ich stelle mich mit meinem Namen hin und sage das, oder ich halte meinen Mund. Heute driften Diskussionen sehr oft ins Unsachliche ab. Die Verantwortung für etwas, das man tut, geht verloren. Das wirkt sich leider auch auf die Politik aus. Es bleiben nur noch Schlagworte hängen und alles verflacht ungemein.

Welche Schuld trifft die Informatik und die "Designer" des Internets?

Von "Schuld" würde ich da nicht sprechen. Es ist wie mit jeder Technologie: Man stellt etwas zur Verfügung - und weiß nicht, was daraus wird. Das Auto wird erfunden, ein Straßennetz wird gebaut - und hundert Jahre später stellen wir fest: Mist, jetzt haben wir unsere Atmosphäre kaputtgemacht und den Klimawandel verursacht. Die Atomspaltung wird als interessantes wissenschaftliches Phänomen entdeckt - und irgendjemand baut eine Atombombe daraus. Aber Informatiker bilden im gewissen Sinn eine neue Elite, sie werden die Welt immer mehr prägen und müssen deshalb auch mehr in die Pflicht genommen werden. Jetzt ist es an der Zeit innezuhalten und nachzuforschen: Sind solche Entwicklungen gut oder schlecht? Was machen wir mit unseren technischen Möglichkeiten? Das Erschreckende ist für mich, wie sehr wir uns heute von der Informationstechnologie abhängig machen. In der Straßenbahn wischen alle auf ihren Smartphones herum, niemand redet mehr.

Was wir dabei lesen, bestimmen wir nicht unbedingt selbst, sondern die Algorithmen von Facebook und Co. Die amerikanische Techniksoziologin Zeynep Tu- fekci fordert deshalb, die Algorithmen "ethischer" zu machen. Ist das überhaupt möglich?

Google stellt uns vor die Wahl: Wollen Sie Werbung bekommen, die Sie interessiert, oder Werbung, die Sie nicht interessiert? Was, wenn ich gar keine Werbung möchte!? Der Mensch sollte grundsätzlich die Informationen bekommen, die er möchte. Die Frage ist, inwieweit wir dieses algorithmische Denken überhaupt zulassen sollten. Algorithmen sind ja eigentlich dazu da, Probleme zu lösen. Aber wir brauchen stattdessen viel mehr neue Wege, um Kreativität zu fördern.