"Wiener Zeitung": Herr Roth, Sie sind nun bald 75 Jahre alt. Sieht man die Welt, aber auch das eigene Land sowie das eigene Metier, in Ihrem Fall also das Schreiben und den deutschspra-chigen Literaturbetrieb, mit anderen, milderen Augen, als noch vor 10 oder 20 Jahren?

Gerhard Roth: Milder sehe ich nichts, nur die Zeiteinteilung wird eine andere. Die Fähigkeit, mehrere Sachen gleichzeitig zu tun, nimmt ab, ebenso verkümmert allmählich das Namensgedächtnis. Ich muss öfters Wikipedia aufrufen. Vor allem konzentriere ich mich auf meine Arbeit, weil ich Pläne, die ich habe, noch umsetzen möchte. Und ich brauche jetzt Erholungsphasen, die es frü-her nicht gegeben hat, aber es gelingt mir nicht, an nichts zu denken. Ich habe den Eindruck, die politische Lage auf der ganzen Welt ist permanent in Bewegung, wie es dem Menschen entspricht, sie verschlechtert und verbessert sich einmal mehr in die eine Richtung, dann in die andere. Die Menschen empfinden mehr Gleichgültigkeit, Gier und Hass als sie den Frieden lieben. Durch die sozialen Netzwerke erhalten wir einen andauernden Hagel an Informationen aus aller Welt. Wir haben tonnenweise Nachrichten, die wir nicht mehr erfassen kön-nen.

Dabei kommt vor allem das Üble im Menschen zum Vorschein. Lesen Sie die anonymen Postings und Sie stoßen auf ein weites Feld aus Neid, Hass, Besserwisserei, Verleumdung, Mobbing, und was es sonst noch an Erbärmlichkei-ten gibt. Es sind Röntgenbilder der menschlichen Seele und sie sehen alle gleich aus: aufmarschierende Wortsoldaten im Gleichschritt. Der geheime Hass wohnt in der Brust und braucht ein Ventil. Sobald es mit der Wirtschaft bergab geht und die Sozialgesetze beschädigt werden, halte ich auch neue Diktaturen für möglich. Über Österreich habe ich gesagt, was zu sagen war. Ich lebe trotz allem gerne hier - auch wenn mir vieles nicht gefällt.

Macht Ihnen die zunehmende Digitalisierung der literarischen Sphäre Angst im Hinblick auf die Zukunft der Literatur? Die digitalen Medien reduzieren ja nicht nur das Interesse an Literatur bei jungen Leuten, auch viele angestammte Leser verbringen ihre Zeit lieber mit der Lektüre von Blogs oder anderen Webangeboten, anstatt mit einem Buch . . .

Ich kann ohne Bücher nicht auskommen. Über die Probleme mit der zunehmenden Digitalisierung denke ich nicht nach. Es wird immer Menschen geben, die Bücher lesen wollen. Ein E-Reader ist etwas Zauberhaftes, wenn keine Bücher vorhanden sind, aber ich vertrage das Lesen auf einem Bildschirm, wenn es länger dauert, wegen Augenschmerzen nicht.

Ich möchte die Bücher, die mir etwas bedeuten, in den Händen halten, Seiten umblättern, vielleicht eine Notiz machen. Wenn es in meinem Leben um etwas gegangen ist, hatte ich immer die Reclam- oder Manesse-Ausgabe eines Buchs eingesteckt: Auszüge aus der "Göttlichen Komödie" von Dante Alighieri, "Gullivers Reisen" von Swift, Kafkas Erzählungen. Ich spüre dann, dass es die andere, die zweite oder dritte oder vierte Welt gibt und nicht nur die eine, die wir WIRKLICHKEIT nennen. Es gibt ja auch nicht nur eine Dimension.

Nach den beiden Erzählzyklen "Die Archive des Schweigens" (1980-1991) und "Orkus" (1995-2011) haben Sie nur mehr sozusagen alleinstehende Romane geschrieben. Konstituieren diese Ihr "Alterswerk"?

Ich denke nicht in solchen Kategorien. Jede künstlerische Tätigkeit ist Tag für Tag ein Neubeginn. Bei aller Vorausplanung entwickelt sich etwa ein Buch zumeist nicht so wie vorgesehen. Ich schlage, sobald mir beim Schreiben eine Idee kommt, oft Wege ein, der Ablauf verselbstständigt sich dann und treibt mich in eine andere Richtung.

Bei jeder neuen Arbeit bin ich ein Anfänger. Ich bin nicht der, den die Menschen wahrnehmen, sondern ein Niemand, der sich durch die Arbeit zum Leben erweckt und der ich bleiben muss, wenn ich weiterarbeiten will. Ich kann nicht aus eingebildeter Stärke mit apodiktischem Selbstbewusstsein wie ein schlechter Mittelschulprofessor arbeiten. Meine Bücher entstehen aus dem Blickwinkel der Schwäche.

Arbeiten Sie derzeit an einem neuen Roman?

Ja, an einer Venedig-Trilogie. Der erste Band, "Die Irrfahrt des Michael Aldrian", erscheint im September, am zweiten Band schreibe ich gerade und der dritte ist in Planung. Alle drei sind Verbrechensromane, es geht um das irdische Paradies, Mord, Gott und Teufel.

Warum ist Ihnen Venedig als Schauplatz so wichtig? Wegen der literarischen Tradition, welche die "Serenissima" in der deutschsprachigen Literatur be-sitzt?

Ich war sehr oft in Venedig und habe jedes Mal etwas Neues entdeckt. Venedig ist, wie keine andere Stadt, "die Welt in einer Nussschale", wie man sagt. Es ist von Atlantis bis zu den Flüchtlingen der Gegenwart durchtränkt mit europäischer Geschichte. Man findet einfach alles, vom Dogenpalast, der mit seinen "himmlischen Sälen" und den "infernalischen Gefängnissen" doppelgesichtig ist, über die Pestseuchen oder das erste jüdische Ghetto, die zahlreichen Kirchen, die Kunst, die Literatur und die Musik bis zum einzigartigen Staatsarchiv und dem ehemaligen "Irrenhaus" in San Servolo. Natürlich hat mich auch Thomas Manns "Tod in Venedig" fasziniert, aber die deutschsprachige Literatur spielt für mich dabei keine Rolle. In erster Linie sind es Kunst- und Sachbücher die ich lese, und natürlich auch Historisches. Venedig habe ich seit meinem 1978 erschienenen Roman "Winterreise" im Kopf, ohne lange Zeit zu wissen, was dabei herauskommt.