"In unserer Hochglanzgesellschaft sollen Kinder perfekt sein. Fürsorgliche Eltern aber lassen ihre Kinder scheitern, denn nur dadurch werden sie selbständig." (Günther Loewit) - © Pixelkinder
"In unserer Hochglanzgesellschaft sollen Kinder perfekt sein. Fürsorgliche Eltern aber lassen ihre Kinder scheitern, denn nur dadurch werden sie selbständig." (Günther Loewit) - © Pixelkinder

"Wiener Zeitung": Herr Loewit, Sie betreiben eine ärztliche Praxis im niederösterreichischen Marchegg, das oft als die "Storchenstadt" bezeichnet wird. Wie schaut es dort mit der Geburtenrate aus? Gibt es viel Nachwuchs bei den Marchegger Familien?

Günther Loewit: Marchegg ist eine kleine Stadt an der slowakischen Grenze, hier leben die Menschen gleich wie alle Österreicher, es gibt dieselben Geburten- und Sterberaten wie im restlichen Land. Als Landarzt mit 30-jähriger Praxis betreue ich mittlerweile bereits die dritte und vierte Generation. Ich bekomme mit, wenn die Erdäpfel zu früh austreiben, und mir bleiben auch die großen Dramen nicht verborgen. Das gibt mir ausreichend Möglichkeit, das Leben zu studieren.

Dr. Loewit beim Interview mit Irene Prugger. - © Prugger
Dr. Loewit beim Interview mit Irene Prugger. - © Prugger

Was ist bis jetzt als wichtigste Erkenntnis dabei herausgekommen?

Dass wohl jeder Ort gewissermaßen ein Potemkinsches Dorf ist und sich hinter den Fassaden ganz andere Realitäten verbergen. Auch bei uns fordert die Leistungsgesellschaft mittlerweile ihren Tribut. Wesentlich davon betroffen sind die Kinder. Die Tage der Kindheit sind bis ins kleinste Detail organisiert und durchgeplant, weil man voll funktionsfähige Erwachsenenimitate schaffen will. Statt die wahren Talente der Kinder zu berücksichtigen, soll jedes Kind auf jedem Gebiet ein kleines Genie sein. Deshalb mündet der Förderwahn oft in Überforderung. Gleichzeitig werden aufgeweckte Kinder vor dem Computer und vor dem Fernseher ruhig gestellt. Und so beginnen die für unsere Zeit symptomatischen Leidensgeschichten immer früher. Mittlerweile werden bereits bei fünfjährigen Kindern Burn-out-Erkrankungen diagnostiziert.

Günther Loewit wurde 1958 in Innsbruck geboren, aufgewachsen in Innsbruck, Wien und New York. Er lebt und arbeitet als Allgemeinmediziner, Gemeindearzt und Schriftsteller in Marchegg/Niederösterreich. Langjähriges Engagement in der Ärztekammer (Vorsitzender des Schlichtungsausschusses).
Günther Loewit wurde 1958 in Innsbruck geboren, aufgewachsen in Innsbruck, Wien und New York. Er lebt und arbeitet als Allgemeinmediziner, Gemeindearzt und Schriftsteller in Marchegg/Niederösterreich. Langjähriges Engagement in der Ärztekammer (Vorsitzender des Schlichtungsausschusses).

Hat diese Entwicklung Sie dazu bewogen, Ihr neues Buch mit dem Titel "Wir schaffen die Kindheit ab" zu schreiben? Das Thema würde man ja eher der Psychologie zuordnen.

Als Allgemeinmediziner und praktischer Arzt bin ich auch Kinderarzt und Psychologe und stehe selber fassungslos vor der Tatsache, dass die psychischen Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen stetig zunehmen. Darunter sind solche, die wirklich krank sind, und jene, die von ihrem Umfeld als psychisch krank oder sonst irgendwie auffällig eingestuft werden, weil sie nicht so ganz in die Norm passen. Wir Mediziner sollen diese Kinder behandeln und gesund machen, obwohl ihnen vielleicht nur Zuwendung und Aufmerksamkeit fehlt. Auch Kinder, die unter großem Leistungsdruck stehen, neigen zu psychosomatischen Beschwerden. Und bekommen dadurch oft erst die Ruhe und Aufmerksamkeit, die sie brauchen.

Welche Symptome beobachten Sie dabei?

Kinder, die sich ja noch nicht so ausdrücken können wie Erwachsene, sprechen oft von Bauchweh oder Kopfweh, aber es kommen auch ganz eigenartige Dinge vor. Sie können zum Beispiel die Füllfeder nicht halten, weil die rechte Hand so weh tut. Viele Eltern fordern dann Medikamente für die Sprösslinge ein. Das ist nicht so zeitaufwändig, als den eigentlichen Ursachen des Problems auf den Grund zu gehen. Immer mehr Eltern neigen auch zu Dramatisierung und Überängstlichkeit. Hat ihr Kind öfters Kopfweh, hegen sie bereits den Verdacht auf einen Gehirntumor und meinen, es müsse sofort in die Röhre. Wenn ich mir dann die Zeit nehme, mit der Familie ausführlich zu reden, kommen wir dahinter, dass das Kopfweh immer vor der Reit- oder Mathematikstunde auftritt.

Woher kommt diese Überängstlichkeit auf Seiten der Eltern?

Ängstlichkeit ist zu einer gesellschaftlichen Grundhaltung geworden. Nach dem Krieg ging es stetig bergauf, aber seit den 1980ern wird der Wohlstand zumindest in den mittleren und unteren sozialen Schichten nicht mehr so leicht vermehrt, man hat alle Hände voll zu tun, das Erreichte zu halten. Das führt zu großen Verlustängsten. Und weil man will, dass die Kinder es auch materiell besser haben sollen als man selber, gibt es in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft immer weniger Kinder. Wir haben zurzeit eine Fertilitätsrate von 1,4 Kindern pro Frau. Rechnet man die nicht österreichischen Mütter weg, reduziert sie sich auf 1,2. Das bedeutet fast eine Halbierung pro Genera-tion. Mit so wenig Nachwuchs wird eine Gesellschaft überängstlich - und sie wird nur schwer überleben.

Das heißt, wir sterben aus?

Mathematisch gesehen ist das ganz eindeutig so, weshalb wir nicht darüber hinwegsehen können, dass wir ein gewisses Maß an Zuwanderung brauchen. Ein großer Teil unserer westlichen Gesellschaft hat sich dafür entschieden, Endverbraucher zu sein und keine oder nur ein Kind in die Welt zu setzen. Das Tragische ist, dass auf den Schultern dieser Kinder die ganze Erwartungshaltung lastet. Ein Einzelkind hat eine höchst schwierige Mission im Leben seiner Eltern und kann diese Last nicht mit Geschwistern teilen.

Wie Sie in Ihrem Buch ausführlich beschreiben, haben die Kinder auch eine enorme Belastung zu tragen durch sogenannte Helikopter-Eltern, die sie stets überwachen und ihnen nichts zutrauen . . .

In unserer Hochglanzgesellschaft sollen Kinder perfekt sein und immer ordentlich funktionieren. Fürsorgliche Eltern aber lassen ihre Kinder scheitern, denn nur dadurch werden sie selbstständig. Das bedeutet auch, Geduld zu haben. Wenn Kinder das Gehen lernen, stehen sie auf, machen ein paar Schritte, fallen hin, lachen, stehen wieder auf und machen ein paar Schritte. Es heißt, Gehen lernen sei inzwischen noch der einzige Vorgang, bei dem Kinder scheiternd etwas lernen dürfen.