Stellen Sie sich vor, zwei Tage später war dieser Witwer imstande, in einem offenen Brief auf Facebook an die Männer, von denen sie getötet wurde, den Satz zu schreiben: "Meinen Hass bekommt ihr nicht." Ist das nicht unglaublich? Mit dieser Reaktion hat er die Hass-Spirale unterbrochen und die gegenseitige Verstrickung verhindert.

Klingt schon fast übermenschlich.

Oder zutiefst menschlich.

Sie fordern, dem Bösen mit Sachlichkeit und Respekt zu begegnen. Was heißt das?

Es gibt eine sehr schöne Lehrgeschichte aus dem Taoismus, einer tiefgründigen östlichen Philosophie und Religion ohne doktri-
näre Enge, bei der es letztlich darum geht, dem Leben seinen Lauf zu lassen. Darin heißt es: "Der Mörder darf morden, die Polizei darf ihn fangen, der Richter darf ihn verurteilen, der Henker darf ihn hängen." Hier wird eine logische Konsequenz geschildert, jedoch ohne das uns so vertraute Rachegefühl. In dieser Geschichte steckt keinerlei Verurteilung. Diese Geschichte zeigt letztlich: Alles, was auf der Welt geschieht, hat einen Platz, so grauenhaft es auch sein mag.

Demnach darf es auch IS-Attentäter geben?

Richtig.

Das wird ein Großteil der Menschen als Zumutung empört zurückweisen.

Das mag sein. Diese Terroristen treiben jedoch einen Erkenntnisprozess vorwärts, sie sind nämlich die Unterdrückten und Ausgeschlossenen. Sie haben also im Gesamtgeschehen eine Funktion, da sie deutlich machen, was bei uns alles schiefläuft. Selbstverständlich gehören sie bestraft, weil es schrecklich ist, was sie tun, aber sie dürfen nicht gefoltert werden, wie dies so oft geschieht. Kollektiv betrachtet drücken sie etwas Wesentliches aus - und wir sind aufgefordert, dies zu verstehen.

Der norwegische Erfolgsschriftsteller Karl Ove Knausgård hat in einem viel kritisierten Essay geschrieben, wir dürften das Entsetzen gegenüber Menschen wie dem Massenmörder Anders Breivik nicht "in Abstand auflösen". Es sei gefährlich, zu solchen Gräueltaten auf Distanz zu gehen, weil sie inmitten unserer Kultur entstanden seien.

Genau so sehe ich es auch! Und auf die damit verbundenen möglichen Anfechtungen bin ich gefasst, ich stehe zu jedem Wort! Wir sollten nicht zwischen uns, den Guten hier, und den Bösen da unterscheiden, denn dann betrachten wir die Welt in Standbildern - und die beiden Bilder fallen auseinander. Aber was bringt es uns, wenn wir in unserer - scheinbar sicheren - selbst gebastelten Welt sitzen und versuchen, durch Schuldzuweisungen das Böse von uns fern zu halten? Die Bluttaten hören ja nicht auf. Aus diesem Grund ist für mich das "Wir" eines der heilendsten Worte unserer Sprache. Der frühere US-General Wesley Clark formulierte dies mir gegenüber so: "Die ganze Menschheit muss sich als eine Familie fühlen, sonst sind wir in Gefahr, zu zerbrechen."

Der neue US-Präsident verkörpert für viele Europäer etwas Böses und Unheimliches. Wir sollen also anerkennen, dass wir - plakativ gesprochen - alle "Trump" in uns tragen?

So ist es. Wir sind eben nicht nur die Braven, Guten. Ich würde aber noch viel weiter gehen: Wir alle tragen in uns nämlich eine "Mördermöglichkeit", wie der Schriftsteller Hermann Hesse dies sehr treffend formuliert hat.

Ausgerechnet Hesse, der noch immer als Ikone der friedensbewegten Gutmenschen gilt?

Ja, genau der. Die Mördermöglichkeit ist demnach der eine Pol - und der andere ist das Gute in uns. Beides muss sein, und Hesse meinte, dass alles gut sei, "auch das, was wir Verbrechen, Schmutz und Grauen heißen". Wir sollten es uns also erlauben, den Mörder in uns zu haben. Der falsche Weg ist der, den die Kirche geht, die versucht, das Böse zu besiegen. Vielmehr geht es darum, sich dem Bösen zu öffnen, um es anschließend zu integrieren.

Um zu erfahren, wie man überhaupt Verbrecher wird, haben Sie sogar Mörder getroffen.

Mörder ist ein Begriff, den ich seitdem eigentlich nicht mehr verwende. Denn einer der Täter, die ich getroffen habe, war Dieter Gurkasch, der für einen Raubmord 25 Jahre hinter Gittern saß und der mich eines Besseren belehrt hat. Gurkasch meinte nämlich, dass "Mörder" wie eine Berufsbezeichnung verwendet werde. Doch die meisten unter ihnen hätten nur einmal gemordet. Und er hat Recht damit. Wenn man jemanden immer wieder als Mörder bezeichnet, nagelt man ihn an diese Tat fest; daran gefesselt ist er jedoch ohnehin.

Was ändert sich, wenn Sie stattdessen von Tätern sprechen?

Je länger ich mit diesen Personen gesprochen habe, desto weniger habe ich an Mörder gedacht, sondern Menschen vor mir gesehen, die einen Mord begangen haben. Es sind Menschen mit einer tiefen Wunde in sich, die sie sich selbst durch ihre Tat zugefügt haben. Mir liegt es sehr am Herzen, dass es gelingt, Täter mit dieser Wunde zu sehen. Denn dann verbannen wir sie nicht mehr an den gesellschaftlichen Rand, sondern integrieren sie als Teil des Ganzen. Das ist ein Weg, wie ihn beispielsweise der bereits erwähnte Father Boyle in Los Angeles geht, der dort schon in den achtziger Jahren ein Netzwerk für Gang-Jugendliche gegründet hat. Ein Netzwerk, das heute das größte seiner Art ist.

Wie finden diese Jugendlichen den Weg zurück in die Gesellschaft?

Zu dem Konzept gehören Erziehung, Therapie und Gruppenarbeit. Das Wesentliche dabei ist eine innere Arbeit, eine Konfrontation mit dem, was den Kids geschehen ist. Father Boyle hat es mir in unseren Gesprächen so erklärt, dass es darum geht, seine Wunden zu kennen und sich mit ihnen anzufreunden. In dieser Verfassung hört man auf, sich selbst zu verachten, ein ganz wesentlicher Schritt. Es ist ein beeindruckender Heilungsweg, auf dem einige allerdings auch scheitern.