Caritas-Präsident Michael Landau (links) im Gespräch mit Uwe Mauch in der Wiener "Gruft". - © Stanislav Jenis
Caritas-Präsident Michael Landau (links) im Gespräch mit Uwe Mauch in der Wiener "Gruft". - © Stanislav Jenis

"Wiener Zeitung": Herr Landau, Ihr neues Buch hat den Titel "Solidarität - Anstiftung zur Menschlichkeit". Finden Sie den Status Quo denn unmenschlich?

Michael Landau: Im Gegenteil. Sehr viele Menschen in unserem Land sind bereit, sich solidarisch zu engagieren. Das Buch soll Mut und Hoffnung machen und Ängste nehmen. Es geht an die Ränder der Gesellschaft, aber es zeigt auch, wie viel an Positivem und Mitmenschlichkeit in Österreich, in Europa und weltweit zu finden ist. Wenn ich an die "Gruft" denke, wo wir jetzt gerade zusammensitzen, sehe ich einerseits die Not, die es gibt. Im Vorjahr haben wir 116.000 Mahlzeiten ausgegeben, dazu kommen 96.000 Mahlzeiten unserer Suppenbusse.

Michael Landau: "Man gewinnt manchmal den Eindruck, dass wir eine Regierung haben, die aus einem Dutzend Asylexperten besteht - wenn sie sich nicht gerade mit Zäunen beschäftigen." - © Stanislav Jenis
Michael Landau: "Man gewinnt manchmal den Eindruck, dass wir eine Regierung haben, die aus einem Dutzend Asylexperten besteht - wenn sie sich nicht gerade mit Zäunen beschäftigen." - © Stanislav Jenis

Niemand stellt sich aus Jux und Tollerei auf die Straße für einen Teller warme Suppe. Die Mitarbeiter haben mir erzählt, dass sie am Ende ihrer Schicht die Suppen oft mit heißem Wasser verdünnen mussten, weil so viele Menschen gekommen sind. Etwa ein Drittel der Menschen, die zu uns kommen, haben zwar noch eine Wohnung, können sich aber den Alltag aus eigener Kraft nicht mehr leisten. Obdachlosigkeit ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Aber die "Gruft" ist andererseits auch ein Ort der Solidarität. So viele Menschen helfen mit, kochen und wollen einen Beitrag leisten. Und darum geht es mir auch in meinem Buch: Es kommt auf jeden und jede Einzelne an. Jeder kann mitgestalten. Es gibt einen guten Grundwasserspiegel der Solidarität in unserem Land.

Herr Mauch, Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch die "Die Armen von Wien". In einer der lebenswertesten Städte der Welt sind davon derzeit 184.000 Menschen betroffen. Was hat Sie bei den Recherchen am meisten überrascht?

Uwe Mauch: "Ich dachte, ich weiß einiges über die Armut in Wien. Ich war dann aber schockiert darüber, wie viel versteckte Armut es gibt." - © Stanislav Jenis
Uwe Mauch: "Ich dachte, ich weiß einiges über die Armut in Wien. Ich war dann aber schockiert darüber, wie viel versteckte Armut es gibt." - © Stanislav Jenis

Uwe Mauch: Ich habe sieben Jahre lang die "Augustin"-Fußballmannschaft trainiert. Ich habe dort Freundschaften geschlossen und Einblicke in prekäre Familiensituationen bekommen. Ich dachte, ich weiß einiges über die Armut in Wien. Das war der Ausgangspunkt für mein Buch. Ich war dann aber schockiert darüber, wie viel versteckte Armut es gibt.

Sind Sie auch so optimistisch wie Herr Landau, was die Hilfsbereitschaft anbelangt?

Mauch: Ich habe Solidarität erlebt, ich war aber auch entsetzt, wie viel Gleichgültigkeit es in dieser Stadt gibt. Das Buch von Herrn Landau spricht vor allem die Unentschlossenen an. Ein Drittel will helfen, ein Drittel ist unentschlossen, und ein Drittel ist leider mit unseren Büchern nicht erreichbar. Das hat mich beim Schreiben sehr beschäftigt. Ich habe mich gefragt, für wen ich das eigentlich recherchiert habe. Diejenigen, die es eigentlich Not hätten, werde ich mit meinem Buch nicht erreichen. Von denen wohnen zum Beispiel einige bei mir im Gemeindebau. Da wählen zwei Drittel die Partei, die vorgibt, für die kleinen Leute da zu sein, was einfach nicht stimmt.

Landau: Ich schätze an dem Buch von Uwe Mauch sehr, dass er ganz viele Begegnungen schildert. Da wird deutlich, dass es immer um konkrete Menschen, mit einem Gesicht, mit einem Leben geht. Das ist der gleiche Ausgangspunkt wie bei meinem Buch. Wenn wir Menschen in Statistiken pressen, in Zahlen verwandeln und sie bürokratisieren, gibt es die große Gefahr der Unmenschlichkeit. Es geht in Uwe Mauchs Buch auch um Initiativen, die oft im Verborgenen enorm viel für das Zusammenleben und das Miteinander in unserem Land leisten. Das "Häferl" zum Beispiel, eine Einrichtung der Wiener Stadtdiakonie, oder der Verein "Altes Eisen", der sich um Langzeitarbeitslose kümmert. Zu uns kommen erschreckend viele Menschen, die nach Abzug ihrer Fixkosten nur noch wenige Euro übrig haben für Essen, Kleidung und Hygieneartikel. Dagegen besitzen ein Prozent der Österreicher 37 Prozent des Vermögens. Da ist einiges aus der Balance geraten.

Können sich die Eliten überhaupt noch in arme Menschen einfühlen?

Landau: Der Blickkontakt mit der Not ist verloren gegangen. Ich fahre zum Beispiel sehr oft mit der U-Bahn und bin dort noch keinem Politiker begegnet - aber auch Bischöfe sieht man eher selten.

Was muss passieren?

Landau: Es geht um Fairness und Gerechtigkeit. Wir müssen wieder auf die Ränder der Gesellschaft schauen und dorthin, wo es brüchig wird. Es geht ums Wohnen, um eine Arbeit, von der man leben kann, ums Heizen, um Zugang zur Bildung für Kinder aus sozial schwachen Familien.

Mauch: Was mir aufgefallen ist: Über die Jugend heißt es oft, sie sei apolitisch und kümmere sich nur um die eigene Karriere. Das habe ich ganz anders erlebt. Zum Beispiel bei der "Bettellobby Wien", die sich für bettelnde Roma einsetzt, oder die "Initiative Prosa", die Flüchtlingen einen Schulabschluss ermöglicht. Das sind junge Leute und Studierende, die sich ehrenamtlich engagieren - ohne Hilfe von Stadt, Kirche oder anderen Institutionen.

Landau: Nichts hindert solidarisches Handeln so sehr wie Angst. Ich halte es für hochproblematisch, wenn Politiker im Wahlkampf gezielt Ängste schüren und mit den Gefühlen von Menschen spielen. Diese Ressentiments vergehen ja nicht nach dem Wahltag. Sie schaden der Gesellschaft nachhaltig. Wir müssen den Mut und die Bereitschaft stärken, für die Ärmsten und Schwächsten in unserer Gesellschaft einzustehen. Wir haben es im letzten Jahr gesehen: Allein bei der Caritas haben sich plötzlich 15.000 Menschen gemeldet, die an den Bahnhöfen und in den Notquartieren geholfen haben - zusätzlich zu den 40.000 Freiwilligen, die es schon vorher gab. Viele leisten bis zum heutigen Tag Unglaubliches.