Insgesamt haben Bestrafungsimpulse zugenommen, was auch an in Ostdeutschland beliebten Autoaufklebern mit der Aufschrift "Todesstrafe für Kinderschänder" sichtbar wird. Sie aber plädieren für eine neue Haltung gegenüber den Tätern. Was heißt das?

Zum einen sollte man die Täter nicht verurteilen und sagen: "Du bist schlecht für immer." Wenn wir sie als Menschen behandeln und ihnen ihre Würde lassen, ist das etwas, was sie vermutlich in vielen Fällen bisher kaum erlebt haben. Das ändert nichts daran, dass Täter die Konsequenzen ihres Tuns verantworten und ihre Strafe absitzen müssen.

Sie schreiben, dass Sie sich in der dunklen Welt des Bösen fast verloren haben. Wie hat sich Ihre Haltung geändert?

Zunächst hat mich die Welt des Bösen hilflos zurückgelassen, ich habe sehr viel geweint und war schlicht fassungslos, was sich Menschen alles antun, und noch dazu ritualisiert. Aufgrund dieser Auseinandersetzung mit dem Bösen habe ich jedoch zu einer tiefen inneren Freiheit und Liebe gefunden - einer annehmenden Liebe, die in alle Richtungen offen ist. Und das ist das Geschenk dieser Haltung.

Ein Mensch wie Sie, der den Mut hat, Mördern zu begegnen, trägt wohl in sich eine Stärke, die nicht jeder hat und vielleicht auch nicht haben muss.

Ach, ich glaube, dass ich mit meinen eigenen dunklen Seiten ganz gut lebe, und mich erschreckt das Dunkle nicht. Schon sehr lange erkunde ich die Grenzen des menschlichen Bewusstseins, da sich meiner Erfahrung nach der Mensch als Grenzgänger oder "Über-Grenzgänger" am klarsten zeigt, in all seinen Möglichkeiten wie Unmöglichkeiten. Ich hätte dieses Buch nicht schreiben können, wenn ich nicht mit meiner eigenen Dunkelheit einigermaßen befreundet wäre.