Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft?

Sorge bereitet mir in der Tat die Spaltung der Gesellschaft in Hetzende und Helfende. Dabei sind es letztlich verfeindete Geschwister und man übersieht leicht, dass alle, ganz gleich, ob links und rechts oder arm und reich, in einem Boot sitzen, nämlich dem des falschen Lebens.

Das Bild der verfeindeten Geschwister lässt an eine Familienaufstellung denken. Welche Symptome sehen Sie?

In der Familiendynamik findet es sich häufig, dass Geschwister verfeindet sind. Dann bekämpfen sie sich, sie machen sich gegenseitig schlecht und hassen sich. Meistens gibt es eine familiäre Problematik, die aber nicht gemeinsam erkannt wird. Eigentlich könnten sich die Geschwister verbünden und sagen: Wir haben schlechte Eltern und wir müssen den Aufstand wagen. Doch diese Konfrontation wird vermieden - und stellvertretend ist das Geschwisterkind der Sündenbock, der das alles abkriegt.

Wozu braucht jemand Feinde?

Menschen, die Feinde benötigen, tragen in sich Verletzungen, Kränkungen und Demütigungen, die aufgestaut sind. Und zwar zurecht, weil sie schlecht behandelt worden sind. Das konnten sie allerdings nicht austragen, weil es die Eltern oder nahe Bezugspersonen betraf, und daher mussten sie es verbergen. Doch wenn etwas verleugnet oder verdrängt ist, ist es noch immer da, nur eben aus dem Bewusstsein ausgeschaltet. Und dies verursacht einen Gefühlsstau, der sich irgendwie entladen muss. Dann melden sich beispielsweise Kopf- oder Rückenschmerzen als Zeichen dafür, dass aufgestaute Gefühlsenergie somatisiert wird. Oder man trägt es sozial aus, indem man den lästigen Nachbarn, den Partner, die ungerechten Vorgesetzten, die Flüchtlinge und den politisch Andersdenkenden beschimpft. Im falschen Leben sind immer die anderen schuld, damit man die eigene Entfremdung nicht erkennen muss. So gesehen könnte man sagen: "Jeder hält sich sein Schwein."

Hinter der Fassade eines Großmauls steckt wirklich oft das arme Würstchen, an das man nur zu gern glauben möchte?

Richtig! Die ungestillte und bedürftige Seele, die immer hinter der Fassade narzisstisch gestörter Menschen steckt, greift gern zur verbalen Keule. Das lässt sich tagtäglich an Politikern wie dem US-Präsidenten Donald Trump oder dem türkischen Staatschef Tayyip Erdogan beobachten. Bei beiden ist die Störung ja offenkundig. Aus normopathischer Sicht stellt sich die Frage: Was geht in den Menschen vor, die solche Führungspersönlichkeiten wählen?

Nämlich?

Die Politiker werden zu Rettern und Erlösern stilisiert, um eigene Probleme und die gesellschaftliche Krise nicht wahrnehmen zu müssen.

Auffallend ist, dass viele nur noch glauben und fühlen. Warum wird so erbittert über die Wahrheit gestritten?

Weil jeder, der einen kritischen Blick auf die gesellschaftliche Situation wirft, eine ernst zu nehmende Gefahr darstellt. Aus diesem Grund muss alles Kritische diffamiert werden.

Was ist die Wahrheit?

Die Wahrheit wäre doch: So können wir nicht weiterleben. Denn die Ungerechtigkeiten nehmen immer weiter zu, die Umweltzerstörung wird größer, die Terrorgefahr wächst und wir befinden uns mitten in der Flüchtlingskrise. Wer all das thematisiert, bringt etwas sehr Ernstes auf die Bühne. Und das wird von der Mehrheit heutzutage nicht gewünscht. Im Grunde müssten wir jedoch sagen: Unsere bisherige Lebensform ist zu Ende.

Das klingt sehr düster.

Das stimmt. Ich bin durchaus pessimistisch hinsichtlich solch hoher Werte wie Frieden, soziale Gerechtigkeit und Demokratie, die meiner Überzeugung nach über kurz oder lang zerstört werden, wenn sie nicht auf innerseelischem Frieden und innerer Demokratie beruhen. Wir müssen begreifen, dass äußere Demokratie nur ein wackliges Gerüst bleibt, solange keine innere seelische Demokratisierung erfolgt. Es wäre daher sehr wichtig, dass wir lernen, uns zu verändern.

Was verstehen Sie unter seelischer Demokratisierung?

Für mich ist das Feindbilddenken, das immer mehr um sich greift, ein klares Anzeichen für mangelnde seelische Reife und Selbsterkenntnis. Nur wer seine unangenehmen seelischen Anteile, also auch Ängste, Fehler, Schwächen und die eigenen Lügen kennt und lernt, damit verantwortlich umzugehen, erlangt innerseelische Demokratie. Äußere Demokratie benötigt Feinde, um von der inneren Spannung abzulenken. Die Verweigerung der jeweiligen individuellen Heilung liefert die energetische Munition für das neue Freund-Feind-Denken. Das lässt sich im Privaten wie auf der internationalen politischen Bühne bestens beobachten.

Gibt es deshalb Menschen, die sich angeblich sogar lieber Stromstöße verpassen, als sich mit ihrem Innenleben zu befassen?

So ist es. Weil der Blick nach innen für viele sehr belastend ist und man dort sogenannte seelische Minderheiten vorfindet, das heißt all das, was Angst macht, was verletzt hat, was peinlich und unangenehm war und ist. Dort, wo der Hass schmort, ist der Blick nach innen verbarrikadiert. Je mehr verborgen sein muss, desto größer ist die Abwehr. Viele Menschen haben sich mühevoll ein Ersatzleben antrainiert, um frühe Kränkungen irgendwie auszugleichen. Froh ist derjenige, der es halbwegs geschafft hat, sich abzulenken. Schauen Sie sich doch nur um!