Wiener Zeitung:Herr Achleitner, vor kurzem gab es eine Neuauflage Ihres erstmals im Jahr 1973 publizierten "quadratromans". Ist das als eine Art Renaissance der Texte von Dichtern der legendären "wiener gruppe" zu verstehen?

Friedrich Achleitner: Sagen wir so: In diesem Fall war es eher ein Zufall. Als ich im Rahmen einer Vernissage im Atrium der Österreichischen Beamtenversicherung Auszüge aus dem "quadratroman" las, entstand von Seiten der Generaldirektion spontan die Idee, dieses vergriffene Buch neu aufzulegen. Inhaltlich und optisch blieben die Texte ident.

Das heißt, jede Seite entspricht nach wie vor einer Art Grafik. Was die Frage aufwirft, ob dieser Textband Ihre beiden Professionen - Sprache und Architektur - zum Ausdruck bringt?

Mit Architektur würde ich den "quadratroman" nicht in Zusammenhang bringen. Höchstens indirekt. Die Idee dazu entstand 1972 in Berlin, als ich im Zuge eines einjährigen Stipendiums endlich wieder Zeit für Literatur fand. Gleichzeitig schrieb ich ein wenig für die Schweizer Zeitschrift "Bauen und Wohnen", von der ich einen Stapel von Umbruchpapier mitnahm. Auf diesen Bögen waren abgesetzte Quadrate gedruckt. Und mit der Zeit begann ich in diesen Quadraten - und drumherum - Texte zu notieren.

Das Quadrat ist sozusagen die Hauptfigur.

So ist es. Eben eine Art visuelle Poesie, die aber, wie gesagt, nichts mit Architektur zu tun hat.

Umgekehrt gefragt: Gibt es Ihrer Ansicht nach - im übertragenen Sinn - eine Sprache der Architektur?

Alles, was in irgendeiner Form lesbar ist, etwa auch Spuren, hat eine Analogie zur Sprache. Allerdings kann Architektur naturgemäß das nicht, was Sprache kann, nämlich Dingen präzise Bedeutungen verleihen. Die Elemente in der Architektur sind mehr vom Kontext abhängig. Bestes Beispiel dafür ist die griechische Säule, die gut 2000 Jahre symbolisch verwendet wurde - bis hin zur Revolutionsarchitektur, aber auch bis zum Nationalsozialismus oder Sozialistischen Realismus. In diesem Sinn ist Architektur weniger Sprache als nonverbale Mitteilung.

Architektur - verstanden als Zeichensetzung?

Genau. Zeichen sind immer lesbar und mit Bedeutungen beladen. Aber trotz dieser Abgrenzung zwischen Architektur und Sprache gibt es natürlich auch die sogenannte narrative Architektur. Bauten, etwa von Hundertwasser, sind überwiegend narrativ, also erzählend, gehen von der Architektur in Richtung Surrealismus. Aber das Hauptanliegen von Architektur ist keine sprachliche Mitteilung. Das ist klar.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Satz von Konrad Bayer ein: "gebt mir einen bogen papiers eine (neue) welt zu bauen".

Das war prinzipiell ein Zugang der "wiener gruppe" zur Sprache, weil wir der Meinung waren, dass Sprache Wirklichkeit nicht abbilden kann. Die Sprache erreicht die Wirklichkeit nicht. Wir waren aber der Ansicht, dass man mit Sprache eigene Wirklichkeiten erzeugen kann. Das heißt, dass Sprache per se zur Erzeugung von intermedialen Wirklichkeiten prädestiniert ist. In diesem Kontext spielt übrigens der Dialekt eine große Rolle, weil sich im Dialekt ganz andere Dinge vermitteln lassen als in der sogenannten konstruierten Hochsprache. Dasselbe gilt für Fachsprachen. Zwei Tischler können sich auf eine Weise unterhalten, die ihre Arbeitswirklichkeit punktgenau trifft. Aber das funktioniert eben nur, wenn zwei Menschen den gleichen Bildungsstand, die gleiche konkrete Nutzung von Sprache haben. Andernfalls versteht jeder Mensch etwas anderes, wenn es um abstrakte Dinge geht. Es ist beispielsweise sehr schwierig, mit jemandem über Japan zu sprechen, der noch nicht dort war. Bestimmte Informationen sind einfach nicht vermittelbar. Um wirklich zu wissen, wovon die Rede ist, muss man den ganzen Kontext eines Gegenstands kennen und erlebt haben.

Der "wiener gruppe" ging es somit weniger um das Experiment, sondern vielmehr um die Erzeugung einer neuen Wirklichkeit via Sprache?

Das war unsere Position, mit Sprache oder besser gesagt mit Sprachen Dichtung zu machen, etwas Neues zu kreieren, das selbst eine Art von Wirklichkeit ist. Speziell H. C. Artmann war ein Multi-Sprachmensch. Aus diesem Grund haben wir uns auch gegen den Begriff Experiment gewehrt, weil das im wissenschaftlichen Sinn die Bezeichnung für eine Versuchsanordnung mit unsicherem Ausgang ist. Hingegen: Wenn man mit Sprache experimentiert, weiß man ja, was man will und was letztlich herauskommen soll. Insofern ist "experimentelle Dichtung" ein missverständlicher Begriff.

Andererseits waren nicht zuletzt die Gemeinschaftsproduktionen ein Markenzeichen der "wiener gruppe", wobei vieler dieser Arbeiten auf Montagetechniken basierten. War da nicht bisweilen sehr wohl auch der Zufall im Spiel?

Doch, aber als experimentell kann man es dennoch nicht bezeichnen, weil jede Entscheidung für einen Satz eine bewusste Entscheidung war. Selbst wenn man wahllos ein Konversationslexikon aufschlug, um einzelne Sätze herauszuholen, musste eine Beziehung zum vorhergehenden Satz gegeben sein. Natürlich war in diesem Zusammenhang Wittengenstein für uns alle sehr wichtig, weil uns erstmals klar wurde, dass ein Wort an sich wenig Bedeutung besitzt. Jedes Wort verändert seine Botschaft oder Semantik in der konkreten Situation, in der es gesprochen oder geschrieben wird. Diese Erfahrung war für uns extrem spannend. Damit bekam das Schreiben einen starken handwerklichen Bezug.