Wiener Zeitung:Es wird einem ja nicht in die Wiege gelegt, Bischof zu werden. Welche geistliche Laufbahn hat Sie in dieses Amt geführt?

Michael Bünker: Also, die evangelische Tradition ist mir schon in die Wiege gelegt worden. Seit vier Generationen sind die Bünkers Pfarrer in Kärnten, die Situation der nicht so kleinen evangelischen Minderheit in Oberkärnten habe ich von Kindheit an mitbekommen. Was ich auch mitbekommen habe, ist eine gewisse Intellektualität, die für das evangelische Pfarrhaus typisch ist, in dem es immer viele Bücher gibt. Aber die Pfarrer waren in Kärnten auch diejenigen, die tarockieren konnten. Sie merken schon, dass ich nicht aus dem strengen Pietismus stamme, sondern aus dem liberalen Kulturprotestantismus. Man muss aber hinzufügen, dass dieses Milieu für nationales Gedankengut anfällig war. In den dreißiger Jahren hatte die evangelische Kirche in Österreich eine gewisse Affinität zum Nationalsozialismus. Das weiß ich aus meiner eigenen Familiengeschichte.

Die Bibel in Martin Luthers Übersetzung ist die Grundschrift des evangelischen Glaubens. Foto: Wikimedia
Die Bibel in Martin Luthers Übersetzung ist die Grundschrift des evangelischen Glaubens. Foto: Wikimedia

Was hat Sie dann von Kärnten weggeführt?

Nach der Schule bin ich zum Studium nach Wien gegangen, und habe es sehr genossen. Von meinen theologischen Lehrern möchte ich vor allem Wilhelm Dantine erwähnen, der als großer Dogmatiker auch international bekannt war. Außerdem hörte ich Kurt Lüthi, der uns mit dem Judentum, dem christlich-marxistischen Dialog und auch dem Feminismus vertraut gemacht hat. Ich kann mich noch gut an die Aufregung um Lüthis Buch "Gottes neue Eva" erinnern. Ich habe dann über ein Thema aus dem Neuen Testament promoviert. Die Exegese war immer meine Leidenschaft. Ich glaube, dass ein großer Vorteil des Protestantismus im wissenschaftlichen Umgang mit der Heiligen Schrift liegt. Er ist ein wesentliches Instrument, um die Gefahr des Fundamentalismus zu bannen. Ich würde mir wünschen, dass alle Religionen mit ihren heiligen Schriften auch kritisch umgehen.

Und wie wurde aus der Berufung ein Beruf?

Zuerst habe ich Religion unterrichtet, was mir von Anfang sehr viel Freude gemacht hat, dann war ich Vikar, später Pfarrer und schließlich bin ich zum Direktor der Religionspädagogischen Akademie in Wien berufen worden, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Der Religionsunterricht hat gerade in der Grundschule großen Reiz. Heute wissen ja viele Kinder nicht mehr, was ein Kreuz bedeutet oder was zu Weihnachten außer einem rotnasigen Rentier noch gefeiert wird. Es ist schon ein besonderes Geschenk, wenn man diesen Kindern das Evangelium nahe bringen kann.

Seit 1999 war ich als Oberkirchenrat vor allem für den Religionsunterricht und die Ökumene zuständig. Am 1. Jänner wechsle ich nun in mein neues Amt als Bischof. Dieses Amt wurde mir allerdings nicht in die Wiege gelegt, zumal es gar nicht selbstverständlich ist, dass es einen evangelischen Bischof überhaupt gibt.

Wieso das?

Wir haben dieses Amt erst seit 1940, die längste Zeit ihrer Geschichte ist die evangelische Kirche ohne Bischof ausgekommen, und das ist auch gut gegangen.

Wie möchten Sie dieses Amt nun ausfüllen?

Der Bischof hat gemeinsam mit der Synode dafür zu sorgen, dass die Kirche ihre Identität wahrt und erkennbar bleibt. Die evangelische Kirche ist in sich vielfältig, manchmal auch widersprüchlich. Aber eben deshalb ist es wichtig, dass es eine Instanz gibt, die versucht, die Gemeinsamkeit sicherzustellen. Übrigens kann der Bischof bei uns auch eine Bischöfin sein. In Deutschland gibt es mittlerweile drei Bischöfinnen in lutherischen Kirchen und eine in der methodistischen Kirche.

Ist der Eindruck richtig, dass die evangelische Kirche zurzeit darum bemüht ist, ihre Konturen zu schärfen und sich vom Katholizismus abzugrenzen?

Die Vielfalt der christlichen Kirchen sollte man nicht ablehnen. Die Trennung in verschiedene Konfessionen ist kein Skandal. Sie wird nur zum Problem, wenn daraus wechselseitige Ablehnung und Feindschaft erwachsen.

Was zwischen Katholiken und Protestanten oft der Fall gewesen ist.

Ja, es war lange das Normale. Deswegen ist es umso mehr zu bedauern, dass es Rom nicht möglich ist, die protestantischen Kirchen als solche anzuerkennen. Das ist eine Last, die aus der Geschichte kommt. Aber ich bin zuversichtlich, dass sie einmal überwunden werden kann.

Freilich spricht man allgemein davon, dass wir mit der sogenannten "Konsensökumene" in vielen Punkten nicht weiterkommen. Die Kirchen unterscheiden sich in der Frage, wie man das Sakrament des Abendmahls versteht, theologisch nicht voneinander. Aber dieser theologische Konsens hat keine praktischen Konsequenzen. Deshalb muss man überdenken, wie es mit der Ökumene weitergehen kann und soll.

Wie beurteilen Sie die neue Enzyklika von Papst Benedikt XVI.?

Die Enzyklika "Spe Salvi" ist eine beeindruckende Meditation zum Thema der christlichen Hoffnung. Sie steht auf hohem theologischen und intellektuellem Niveau, wie es für Papst Benedikt typisch ist. Die Berücksichtigung der biblischen Grundlagen ist für Evangelische erfreulich. Der Papst bemüht sich überzeugend, nachzuweisen, dass die rein materialistischen und marxistischen Fortschrittideologien Irrwege sind. Für die Ausgestaltung der christlichen Hoffnung nicht nur für den Einzelnen, sondern für die gesamte Schöpfung hätten sowohl katholische wie evangelische theologische Ansätze (Theologie der Hoffnung, Befreiungstheologie usw.) stärker berücksichtigt werden können. So bleibt die Enzyklika letztlich sehr auf das Individuum konzentriert. Aber insgesamt ist dies ein Text, der auch von Evangelischen mit großem Gewinn gelesen werden kann.