Weihnachten wird meistens zurückgezogen im Kreis der Familie gefeiert. Ist es in der Kleinform überhaupt noch als "Fest" zu bezeichnen?

Weihnachten als Familienfest, das nicht in der Öffentlichkeit gefeiert wird, entsteht erst im 19. Jahrhundert. Damals wurde - im Zuge der Definition der Kleinfamilie als Keimzelle des Staates - das Weihnachtsfest verstärkt in den Kreis der Familie verlagert. Nicht zufällig wurde der Sonntag der heiligen Familie erst 1920 eingeführt! Im Moment befinden wir uns in einem gegenläufigen Trend; Alternativangebote am Heiligabend und 25. Dezember für Alleinstehende nehmen jedes Jahr deutlich zu. Während meiner Kindheit im katholischen Wien konnte man entweder allein sein und trauern oder eben im Kreis der Familie zusammensitzen. Heute gibt es genug Alternativangebote.

Trotz der Ambivalenz ist Weihnachten doch mit vielen lebensbejahenden Symbolen versehen - allen voran der immergrüne Baum -, die in den häuslichen Stuben vorherrschen. . .

Das ist vollkommen richtig. Der Baum hat sich aber auch erst spät, ab dem 16. /17. Jahrhundert, entwickelt; zunächst waren es nur grüne Zweige - als Hoffnungsversprechen. Die positiven Inhalte können allerdings nur im Verhältnis zu den Bedrohungen verstanden werden. Deshalb ist die Rede vom Weihnachtsfrieden in jenen Jahren am schönsten, in denen es nötig ist, einen Waffenstillstand auszuhandeln. Eine der beeindruckendsten Weihnachtserzählungen ist die Geschichte von der Kriegsweihnacht 1914, als Engländer, Franzosen und Deutsche an der Westfront gemeinsam Weihnachten feierten und damit den Unmut ihrer Generalstäbe erregten. Für das Folgejahr wurden Verordnungen erlassen, dass man auch am Fest der Liebe gepanzert bleiben müsse.

Was feiern wir eigentlich, wenn wir Weihnachten feiern? Oder besteht Weihnachtsstimmung darin, "dass wir uns freuen, dass Weihnachtsstimmung herrscht", wie Sie es einmal formuliert haben?

Diese Frage, was wir eigentlich feiern, hat mich beschäftigt, gequält und verfolgt. Aber obwohl wir nicht klar darüber Auskunft geben können, ist das Fest nur vordergründig tautologisch. Inzwischen habe ich eine bessere Antwort darauf. Ich denke, was wir zu Weihnachten feiern, hat tatsächlich mit dem Überleben zu tun. Wir sind sozusagen in einem pathetischen und gleichzeitig ganz banalen Sinn die Überlebenden der Kindheit. Merkwürdig ist, dass diese beiden Themen - die Kindheit und die Bedrohung - alle kulturellen Formationen überlebt haben, und das universalisiert sich im Moment auch im Fortschreiten der Globalisierung. Weihnachten ist das erste Fest, das man wirklich als globales Fest beschreiben kann. Es hat sich erstaunlicherweise auch in Japan, China und sogar in den arabischen Ländern durchgesetzt.

Ergibt sich daraus nicht ein gewisser weltweiter Zwang, Weihnachten zu feiern?

Der Weihnachtsfeierzwang wird vordergründig nicht so stark erlebt, wie der Zwang zu bestimmten Elementen von Weihnachten. Das Verblüffende an der Globalisierung ist nämlich, dass sich Festversionen und -inhalte durchsetzen, die ziemlich merkwürdig sind. Santa Claus ist sozusagen der Kriegsgewinner der Weihnachtsfeste. Eigentlich ist er eine abgeleitete Nikolaus-Figur, die aber mit dem Nikolaus nichts mehr gemeinsam hat. Umgekehrt ist es so, dass man auf den Weihnachtsmärkten keinen Nikolaus mehr bekommt. Oft wissen die Leute nicht mehr, woran die Unterschiede festzumachen sind. Man muss erst daran erinnern, dass der Nikolaus immer eine Mitra, eine Bischofsmütze, trug, im Gegensatz zur roten Zipfelmütze des Weihnachtsmanns.

Wenn sich Weihnachtssymbole unterschiedlicher Herkunft vermischen, gibt es eine ähnliche Tendenz auch zwischen Weihnachten und anderen Festen?

Es gibt einen vitalen Festtransfer zwischen Halloween und Weihnachten. Der Filmregisseur Tim Burton hat es bewiesen in seinem großartigen Animationsfilm "The Nightmare before Christmas". Im Film geraten das "Halloweenland" und das "Weihnachtsland" durcheinander, woraufhin Skelette und das ganze Horrorpersonal zu Weihnachten auftauchen. Es ist tatsächlich so, dass Feste eine gewisse Durchlässigkeit entwickeln. Gerade Halloween hat sich in einer Weise verbreitet, dass selbst der Kürbisanbau davon profitiert. Ein weiteres Filmbeispiel von Tim Burton ist übrigens "Batman Returns". Am Beginn wird hier direkt - und wieder zu Weihnachten - ein Kindsmord praktiziert. Die Eltern - nachdem sie noch alle am Weg mit "Frohe Weihnachten!" grüßen - schieben den Kinderwagen mit dem monströsen Kindchen darin auf eine Brücke und kippen es in den Fluss. Und das ist die Vorgeschichte des Pinguinmenschen, der später eine Reinszenierung des betlehemitischen Kindermords erreichen will. Das ist mit viel Witz und Ironie dargestellt und gleichzeitig doch auch sehr sachkundig, was die Kulturgeschichte des Festes betrifft.

Zur Kultur des Weihnachtsfestes gehört auch ganz zentral, sich zu beschenken. Woher stammt dieser Brauch?

Das Schenken hat sich erst relativ spät eingebürgert, in seiner zivilen Form ist es eine Sache des 19. Jahrhunderts. Lange vor dieser Geschenkpraxis zu Weihnachten gab es den Brauch des Heischens, der um den Nikolaustag herum anfing. Im Mittelalter wählten die Kinder in den Klöstern einen Kinderbischof und mit ihm wurden sogenannte Heischegänge unternommen. Man klopfte an die Türen, sang ein Lied oder sagte ein Sprüchlein auf und kassierte dafür Geldmünzen, Süßigkeiten oder Lebensmittel. Der Brauch, dass man sich die Geschenke quasi abholt, hat sich sehr lange gehalten. Später hat er sich auf den Unschuldig-Kindleinstag verschoben und ist an diesem Datum bis heute in vielen Gegenden Österreichs z.B. in Kärnten - wo es Paschen heißt - erhalten geblieben. Sogar am Ursprung der Schenkpraxis steht demnach etwas sehr Ambivalentes. Die Frage drängt sich nämlich auf, ob wir nicht schenken, um eine Schuld zu begleichen. Wenn die Kinder am 28. Dezember, also am Erinnerungstag des betlehemitischen Kindermords - hier ist der Zusammenhang ganz sichtbar - mit Ruten von Haus zu Haus gehen, um Geschenke zu fordern, ist das Schenken so etwas wie eine Sühneleistung. Diesen Schuldzusammenhang gibt es noch in anderer Form. Vor dem Weihnachtsmann war der Nikolaus der Geschenkebringer. Aber er hat eben auch den Dämon mit seinen Ruten dabei. Die Ambivalenz ist hier wieder ganz plastisch präsent: eine Gabenbringergestalt, die gleich ihr Gegenteil mitbringt - und das Schenken so mit einer Drohung verbindet.