Gegen die Macht der großen Konzerne wirkt die Politik kraftlos.

Ich glaube nicht, dass die Politik überhaupt noch sehr viel Macht hat. Gesetze werden ja systematisch gebrochen. Es geht eher um die Haltung der Firmenchefs. Die müssen zurückkommen zu einem Verständnis von Führung, zu Vorbildfunktion und Authentizität. Sie müssen endlich Verantwortung übernehmen für die gigantischen Unternehmen, die sie heute leiten. Und sie müssen sich fragen, wie sie die Sozialsysteme und die Geschäftsmodelle gestalten können, sodass das, was da entsteht, im Dienste der Menschen, Mitarbeiter, Kunden und der Gesellschaft ist. Wenn sie aber schwache und unauthentische Kofferträger sind, ohne Visionen, völlig neben sich stehen und nur noch funktionieren wie die Hamster im Rad, dann ist das ein Problem.

Das klingt sehr idealistisch.

Bei all dem Negativen, das uns heute umgibt, habe ich das Gefühl, dass die Gesellschaft immer mehr aufwacht. Es ist schön, wenn Menschen anfangen, sich nicht mehr verführen zu lassen. Es ist mutig, mit wenig Geld ein echtes und ehrliches und natürliches Leben führen zu wollen. Je mehr unsere Gesellschaft in diese Richtung geht, desto besser ist es. Viele Studien zeigen, dass Firmen mit ethischen Führern langfristig eine bessere Performance an den Börsen haben als Firmen, die von kurzfristig denkenden Psychopathen geführt werden. Es gibt auch unter den CEOs der großen Internet-Konzerne kluge Köpfe.

Versprechen wir uns da nicht zu viel vom Silicon Valley? Sollten die Vordenker nicht lieber aus der - möglichst unabhängigen - Wissenschaft kommen?

Da stimme ich Ihnen zu. Und zwar, weil wir an der Universität die Geschichte und die großen Zusammenhänge sehen. Wir haben mehr Zeit, nachzudenken, und wir können auch langfristiger denken. Aber unsere Aufgabe ist nicht, im stillen Kämmerlein vor uns hinzudenken, sondern das Denken in die Gesellschaft hineinzutragen.