Vor der Beschäftigung mit der Zeitrechnung haben Sie sich lange mit dem astronomischen Wissen alter Kulturen befasst. Wie sind Sie dazu gekommen?

Vor gut 40 Jahren bin ich durch meinen damaligen Rechtsanwalt, den Heimatforscher Hubert Stolla, mit der Materie in Kontakt gekommen. Er hat mir immer wieder vom "Teufelstein" in den Fischbacher Alpen erzählt und mich dazu motiviert, mir den Felsen anzuschauen und vor allem zur Wintersonnenwende einmal raufzugehen. Ich habe das jahrelang gemacht, aber es war immer schlechtes Wetter, und ich habe es schon fast aufgegeben. Aber dann hat es doch gepasst, und ich habe gesehen, dass die Sonne genau dort aufgeht, wo der Teufelstein mit seiner planen Wand hinweist. Der Stein ist wie ein Tortenstück, und die große Wand weist zur Richtung, wo die Sonne zur Wintersonnenwende aufgeht bzw. auf der Seite gegenüber zum Punkt, wo die Sonne zur Sommersonnenwende untergeht. Diese eine Wand des Teufelstein ist also genau auf die Sonnwendlinie ausgerichtet. Es hat in der Folge einige Untersuchungen zum Teufelstein gegeben, und 1999, als am 11. August die Zentrallinie der Sonnenfinsternis genau über den Teufelstein gelaufen ist, gelang es mir, ein wissenschaftliches Symposium zu initiieren, in dessen Zuge zweifelsfrei festgestellt wurde, dass dieser Felsen ein steinzeitliches Himmelsobservatorium ist.

Wintersonnenwende am Teufelstein in Fischbach (Stmk.), einem - nach Ansicht von Sepp Rothwangl - steinzeitlichen Himmelsobservatorium. - © Fischbach.co.at
Wintersonnenwende am Teufelstein in Fischbach (Stmk.), einem - nach Ansicht von Sepp Rothwangl - steinzeitlichen Himmelsobservatorium. - © Fischbach.co.at


Alte Kultstätten des Alpenraums sind oftmals in späterer, christlicher Zeit als "Drachenhöhlen" oder "Teufelsstätten" tabuisiert worden. War das beim Teufelstein auch der Fall?

Ja, ziemlich sicher. Was das betrifft, lassen sich im Alpenraum viele Parallelen finden, etwa in Falera in der Schweiz, wo es regelrechte Menhirreihen gibt, die astronomisch ausgerichtet sind, und genau an einem Punkt dieser Reihe steht eine alte Kapelle. Aus dem 8. Jahrhundert gibt es eine Überlieferung von Beda Venaribilis, der sich auf Papst Gregor aus dem 6. Jahrhundert beruft, und der schreibt, man möge die alten Kultstätten nicht zerstören, sondern dort Kirchen errichten, damit sich die Leute an den gewohnten Plätzen einfinden. Aber wo das nicht stattgefunden hat, weil die Leute den neuen Kult nicht angenommen haben - oder aus welchen Gründen immer -, hat man es vermutlich verteufelt bzw. dämonisiert. Das klingt auch in der Sage an, die über die Entstehung des Teufelstein überliefert ist, und die lautet: Luzifer, der Teufel, wollte in der Christnacht einen Turm zum Himmel bauen, doch das Unterfangen ist misslungen. Als am Morgen die Messe gelesen wurde und das Glöcklein zur Wandlung erklang, sind die Steine, die er von der Hohen Veitsch geholt hat, auf die Wiese gefallen, und seine Chance war vorüber - der Ort heißt seither Teufelstein.

Wenn man diese Sage astronomisch interpretiert, dann steht die Christnacht für die Wintersonnenwende, und der Morgen der Christnacht steht mit dem Punkt im Zusammenhang, wo der Teufelstein hinweist: auf den Sonnenaufgang, auf das Morgenrot, und im übertragenen Sinn auf Luzifer, der ja der lateinische Name für die Venus als Morgenstern ist - der "Lichtbringer". Das ist, wenn man so will, die astronomische Interpretation.

Sie sagen, dass in Märchen und Mythen altes astronomisches Wissen codiert weitergegeben wird . . .

Es ist nicht jedes Märchen astronomisch, aber in vielen Märchen findet man astronomische Inhalte. Märchen und Mythen sind Religionen aus der Vorzeit. Anthony Aveni, ein bekannter Archäoastronom, hat gesagt: "The recent my-thology we call science." - Der jetzige Mythos ist unsere Wissenschaft.