Sie meinen all die Menschen um uns herum, die auf ihre Smartphones starren?

Zum Beispiel. Worum es mir geht, ist die Ablenkung, an die das falsche Leben gebunden ist. Die Medienwelt ist meiner Meinung nach nichts anderes als die größte Arena für Ersatzgefühle.

Was sind Ersatzgefühle?

Denken Sie doch bloß an den Fußball. Wie die Leute sich erregen, weinen und schreien vor Freude und Begeisterung.

Was ist daran so schlecht?

Eigentlich nichts, es ist eine schöne Ablenkung.

Also?

Aber die heftigen Gefühle sind im Grunde genommen absurd! Es geht schließlich um einen Ball und nichts weiter.

Sie sind eindeutig kein Fan!

Um Gottes willen, nein! Der Fußball wird benutzt, um die aufgestauten Affekte der Freude, der Begeisterung, ebenso wie die der Trauer abzuführen. Es ist also wie ein Überdruckventil des Gefühlsstaus.

Aber das ist doch gut!

Ja, erst mal! Zweifellos ist es entlastend, aber es wird ja nicht in einen stimmigen Zusammenhang zu den wirklichen Gefühlen gebracht. Sondern der Fußball wird vielmehr benutzt, ihm wird etwas "angehängt", was ich an Sehnsucht oder Ärger loswerden will. Warum weint man, wenn eine Mannschaft verliert? Ersatzgefühle wirken peinlich und aktivieren beim anderen Fremdschämen, während echte Gefühle uns sehr berühren, aber leider in unserer Kultur ein Stiefkind-Dasein führen. Doch nur über die Fähigkeit zu Gefühlen finden wir zu einem echteren Leben.

Woran erkenne ich das echte
Leben?

Es geht um das Übereinstimmen eines inneren Zustandes mit der äußeren Realität. Ein echtes oder wahres Leben existiert nicht als erreichbares Ziel, sondern immer nur für Augenblicke. Das wahre Leben ist in diesem Zusammenhang immer subjektiv, dynamisch und situationsgebunden. Wenn ich mich darum bemühe, kann ich Situationen erleben, in denen ich das Gefühl habe: Jetzt stimmen meine Möglichkeiten mit dem überein, was ich äußerlich lebe oder leben muss. Dann entsteht eine Resonanz zwischen meinem inneren Befinden und der äußeren Realität.

Wie steht es um Ihre eigene Selbstentfremdung?

Oh, die ist groß. Sehen Sie, die Zeit des Nationalsozialismus habe ich noch als Kleinkind erlebt, meine Familie wurde vertrieben und später bin ich durch die autoritär-repressiven Verhältnisse in der DDR eingeschüchtert worden. Mein ganzes Leben bis hin zur Berufswahl dient dem Bemühen, meine eigene Selbstentfremdung zu mildern. Von Überwindung würde ich nicht sprechen, weil sich sehr früh entstandene Störungen nicht beseitigen lassen. Würde ist für mich ein wichtiger Begriff. Ich bin der Überzeugung, dass mir keiner meine Würde geben kann und letztendlich keiner wirklich nehmen kann. Und Würde heißt für mich, vor allem mich um mein Inneres zu kümmern, um Selbst-Entfremdung zu überwinden.