Ist bei uns in Österreich das gesellschaftliche Misstrauen den "Studierten" gegenüber besonders hoch?

Ich finde es schon symptomatisch, dass wir in der Öffentlichkeit die Universitäten meist nur unter dem Kostenaspekt diskutieren und nicht als Investition oder in ihrer wichtigen gesellschaftlichen Funktion. Daher kommt der Eindruck, die Unis seien so etwas wie Fässer ohne Boden, wo niemand genau weiß, was dort eigentlich geleistet wird. Die Politik muss da endlich ihre Verantwortung übernehmen. Und gerade öffentliche Unis müssen besser kommunizieren, warum sie wichtig sind und welchen gesellschaftlichen Mehrwert sie haben.

Sie waren die Erste in Ihrer Familie, die studierte. Die soziale Herkunft hat immer noch viel damit zu tun, ob sich jemand für ein Studium entscheidet. Welchen Anteil hat die Uni?

Die erste Frage ist doch, wie eine Uni überhaupt auf den Radarschirm der Jugendlichen gelangt. Wir laden zum Beispiel Schülerinnen und Schüler in die WU ein, sich hier einmal umzusehen und vielleicht diese "Hemmschwelle" zu verlieren. Aber wir müssen einen Schritt weiter in die Schulen gehen und dort erklären, welche Möglichkeiten die Uni bietet. Deswegen haben wir ein Alumniprogramm aufgesetzt, wo sich unsere Alumni an Schulen anbieten und einmal erklären, was mache ich überhaupt mit einem WU-Stu-
dium? Also, was lerne ich da und was mache ich später damit? Das war ja bei uns als Studierende damals nicht anders. Unsere Vorstellung, was Berufstätigkeit und Berufsfelder angeht, waren auch nicht besonders ausgeprägt.

Das ist der eine Aspekt. Aber ich glaube, es hat auch viel mit dem Image der Universität zu tun. Da kann man viele Zeichen setzen. Wir haben zum Beispiel ein Stipendiumprogramm gestartet, für das sich Schüler und Studierende aus sozial benachteiligten Familien bewerben können. Außerdem hat jeder Studienbeginn etwas von einer Übergangsphase. Die Schüler kommen aus einer Klasse mit maximal dreißig Personen. Dann sitzen sie bei uns im Audimax - und fühlen sich vielleicht verloren. Da muss es ja quietschen. Natürlich gibt es sozial kompetentere Menschen, denen das nicht viel ausmacht. Aber vielen Erstsemestern macht diese akademische Anonymität Angst, gerade wenn sie vielleicht zu Hause keine entsprechende Unterstützung haben. Für die müssen wir da sein - und das sind wir. Wir haben auch ein Mentoringprogramm gestartet.

Sie selbst haben Anfang der Achtziger Informatik studiert. Waren Sie damals allein unter männlichen Studenten?

Nein, gar nicht! Die Informatik war damals an der Technischen Uni sogar eine der Studienrichtungen mit einem relativ hohen Frauenanteil, etwa ein Fünftel. Die Professoren waren aber bis auf eine Ausnahme Männer. Interessanterweise sind danach die Zahlen der weiblichen Studierenden in der Informatik zurückgegangen.

Woran lag das?

EDV war Anfang der Achtziger noch ein Freifach in den Schulen und noch nicht so genau zugeordnet. Dann wurde es in den Lehrplan integriert und vorwiegend von Mathematikern und Naturwissenschaftern unterrichtet und damit in gewisser Weise "vergeschlechtlicht". Inzwischen gibt es viel differenziertere Ausbildungsprogramme. Aber es gibt immer noch einen wesentlich höheren Frauenanteil in der Bioinformatik als zum Beispiel in der Technischen Informatik, obwohl beide Studienrichtungen eigentlich viele gleiche Inhalte haben. Da geht es viel um Organisationskultur und Selbstverständnis.

Lässt sich das ändern?

Ja, natürlich. Mein Lieblingsbeispiel ist die Carnegie Mellon University in Pennsylvania. Dort hat man sich sehr um einen höheren Frauenanteil bemüht. Die Uni hat ihre Lehrpläne und Konzepte umgekrempelt und es geschafft, den Frauenanteil von sieben auf über vierzig Prozent zu erhöhen.

Wie?

Sie sind weggegangen von so stereotypen Zuschreibungen, dass es zum Beispiel in der Informatik nur ums Programmieren gehe - und darum, tagelang einsam vor dem Computer zu sitzen, und dass alle, die das nicht können oder wollen, das Studium lieber sein lassen sollten. Solche Zuschreibungen halten ganz viele Menschen ab. Sie haben gezeigt, dass das Fach vielfältiger ist.

Warum haben Sie selbst von der Informatik zur Wirtschaftswissenschaft gewechselt?

Obwohl der Frauenanteil damals vergleichsweise hoch war, hat es mich zu interessieren begonnen, warum nicht mehr Frauen in die Technik gehen. Ich wurde selbst ja immer wieder gefragt, warum ich mich ausgerechnet für dieses Fach entschieden habe. Ich hab mich damals sehr mit partizipa- tiver Softwareentwicklung und Workflowmanagement beschäftigt, und da haben sich interessante geschlechtsspezifische Phänomene gezeigt.

Können Sie das für Nicht-Fachleute erklären?

Ich habe mir damals die Planung von Operationsterminen angesehen und fand es sehr interessant, dass es andauernd zu geschlechtsspezifischen Zuschreibungen gekommen ist. Zum Beispiel wurden alle weiblich konnotierten Tätigkeiten von vornherein extrem abgewertet, bei der Planung vernachlässigt und als unwichtig eingestuft, obwohl sie das gar nicht waren. Die "typisch männlichen" Jobs wurden dagegen als sehr wichtig und unabdingbar eingestuft. Das hat mich damals fasziniert und ich wollte einfach wissen, was da eigentlich abläuft. So bin ich zur Organisationsforschung gekommen, später zu einer Professur in der Betriebswirtschaftslehre (BWL).