Warum sind Österreichs Freimaurer nicht offensiver und beteiligen sich etwa an der allgemeinen Wertediskussion?

Ich tue das - als Georg Semler. Was ich in der Öffentlichkeit äußere, ist meine persönliche Meinung. Denn es gibt keine Meinung der Großloge von Österreich. Zu keinem Thema. Wir haben 3600 Mitglieder, die sich gegenseitig das Recht einräumen, unterschiedlicher Meinung zu sein. Ich kann gar keine 3600 Meinungen zusammenfassen. Wir sind keine Partei, keine NGO, wir haben idealisierte Ziele. Was das für die einzelne Problemstellung bedeutet, kann nur jeder für sich formulieren.

Es herrschen aufklärerische Grundwerte wie Toleranz, Humanität, Freiheit, Gleichheit, gleichzeitig sind alle politischen Ideologien vertreten. Wie passt das zusammen?

Alle möglichen Ideologien sind nur dann vertreten, sofern sich derjenige auf unsere Grundwerte verständigen kann. Damit fallen politische Strömungen weg, die Absolutheitsansprüche, extreme oder diktatorische Positionen haben, nur manche Menschenrechte respektieren und andere als störend empfinden. Bei uns hat nur jemand Platz, der alle Menschenrechte akzeptiert.

Potenzielle Mitglieder können auch abgelehnt werden.

Natürlich.

Das Vorgehen ist so, dass man sich entweder aktiv dafür interessiert, oder man wird gefragt. Das erweckt den Eindruck eines elitären Zirkels.

Wenn Sie elitär im Sinn von hohen moralischen Ansprüchen meinen, freue ich mich, dass ich hier Mitglied bin. Wenn Sie elitär so definieren, dass ich vermögend bin, eine schwarze Kreditkarte bekomme oder Generaldirektor sein muss, sehe ich uns gar nicht als elitär. Die Struktur der Mitglieder ist ganz unterschiedlich. Grundsatz ist: Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, die guten Willens sind, die das Leben aber nicht zusammengeführt hätte: Intellektuelle, Künstler, auch Handwerker, vielleicht keine Fliesenleger, aber Goldschmiede . . .

. . . Fliesenleger würden Sie nicht nehmen?

Ich hätte kein Problem damit. Wenn jemand die Voraussetzung dafür hat, an sich zu arbeiten, ist der ausgeübte Beruf völlig gleichgültig. Unsere Kernbotschaft ist: Veredle dich selbst, solange, bis dein rauer Stein besser in die Welt passt. Diese Voraussetzung ist eher bei Menschen anzutreffen, die gewohnt sind, geistig zu arbeiten. Es gibt überhaupt keine soziale Schranke, insbesondere was die wirtschaftliche Situation betrifft. Brüder, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind, werden von der Gemeinschaft mitgezogen. Dann wird der Stuhlmeister eine Lösung finden, dass niemand sein Gesicht verliert. Voraussetzung ist die Einstellung. Sonst hat er nichts davon, und wir haben auch nichts von ihm.

Was wollen Sie davon haben?

Offenheit, Haltung.

Die Brüder sollen an sich arbeiten, bis der Stein glatt ist, was aber nie erreicht werden kann.

Es ist ein idealisierter Zustand. Hier am Tisch haben wir einen schönen metaphorischen Stein: An dieser Stelle ist alles rau. Wenn alle sechs Seiten so glatt sind wie hier, kann der Stein nahtlos mit anderen glatten Steinen eingefügt werden in den - wie wir sagen - "Bau der allgemeinen Menschenliebe".

Hat die Allgemeinheit auch etwas von der Freimaurerei?

Ich glaube, die Allgemeinheit hat sehr viel davon.

Warum ist dann die Freimaurerei nicht präsenter, wo doch derzeit viele in der Bevölkerung meinen, die allgemeine Moral liege darnieder.

Warum sind Sie sich so sicher, dass nicht viele Brüder an vielen Stellen versuchen anzuschieben?

Ich bin mir da gar nicht sicher.

Eben. Diese Brüder treten nur nicht vor die Presse und erklären, das oder jenes müsste gemacht werden. Sie tun das in ihrer jeweiligen beruflichen Position. Es gibt Menschen, die zum moralischen Gewissen im Land zählen, ob sie von Beruf Journalisten, Autoren oder etwas anderes sind, und diese lassen ihr freimaurerisches Gedankengut einfließen. Dass die Gesellschaft nur von Toleranz, Humanität und sozialer Rücksichtnahme geprägt ist, wird ein idealisierter Zustand bleiben. Aber jede Veränderung in diese Richtung ist ein kleiner Fortschritt.

Hat die Freimaurerei eine größere Tragweite als etwa der Rotary Club?

Wir machen auch karitative Aktionen. Aber uns genügt es, dass ein Rettungswagen, für den wir gespendet haben, fährt. Es muss nicht draufstehen, wer ihn zum Fahren gebracht hat, wie etwa bei den Rotariern. Das gehört zu unserem Selbstverständnis, dass man nicht ständig in der Öffentlichkeit steht und sich auf die Schulter klopft.

Ist die Freimaurerei in 300 Jahren so zahnlos geworden, dass sie keine Feinde mehr hat?

Solange es in Teilen der österreichischen Bevölkerung möglich ist, in einer politischen Auseinandersetzung um das Amt des Bundespräsidenten dem anderen Kandidaten Freimaurer-Verbindungen vorzuwerfen, müssen wir uns um unsere Feinde nicht kümmern. In einer Zeit, wo komplizierter werdende Abläufe von manchen Politikern mit einfachen Antworten erklärt werden, indem Ausländer, Freimaurer oder andere sogenannte Weltverschwörer als Schuldige ausgemacht werden, ist es kein einfaches Unterfangen, Informationen über die Freimaurerei bereitzustellen.

Sie sagten, Freimaurer wollen auch etwas davon haben, wenn jemand Bruder wird. Kann Geschäftemaurerei ausgeschlossen werden?