Wiener Zeitung: Herr Macho, für 2008 ist ihr neues Buch, "Weihnachten. Kindsmord und Zeitenwende", angekündigt. Darin bezeichnen Sie Weihnachten als Symptom. Wie ist dieses Symptom zu verstehen?

Thomas Macho: Die Formulierung, Weihnachten sei nicht nur ein Fest, sondern auch ein Symptom, verweist auf eine kulturelle Auseinandersetzung mit Problemen, die mit dem Fest vordergründig nichts zu tun haben. Bei meinen Forschungen zur Geschichte des Weihnachtsfestes bin ich - zu meiner Überraschung - immer wieder darauf gestoßen, dass im Zusammenhang mit Weihnachten über den Tod von Kindern erzählt wird. Dieses Thema wird regelmässig umkreist. Manchmal wird es aggressiver pointiert, wenn etwa von der Ermordung von Kindern erzählt wird, manchmal trauriger und manchmal triumphal, wenn der Tod der Kinder verhindert wird.



Worin liegt der Ursprung der Verknüpfung von Weihnachten und Kindstoden?

Begonnen hat meine Untersuchung zu Weihnachten mit der Frage: Warum wird das Fest zu diesem Zeitpunkt gefeiert? Erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 n. Chr., an dem neben den Bischöfen auch Kaiser Konstantin im Ornat des Sonnenkaisers teilnahm, wurde beschlossen, das Weihnachtsfest am Tag des Sol invictus , am 25. Dezember, zu feiern. Das Fest der unbesiegten Sonne, das Kaiser Aurelian 274 n. Chr. eingeführt hatte, sollte der Wintersonnenwende ein kultisches Gewicht verleihen, zugleich aber die Kaiser als Repräsentanten der Sonne inszenieren. Ein anderes Vorläuferfest waren die Saturnalien und das führt uns bereits auf eine merkwürdige Spur. Saturn ist die römische Version des griechischen Gottes Kronos und Kronos wiederum ist jener Gott, der seine Kinder verschluckt hat. Kronos und Saturn werden in der Spätantike häufig mit Erzählungen von Kindsopfern verknüpft. Vor allem den Karthagern wurde nachgesagt, dass sie ihre Neugeborenen im Moloch, einem bronzenen Feuerofen in Stiergestalt, einer Gottheit opferten, die mit Saturn assoziiert wurde. Immerhin gibt es selbst im Weihnachtsevangelium eine Spur des Kindsmords: Bei Matthäus wird im Umfeld der Geschichte der drei Magier auch vom Massaker unter den betlehemitischen Kindern berichtet. Und gerade diese Geschichte hat eine umfangreiche Tradition geprägt.

Was ist an diesen Geschichten Mythos und was Wahrheit?

Historisch ist der bethlehemitische Kindermord nicht geschehen. Auch bei den Karthagern ist sich die Forschung nicht sicher, ob es sich wirklich um Opferpraktiken handelte oder vielleicht nur um nachträgliche Kremationen und einen Totenkult um früh verstorbene Kinder. Doch für meine Untersuchung hat diese Differenz keine entscheidende Bedeutung. Mich interessiert vielmehr, warum das Phantasma des Kindstods und Kindsmords überhaupt so dominant werden konnte - ausgerechnet in der Weihnachtszeit, in der es um Frieden und Versöhnung gehen soll.

Sie sprachen von einer umfangreichen Tradition der Kindsmord-Geschichten . . .

Die Geschichte vom betlehemitischen Kindermord war ein einflussreiches Sujet in der europäischen Malerei, ebenso innerhalb der Weihnachtsspiele, die manchmal sogar Herodesspiele hießen. Bei den Zipsern in Rumänien hat sich diese Tradition bis heute erhalten. Nach der Aufklärung werden die Erzählungen über Kindsmord und Kindstod keineswegs abgebrochen. Sie werden wieder aufgegriffen etwa in Weihnachtserzählungen wie "A Christmas Carol" von Charles Dickens, in dem an einem zentralen Punkt vom kranken Kind des Buchhalters Bob Cratchit erzählt wird, das durch den Geiz des Ebenezer Scrooge fast zu Tode kommt. Oder nehmen Sie das Gespräch über die "Weihnachtsfeier", das der Theologe Friedrich Schleiermacher in der Tradition der platonischen Dialoge geschrieben hat. Prompt geht es wieder um einen Kindstod, der im letzten Augenblick verhindert wird; es stellt sich heraus, dass das Kind doch nicht sterben wird. Eines der prominentesten Beispiele gehört schon zur Filmkultur der Gegenwart, das sind die "Kevin"-Filme. Ein Kind wird ausgerechnet zu Weihnachten allein gelassen und mit Gangstern und Gaunern konfrontiert, die manchmal direkt dämonische Gestalt annehmen. Der Junge setzt sich zwar durch, aber zunächst repräsentiert er ein Kind, das vom Tod bedroht wird - im Schein von Weihnachten.

Nannten Sie Weihnachten deswegen ein "unheimliches" Fest?

Dass es ein unheimliches Fest ist, lässt sich auch ohne meine Analyse ganz gut nachvollziehen. Die Quatembernächte, die Losnächte zwischen Heiligabend und dem Dreikönigsfest waren schon in der mittelalterlichen Kultur bekannt; an ihnen konnte man den Dämonen in Gestalt des wilden Heeres, der wilden Jagd, leicht begegnen. In Süddeutschland oder Österreich war es üblich, am Heiligabend auf den Friedhof zu gehen, bevor man den Weihnachtsbaum illuminierte - um die Toten explizit mit einer kleinen Gabe, mit einem Reis- oder Milchschälchen am Grab versöhnlich zu stimmen. Die unheimliche Seite von Weihnachten wurde immer wahrgenommen.

Weihnachten fasziniert mich gerade - und deswegen die Rede vom Symptom - weil es ein Fest ist, das eine tiefe Ambivalenz ausstrahlt. Was auf der einen Seite zu sehen ist, nämlich Friede, Versöhnung und eine ganz bestimmte Form von feierlichem Familienglück, steht buchstäblich im Kontrast zu Mord und Totschlag. Es gibt eine Tradition von Bloody-Christmas-Krimis, die diesen Kontrast mit großer Begeisterung für das Detail ausmalen; es gibt eine Reihe von Filmen, die diese katastrophale Seite von Weihnachten thematisieren und es gibt auch die Erfahrung vieler Familien - dass etwa die Eltern garantiert vor dem Heiligen Abend heftig streiten. Und wenn es so etwas wie Weihnachtsglück und Weihnachtsfrieden gibt, dann vielleicht gerade aufgrund der Erfahrung, dass man trotz Streit, Hektik und Stress den Abend heiter zu Ende feiert. Das sind psychodynamische Prozesse, die ebenfalls mit dem Begriff Symptom erfasst werden können.